Präsident des Syrischen Transportunternehmer-Verbandes, M. Saleh Keichour, zu Gast im Industriegebiet Maisach 

Logistik sucht "Auswege"  für Syrien 

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M. Saleh Keichour,  Präsident des syrischen Transportunternehmerverbandes, bei seinem Besuch im Maisacher Industriegebiet. 

Maisach - Diesmal war die Anreise umständlich für den Präsidenten des syrischen Transportunternehmerverbandes, M. Saleh Keichour: Erst eine nicht ungefährliche Autofahrt zu einem der drei noch geöffneten syrisch-libanesischen Grenzübergänge, dann von Beirut mit Visum ein Flug nach Italien, von dort nach Deutschland - ins Industriegebiet Maisach zum Unternehmen des auf Nah- und Mittelost spezialisierten Logistik-Fachmanns Thomas Paar.

Die Geschäftsleute suchen nach Alternativen. Denn der Lastwagenverkehr in Syrien, den Paar noch über türkische Frachtführer aufrecht erhielt, ist angesichts der verfahrenen politischen Lage endgültig zusammengebrochen. Wenn man die (politische) Landkarte betrachtet, wird klar, dass für das Maisacher Unternehmen „Groupage Service Syrien GmbH“ zur Zeit nur noch Seefracht-Container in Frage kommen ab den Nordhäfen oder Italien, je nachdem aus welchem Part von Europa das Sammelgut konsolidiert wird. 

Der Frachtverkehr mit Lastwagen, den Thomas Paar noch als letzter mit türkischen Frachtführern aufrechterhielt, ist seit kurzem völlig eingestellt worden. Die türkisch-syrische Grenze oder die jordanisch-syrische Grenze ist für den Frachtverkehr momentan ebenfalls tabu. Was bleibt, ist das Nachbarland Libanon, aber auch Geschäfte mit dem Irak und dem Iran. Keichour: „Es gibt momentan noch drei Grenzübergänge, die wir passieren können.“ ( Strecke zwischen Al-Aarida und Al-Aboudieh für beladene Laster vorübergehend geschlossen). Er selbst habe durch den Bürgerkieg 70% seiner früheren Einnahmen eingebüßt und sein Büro aus dem zerstörten Aleppo nach Cairo verlagert, wohin er zwischenzeitlich auch seine Familie in Sicherheit gebracht habe. Selbst in Damaskus sei es nicht möglich, nach 19 Uhr noch auf die Straße zu gehen. 

Auf seinem Tablet sind Bilder aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg gespeichert mit herrlichen Ansichten von Aleppo: „Unser wunderschönes Land, 40 Jahre war Syrien ein schönes und sicheres Land. Wir sind Menschen, wir sprechen nicht über die Politik.“ Trotzdem erzählt er, wie schwierig es ist, Verstorbenen ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen. Als sein Vater vor kurzem starb, durften nur zwei Angehörige mit zum Grab - begleitet von zwei Bewaffneten der „Befreier“/Opposition. Nach der religiösen Vorschrift muss der Tote in ein Leintuch gehüllt in einen Sarg gelegt werden - für alles müsse man bezahlen. „Und man darf den Friedhof nicht mehr besuchen,“ klagt Keichour. Er käme aber nicht nach Deutschland, um um Hilfe zu bitten. Im dem von Rebellen/Revolutionären kontrolliertem Gebiet wurden jüngst zwei Bischöfe entführt und inzwischen wieder freigelassen. Vor allem auf finanzkräftige Geschäftsleute habe man es abgesehen, befürchtet der Verbands-Präsident, der mit gemischten Gefühlen Kontrollen der selbsternannten Befreier und islamistischer Krieger erdulden muss, wenn er aus dem geschützten Cairo kommend - nach Damaskus oder in die Gegend von Aleppo reist. 

Erinnerungsfotos von Aleppo, der inzwischen schwer zerstörten Heimatstadt, auf dem Tablet.

Aleppo habe große Schäden erlitten, viele historisch wertvolle Gebäude, und der Souk, der älteste überhaupt, seien zerstört. Es mangele an Wasser, Lebensmitteln, Bürger, die in ihrem Land ausharren, müssten sich mit Fladenbrot und schwarzem Reis begnügen, die Versorgung mit Benzin und Elektrizität sei mangelhaft , Schulen und Ämter funktionieren nur noch in Damaskus, Latakia allerdings sei durch seinen Seehafen begünstigt. Thomas Paar und Keichour finanzieren die Löhne der Keichour-Angestellten weiter. Seinem Verband gehörten ursprünglich 350 Mitglieder an, mit bis zu 400 Fahrzeugen. Wegen der desolaten Situation in Syrien seien inzwischen viele ausgeschieden. Früher beschäftigte der syrische Logistik-Fachmann in seinem Betrieb rund 50 Mitarbeiter - Christen und Muslime, Kurden: „We mixed it“, und es gab keine Probleme. Sie erhielten 400 Dollar im Monat. Jetzt wurden einige von ihnen abgeworben - „für 1000 Dollar im Monat und gleich noch ein Gewehr dazu“. Obwohl es noch zahlreiche Zeitungen gibt und Satellitensender und dazu ausländische Berichterstatter, die unter Lebensgefahr entweder unter dem Schutz der Assad-Truppen oder illegal im Schutz der Rebellen durch einzelne Kampfgebiete geschleust werden, ist der Wahrheitsgehalt und die Seriösität der Nachrichten nicht überprüfbar. Im syrischen Bürgerkrieg war eine internationale Intervention nicht möglich - es besteht das Veto von Russland und China. 

Viele internationale Drahtzieher helfen der Gegenseite mit Geld und z.T. mit (leichten) Waffen, von Katar und Saudi-Arabien ist die Rede. Auf der Seite Assads stehen der Iran und die schiitische Hizbollah im Libanon, Schutzmacht und Waffenlieferant ist seit Jahrzehnten Russland. Bewaffnete Extremisten der Al-Nusra-Front und Al-Kaida, sogar von deutschen Anhängern ist die Rede, sickern ein - die Gefahr von Entführungen erscheint deshalb auch für Geschäftsleute und für die im Land verbliebenen Christen hoch. 

 Die sog. „Freie Syrische Armee“, sei gezwungen, sich deutlich von islamistischen Kämpfern zu distanzieren, wenn sie weiterhin westliche Hilfe und Ausrüstung in Anspruch nehmen wolle, hieß es in einem Zeitungsbericht. Das Nachbarland Jordanien trägt schwer an der Versorgung der großen Zahl der syrischen Flüchtlinge, vor allem auch wegen der knappen Wasserressourcen.  Die Türkei: Aus dem einstigen Freund Erdogan wurde ein ungeliebter Nachbar. 

Man glaubt, dass auf Schleichpfaden Kämpfer einsickern und das westliche Ausland fürchte sich davor, dass diesen chemische oder biologische Waffenarsenale in die Hände fallen könnten. Keine offizielle Bestätigung gibt es bisher für entsprechende Anschuldigungen, die gegen das Assad-Regime in Bezug auf die angebliche Verwendung von Sarin (im Dritten Reich von deutschen Wissenschaftlern entdeckt) erhoben werden. 

 Über 100 000 Menschen sind in diesem blutigen Bürgerkrieg schon gestorben. Drei Monate zuvor wurde Keichour Zeuge des grausamen Anschlags, vermutlich ein Werk von Terroristen und Extremisten, die ein Blutbad an der Universität von Aleppo unter jungen Studenten und Studentinnen angerichtet haben. Die behauptete Bombardierung der Armee habe es nicht gegeben. Stattdessen viele Opfer, die die Explosionen der Extremisten nicht überlebt haben. Keichour: „Vom Balkon aus konnte man überall abgetrennte Beine und Arme sehen“. 

 Info: www.keichour.com


 Hedwig Spies 

 

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