Theaterstück der Initiative "Trau dich!"

Kinder stärken, Missbrauch verhindern

+
Im Theaterstück wird Vladimir immer wieder von seiner Oma abgebusselt – und kann es gar nicht leiden.

Germering – Etwa jedes zehnte Kind ist von sexuellem Missbrauch betroffen. Das bedeutet, im Durchschnitt sitzen in jeder Klasse ein bis zwei Kinder, die diese schreckliche Erfahrung machen mussten. Deshalb haben das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2012 die Initiative „Trau dich!“ gestartet. Sie richtet sich mit einem interaktiven Theaterstück an Kinder, Eltern und Lehrer. Jetzt hat die Initiative Halt in Germering gemacht.

Vladimir kann es nicht ausstehen, wenn ihn seine Oma mit Küssen überzieht. Und doch lässt sich die alte Dame nicht davon abhalten. Vladimirs Grenzen sind überschritten. Das wird in dem Theaterstück, dass sich am Dienstagvormittag mehrere 100 Grundschüler im Orlandosaal der Stadthalle ansehen durften, klar. Doch Vladimir weiß nicht, wie er sich gegen die Liebesbeweise seiner Oma zur Wehr setzen soll.

Information, Stärkung und Förderung

Das Theaterstück ist das zentrale Element der Inititative „Trau dich!“. Der Fokus des Projekts liegt auf der Information, Stärkung und Förderung der Kinder. So sollen das Selbstbewusstsein und die Sprachfähigkeit von Mädchen und Buben gestärkt werden. Kinder sollen sensibilisiert werden, ihre Rechte zu kennen und sich an Erwachsene wenden, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Zudem informiert die Initiative über Beratungsangebote und ermutigt, sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber auch Eltern und Pädagogen sollen so unterstützt werden, die richtige Sprache für das Thema sexuelle Gewalt zu finden, Hinweise zu erkennen und im Verdachtsfall adäquat reagieren zu können.

Kritik an geringer Beteiligung

„Das Projekt ist sehr gut geeignet, dieses heikle Thema anzusprechen“, sagt Thomas Frey vom Brucker Schulamt. Oft sei der Lehrer die zentrale Ansprechperson. Deshalb sei es gut, dass die Initiative sich auch an die Pädagogen richte. Gleichzeitig kritisierte Frey, dass beim einzigen Stopp des Projekts im Landkreis nur vier Schulen mit rund 200 Schülern gekommen seien. „Offenbar haben wir nicht alle erreicht“, so Frey. Eingeladen seien aber alle Grundschulen im Landkreis gewesen.

12.000 Fälle von Kindermissbrauch im Jahr

Wie wichtig Projekte wie „Trau dich!“ sind, zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei einen Anstieg auf über 12.000 Fälle. Experten gehen allerdings von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus. Denn oft manipulieren die Täter ihre Opfer so gezielt, dass sie sich niemandem anvertrauen. Zudem müssten sich Kinder oft mehreren Erwachsenen anvertrauen, bevor ihnen Glauben geschenkt wird. Deshalb appelliert auch Barbara Oppermann von der schulpsychologischen Beratung im Brucker Schulamt: „Wir müssen der Wahrnehmung der Kinder mehr Raum geben.“ Deshalb sei es wichtig, auch Eltern und andere Vertrauenspersonen mit ins Boot zu holen.

„Das passiert nur Mädchen“

Ein Problem für die Experten ist zudem die Wahrnehmung sexueller Gewalt. Viele Menschen seien der Meinung, das Thema betreffe hauptsächlich Mädchen und junge Frauen. „Aber auch Jungen sind nicht selten betroffen“, sagt Peter Mosser von der Kontakt,- Informations- und Beratungsstelle für junge Männer, die von sexueller Gewalt betroffen sind (kibs). „Das passiert nur Mädchen“, habe ihm einmal ein Schüler gesagt. Und auch Eltern von Jungen würden manchmal vergessen, dass auch ihre Söhne zu Opfern werden können.

Täter aus direktem Umfeld

Bei den Tätern überwiegen ganz klar die Männer. Und sie stammen meist aus dem direkten Umfeld, sind Angehörige oder gute Bekannte, so das Familienministerium. Tatorte sind demzufolge meist das Zuhause der Opfer beziehungsweise der Täter. Im Durchschnitt liegt das Alter, in dem Betroffene erste Missbrauchserfahrungen machen bei 9,5 Jahren. Kinder im Grundschulalter seien daher die am meisten gefährdete Gruppe.

Wohl auch deshalb hat das bayerische Kultusministerium die Initiative „Trau dich!“ auch nur für Dritt- und Viertklässler zugelassen. Barbara Oppermann findet das schade. Sie würde sich wünschen, das Projekt auch auf die fünften und sechsten Klassen auszudehnen.

Tobias Gehre

Auch interessant

Meistgelesen

Löschfahrzeug zum Jubiläum
Löschfahrzeug zum Jubiläum
Ausgezeichnete Unternehmer
Ausgezeichnete Unternehmer
Wettstreit um Polizeigebäude
Wettstreit um Polizeigebäude
Hausaufgaben für Puchheim
Hausaufgaben für Puchheim

Kommentare