Im Schneetreiben sprach der  Überlebende des Todesmarsches Abba Naor am Mahnmal in Fürstenfeldbruck mahnende Worte 

Stadtarchivar fordert: "Öffentliche Debatten über die NS-Verbrechen dürfen nicht aufhören"

Schüler, Lokalpolitiker, darunter OB Sepp Kellerer und Landrat Thomas Karmasin, eine Abordnung des Fliegerhorstes, der AK Mahnmal und Stadtarchivar Dr. Gerhard Neumeier gedachten der Opfer des NS-Regimes. Dieter Metzler 

Fürstenfeldbruck – Man dürfte keinen Schlussstrich ziehen bei der Erforschung der NS-Zeit und der öffentlichen Debatte über die NS-Verbrechen, sagte der Brucker Stadtarchivar Dr. Gerhard Neumeier bei seiner Ansprache anlässlich der Gedenkfeier am 27. Januar am Todesmarsch-Mahnmal in der Großen Kreisstadt. Vor Ort waren auch der 85-jährige Abba Naor und Karl Rom, beide Überlebende des Todesmarsches. 

Der Historiker  Dr. Neumeier  mahnte zur Wachsamkeit gegenüber den Bedrohungen von Freiheit und Demokratie durch rechts- und linksextremistische Bewegungen und Parteien, wies auf den NSU-Prozess in München hin, erinnerte daran, dass in zwei Landtagen Neonazis vertreten seien und warnte vor der Verunglimpfung von Minderheiten und der Leugnung der Shoa. 

Zuvor hatte Dr. Neumeier den ca. 200 Bürgerinnen und Bürgern aus der Kreisstadt, darunter die Klassen der 9a und 9b der Mittelschule West, der Technik-Klasse 12 der BOS, einer Schulklasse des Rasso-Gymnasiums und einer Klasse der Emmeringer Grundschule  in Erinnerung gerufen, wie die Nationalsozialisten 1933 zahlreiche Einzelmaßnahmen zur Sicherung ihrer Macht ergriffen. Die Errichtung von Konzentrationslagern zur Inhaftierung der politischen Gegner und aller „Minderwertiger“: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle usw. zählten dabei zum zentralen Instrument der Herrschaft der Nationalsozialisten. Die Wannseekonferenz beschloss am 20. Januar 1942 die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“, die letztlich die Ermordung von elf Millionen Menschen zur Folge hatte. 

Mit dem Vormarsch der alliierten Truppen zum Kriegsende 1945 begannen die Nationalsozialisten mit der Räumung der Konzentrationslager. Am 24. April 1945 begann der Abmarsch vom KZ-Außenlager Kaufering zum KZ Dachau. Der Fußmarsch führte nach Schwabhausen, Geltendorf, Jesenwang, Puch, Fürstenfeldbruck und Emmering. Durch die Kreisstadt marschierten Kolonnen von KZ-Häftlingen über die Landsberger-, Schöngeisinger- und Aicher/Pucher-Straße zum Marktplatz und zur Dachauer Straße. Bei dem Marsch wurden Häftlinge, die zusammenbrachen und nicht mehr aufstehen konnten von den SS-Leuten erschossen. Es herrschte größter Hunger, und die Brucker Bevölkerung warf zum Teil Brot aus den Fenstern.

 „Seit 20 Jahren haben wir einen Ort der Erinnerung an diesen unmenschlichen Marsch“, sagte Julia Zieglmeier vom Arbeitskreis Mahnmal. Es war damals der Wille vieler Menschen, die sich zu einer Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass in Fürstenfeldbruck zusammengefunden hatten, um ein bleibendes Zeichen zu setzen, so Zieglmeier. Der Arbeitskreis begrüße die Initiative der Stadt, einige Straßennamen, die Personen wie Werner von Braun ehren, zu überprüfen. Der Arbeitskreis würde es begrüßen, wenn die Stadt eine Straße nach einen der Überlebenden benennen würde, um die Erinnerung wach zu halten.

Die Überlebenden des Todesmarsches Karl Rom (l.) und Abba Naor (85) am Mahnmal in Fürstenfeldbruck. 

 „Ich komme immer gern nach Fürstenfeldbruck. Ich fühle mich hier wie bei lieben Freunden“, sagte der 85-jährige Abba Naor, der zusammen mit Karl Rom, beide haben den Todesmarsch überlebt, auch heuer wieder zur Gedenkfeier kam. Uri Chanoch, ein weiterer Überlebender des Holocaust, musste aus Krankheitsgründen absagen. Er brauche keinen besonderen Erinnerungstag, so Naor, bei seinen Vorträgen werde er ständig an die Gräueltaten des Nazi-Regimes erinnert. Allein im vergangenen Jahr besuchte er 100 Schulen, und stand den Schülerinnen und Schülern nach seinem Vortrag Rede und Antwort. „Das wird auch in diesem Jahr so sein.“ Der während der Gedenkstunde leicht einsetzende Regen wurde plötzlich zu einem starken Schneetreiben, dennoch sprach Abba Naor unbeirrt weiter. Auch die vier Musiker der Kreismusikschule Elias Codreanu, Andreas Bayer und Wolfram Rothert mit Tochter Sanna, die die Gedenkstunde musikalisch begleiteten, schonten ihre Instrumente nicht, als der Schneefall einsetzte. Dann fiel das Mikrofon aus. Die Menschen rückten näher zusammen, postierten sich um das Mahnmal und lauschten den Worten Abba Naors. 

So erfuhren sie noch, warum Naor enttäuscht war, als er am heutigen Morgen die Zeitung aufschlug und in der DIE WELT KOMPAKT einen kurzen Artikel über einem neuen Antisemitismus las. Auch ihm bereite, wie dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, Sorge, dass heutzutage das Wort „Jude“ auf deutschen Schulhöfen als Schimpfwort benutzt werde und es offenbar keinen groß zu kümmern scheine. In Anlehnung an einen schon etwas länger zurückliegenden Vorfall in Berlin, als ein Rabbi von Jugendlichen zusammengeschlagen wurde, sei Naor ebenfalls enttäuscht, dass es in Deutschland wieder Plätze gebe, an denen man jüdischen Menschen rate „lieber nicht hinzugehen“ beziehungsweise sich dort nicht „als Juden erkennbar“ zu zeigen, also mit Symbolen wie Kippa oder Davidstern.  

Dieter Metzler 

 

Auch interessant

Meistgelesen

Ballenpresse fängt Feuer
Ballenpresse fängt Feuer
Welche Band soll es in den Kreisboten schaffen?
Welche Band soll es in den Kreisboten schaffen?
Horror-Szenario als Übung
Horror-Szenario als Übung
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben

Kommentare