Zeitzeugen nahmen an einer zentralen Gedenkfeier im Bayerischen Landtag teil –  In FFB hielt Sozialpsychologe und Chronist Volker Gold die Rede

Gedenken am Todesmarsch-Mahnmal

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Gedenkstunde am Todesmarsch-Mahnmal in Fürstenfeldbruck

Fürstenfeldbruck – Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das KZ-Todeslager Auschwitz/Birkenau durch die Rote Armee befreit. Alljährlich, so auch in diesem Jahr, erinnerte der Arbeitskreis Mahnmal mit Unterstützung des Landratsamtes am Todesmarsch-Mahnmal in der Kreisstadt im Rahmen einer Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus.

 Als Mitglieder der „Vereinigung der Überlebenden der Außenlager Landsberg/Kaufering des KZ Dachau“ haben Uri Chanoch, Solly Ganor, Zwi Katz, Abba Naor, Karl Rom und Max Mannheimer in der Vergangenheit immer als Gäste an der Gedenkfeier teilgenommen. Heuer musste die Gedenkfeier erstmals nach vielen Jahren ohne diese Zeitzeugen auskommen, die an einer zentralen Gedenkfeier im Bayerischen Landtag teilnahmen. Dennoch waren auch heuer wieder viele Menschen, darunter zahlreiche Repräsentanten des öffentlichen Lebens, der Einladung von Julia Zieglmeier vom Arbeitskreis Mahnmal gefolgt. 

Nach jüdischem Brauch legte Brucks Oberbürgermeister Klaus Pleil einen Stein am Todesmarsch-Mahnmal ab

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier vom BR-Klassik-Moderator Ulrich Habersetzer. Katharina Stadlmayer und Luca Koukounakis vom Stadtjugendrat trugen einige Passagen aus Max Mannheimers „Tagebuch an der Todesrampe“ vor. Eine Veranstaltung gegen das Vergessen nannte Zieglmeier die Gedenkfeier. „Dies ist die Botschaft, die für alle Zeit gilt, insbesondere deshalb, weil allzu viele in unserer Gesellschaft – lt. einer Bertelsmann Studie – rund 80 Prozent – dies vergessen wollen“, sagte Zieglmeier und überbrachte herzliche Grußworte von Abba Naor, der als 16-Jähriger mit dem Todesmarsch durch Bruck gezogen war. Dabei erinnert er sich an Menschen in der Stadt, die ihm Brot zugeworfen haben und Wasser zu trinken gaben. Seit vielen Jahren spricht Abba Naor in Schulen des Landkreises, um als Zeitzeuge den Jugendlichen über sein Schicksal zu berichten. Deshalb sei es ihm ein besonderes Anliegen, die Jugend an unserem Gedenken hier am Mahnmal zu sehen, so Zieglmeier. 

Sozialpsychologe und Chronist Volker Gold hielt die diesjährige Gedenkrede

Die Jugend, schrieb Abba Naor, ist die Zukunft unserer Demokratie – die Toleranz allen gegenüber ausübt, seien sie Christen, Juden, Mohammedaner oder anderer Religionszugehörigkeit. „Ich gebe der heutigen jungen Generation zwar Recht, wenn sie sagen, wir müssten nach vorne blicken. Wenn wir uns aber über die Vergangenheit nicht informieren und Entgleisungen des Menschlichen damals wie heute nicht zur Kenntnis nehmen, sehen wir vorne in der Zukunft nicht das, worauf es ankommt. Dann sehen wir auch nicht, dass sich der unaufgeklärte und dadurch verführbare Mob wieder organisieren könnte und ihm nichts entgegenzusetzen hätten als unhistorische und unpolitische Naivität“, sagte Volker Gold. Der Sozialpsychologe und Chronist hat u. a. über die Judengräber von Schwabhausen publiziert. Auf einem KZ-Friedhof im Ortsteil Weil, sind etwa 130 Opfer der NS-Gewaltherrschaft in Sammelgräbern beigesetzt. Sie starben in den letzten Kriegstagen 1945 bei einem Angriff amerikanischer Flieger auf einen Zug mit KZ-Häftlingen. 

Auch nach 70 Jahren möchte, muss sich Gold an die Ereignisse im Frühjahr 1945 immer wieder erinnern. Im Hochgefühl großdeutschen Bewusstseins wurde er gezeugt und geboren, so Gold. In der nationalen Beschämung und im Klima der Leugnung von Mitverantwortung fürs Mittun und Zulassen sei er aufgewachsen. Zu seiner persönlichen Identität gehöre Erinnern so notwendig wie Atmen und Singen. Das sinnlose Morden, so etwas dürfe nicht mehr geschehen, bei uns nicht und auch nicht woanders auf der Welt. Und dennoch geschieht es. Das Wachhalten böser Erinnerungen könnte ein Schutz sein. 

Nach jüdischem Brauch legte der Standortälteste und Kommandeur der Offizierschule der Luftwaffe, Brigadegeneral Bernhardt Schlaak, einen Stein am Todesmarsch-Mahnmal ab

Er hoffe, so Gold, dass die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die derzeit aus ihrer Heimat fliehen und Schutz in Deutschland suchen, ihn auch finden und sich die Menschen vielleicht daran erinnern, wie vor 80 Jahren „Unsere bis dahin gut integrierten, dann aber zu Fremden gemachten jüdischen Mitbürger mit Schimpf vertrieben wurden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnten selbst die Vernünftigen und Aufrechten unter unseren Vorfahren den jüdischen Zwangsarbeitern in den KZ-Außenlagern nicht mehr helfen, weil sie selbst Mitgegangene und Mitgefangene eines menschenverachtenden Systems wurden. Solche Parallelen berühren ihn stark, sagte Gold. Sie könnten die Kraft verleihen, sich des Elends der heutigen Flüchtlinge anzunehmen, sie begleiten und zu betreuen. Erinnern wir uns an den Satz: Überall, außer hier, sind auch wir Fremde. Doch leider gebe es immer noch fehlgeleitete und verwirrte Geister, die dem Nationalsozialismus und seinem herrischen System nachhängen, erinnerte Gold am Ende seiner Ausführungen an die im August 2014 in Schwabhausen mit NS-Symbolen geschändeten Gräber.

 Dieter Metzler

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