Türkische Vorherrschaft

Tür

kische Vorherrschaft im Nahen Osten – Europa nicht ungelegen? Eine weit verbreitete Ansicht unter den politischen Beobachtern lautet: Die Türkei besiegelt ihre Abkehr von Europa und seinen außenpolitischen Prinzipien mit ihrer Großmachtpolitik im Nahen Osten und ihrem demonstrativen Muskelspiel gegen Israel. Doch wenn man etwas genauer hinsieht scheint dies nicht so eindeutig. Was an den Auftritten des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan wenig beachtet wurde ist sein vehementes Eintreten für eine säkulare, auf Trennung von Staat und Religion basierende Demokratie. Das preist er auch indirekt an als Modell für die postrevolutionären Gesellschaften des "arabischen Frühlings ". Gleichzeitig will er so den türkischen Führungsanspruch im turbulenten Neuordnungsprozess des Nahen Ostens herausstellen. Wobei hinter dem für uns Europäer wohlklingenden Bekenntnis zum Säkularismus ein starkes türkisch-nationalistisches Sendungsbewusstsein zum Vorschein kommt. Dabei steht auf einem anderen Blatt, dass Erdogan und seine Regierungspartei AKP ihrerseits dabei sind, die säkularen Fundamente des türkischen Staates religiös zu unterhöhlen. Aber Erdogans Ausführungen über die Vereinbarkeit von Islam und säkularen Staat sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Darin sieht Erdogan nämlich als ein Markenzeichen der Türkei, unter dem sie sich der arabischen Welt als moderne Führungsmacht empfiehlt. Damit ist die Türkei eine interessante Alternative zu den bisherigen Hauptrivalen um die Vorherrschaft in der Region, Saudi-Arabien und dem Iran. Diese sind fest im Griff religiös-fundamentalistischer Diktaturen. Zudem kann Erdogan darauf spekulieren dass es Europa nicht ungelegen käme, setzte sich die Türkei im explosiven Nahen Osten als Ordnungsmacht durch. An Europas Fähigkeit, den arabischen Völkern seine eigenen Werte und demokratischen Prinzipien als Leitbild ihrer neuen Gesellschaft schmackhaft zu machen, glaubt nämlich niemand mehr so recht, am wenigsten die Europäer selbst. Wie praktisch wäre es doch, nähme ihnen ein islamisch geprägtes Land diese Aufgabe ab. Gleichzeitig mit dem Hintergedanken die zukünftigen Verfassungen arabischer Staaten mit denen der westlichen Welt zumindest einigermaßen kompatibel zu machen. Ein der Türkei ähnelnder Naher Osten wäre alle Mal einem vorzuziehen, der wie Saudi-Arabien oder die islamische Republik Iran aussieht. Die wachsende Beunruhigung über das martialische türkische Auftreten wird in manchen europäischen Regierungskreisen daher durch die heimliche Hoffnung überlagert, die Türken könnten Europa die Aufgabe einer mindestens notdürftigen demokratischen Stabilisierung der turbulenten Krisenregion abnehmen. Genau das, was sich wohl die Europäer, zunehmend aber auch die USA, nicht mehr zutrauen. Dass Erdogans Türkei im Bestreben, das Vertrauen der Araber zu gewinnen auf den "zionistischen Bösewicht " Israel eindrischt wird dabei in Kauf genommen. Wahrscheinlich solange die Türken die rote Linie offener militärische Aggression nicht überschreiten. Doch ungeachtet aktueller antiisraelischer Drohgebärden negiert die Türkei, anders als arabische Staaten sowie der Iran, doch nicht grundsätzlich die Existenz Israels. An dieser Stelle aber soll eine "islamische Demokratie" nach Art der Türkei die rettende Brücke sein. Aus diesem Grund und aus eigener Schwäche, die sich in der Manövrierunfähigkeit der gemeinsamen EU-Außenpolitik zeigt, hält sich die Neigung Europas wohl in engen Grenzen, dem NATO-Mitglied und EU-Aspiranten wegen seines „freibeuterischen“ Konfrontationskurses in Nahost zu kritisieren Ein kalter Schauer läuft den europäischen Staatenlenkern aber über den Rücken, wenn sie daran denken, dass die Türkei ihre Vorherrschaftsambitionen auf Europa ausweiten könnte. Das aber deutet sich mehr oder weniger bereits an. Ein Beispiel dafür war die Drohung der Türken mit dem Einsatz ihrer Kriegsmarine, sollte Zypern wie geplant Probebohrungen nach Erdgasvorkommen im Mittelmeer durchführen. Hier ist Vorsicht geboten. Der Türkei den Vortritt im Nahen Osten zu lassen kann sich für die Europäer bitter rächen. Dann nämlich wenn die Türkei für diese Rolle einen Preis in Europa einfordert. Erik Hoeschen, mit Ehefrau (Gymnasiallehrerin), Eichenau - z.Zt. für drei Jahre beruflich in Istanbul tätig

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