Unbekanntes Sibirien - Der Puchheimer Soziologe Bernhard Ufholz berichtete über die Heimat seiner Ehefrau

Der Dozent und Dipl.Soziologe Bernhard Ufholz mit Tochter Irina im Puchheimer Bürgertreff. Er sprach über das von ihm geschätzte, unbekannte Sibirien. Foto: Günter Schäftlein

Der geopolitische Begriff „Sibirien“ weckt fast automatisch Assoziationen wie Kälte, Tundra, unabsehbare Weiten und Gefangenenlager (Gulag). Bernhard Ufholz, verheiratet mit einer russischen ‚Sibiriakin’ aus Tyumen, zeigte in seinem vhs-Vortrag die Schönheiten von drei sibirischen Metropolen, Natur und menschliches Leben in diesem von Vorurteilen geprägten, rohstoffreichen Russland jenseits des Urals.

Bernhard Ufholz, 56, in Puchheim begleitet von der 12jährigen Tochter Irina, kennt Westsibirien von intensiven Reisen, Erkundigungen und Verwandtenbesuchen bei den Eltern seiner Frau in Tyumen. Er schildert noch immer begeistert in Worten und belegt in faszinierenden Bildern seine Eindrücke zwischen 2006 und 2010: So von und aus Jekaterinburg (1924 bis 1991 Swerdlowsk) der Todesstadt der gesamten Zarenfamilie 1918 und heute mit 1,3 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sibiriens an einem kleinen Flüsschen namens ‚Ural’. Die seit 1970 vorangetriebene Urbanisierung förderte die Gründung von Universitäten und Forschungsinstituten. Hier pulsiert heute Leben, ein Neubauboom brachte architektonisch schmucke Hochhäuser in eine erstaunlich saubere Stadt mit großzügigen Flächen und Parks, Fußgängerzonen und Eisverkäufern, die im Sommer und Winter gleichermaßen unverdrossen auf der Straße stehen. Auf dem Grund des Hauses, in dem die Romanows von den Sowjets ermordet wurden, steht seit einigen Jahren eine prächtige, neuerbaute Kathedrale der orthodoxen Kirche. Oder Tobolsk, 100.000 Einwohner, die ehemalige Hauptstadt Sibiriens, mit einem eigenen ‚Kreml’ (zu deutsch: Burg, Befestigung). Im Stadtbild fallen die Ostblock-geläufigen Plattenbauten auf, die jedoch äußerst geschickt in den letzten Jahren mit Glasvorbauten attraktiv verschönt wurden. Eindrucksvoll die Sophienkathedrale mit vergoldeten Kuppeln, wozu der Referent anmerkt: „In orthodoxen Kirchen steht man, denn es gibt keine Sitzplätze. Und das am Karfreitag von elf Uhr nachts bis in die frühen Morgenstunden. Außerdem sind im Altarraum keine Laien erwünscht.“ Schließlich die Verwandtenstadt Tyumen mit rund 600.000 Einwohnern. Eine Straßenstadt, die älteste russische Stadt Sibiriens, bereits 1586 gegründet durch die Pionierleistung von Kaufleuten und Kosaken: 1.500 Km östlich von Moskau und 3.500 Km von München entfernt. Sie gilt als drittreichste Stadt Russlands - ohne Arbeitslose! Immerhin gibt es hier drei Universitäten mit 110.000 Studenten, viele Forschungseinrichtungen und eine Ansammlung internationaler Firmen. Das alles dank der Erdöl- und Erdgasvorkommen - 2000 Km entfernt im Norden des Landes erkundet und erschlossen. Hier, im Süden Westsibiriens, ist es im Sommer monatelang um die 30 Grad warm, wachsen - wenn man nicht aufgrund des Wohlstands vor den Datschas Rasen angelegt hat - Tomaten, Gurken und Zucchini. Fast jeder hat eine Datscha, draußen, vor der Stadt. Und außer diesen individuellen Freizeittempeln gibt es noch das große Vergnügen der Bade- und Angelseen. Der Referent: „So sauber die Städte auch sind - auf ihre Natur nehmen die Russen keine Rücksicht. Sie haben zur Natur ein eigenes, un-bekümmertes Verhältnis. Da bleibt liegen, was lästig ist.“ Während des 2. Weltkriegs wurde in Tyumen der einbalsamierte Leichnam von Lenin vor der anrückenden deutschen Wehrmacht in Sicherheit gebracht. Bei aller früheren Feindschaft werden die Deutschen jedoch von den Russen als Kulturnation geschätzt - vor allem auch wegen ihrer Klassiker. In Tyumen existieren inzwischen auch deutsch- und englischsprachige Gymnasien; ein Schultyp, den man früher nicht kannte. Die Stadt ist stolz auf eine eigene Philharmonie. Überhaupt legt man Wert auf ein reiches, kulturelles Erscheinungsbild. Im Stadtbild auffällig sind die vielen, kunstvollen Fensterumrahmungen, überdachte Märkte, Konsumtempel und eine Vergnügungsmeile mit ganzjährigem Jahrmarkt. Dazu Wasserspiele, Zirkus und Biergarten - und ein Franziskaner-Weißbier-Restaurant. Es wird viel gebraten und gegrillt in Sibirien. Man achtet aber darauf, dass der Wodka nicht zu früh fließt. Russland verfügt in seiner riesigen Ausdehnung bis in den fernen Osten über insgesamt 11 Zeitzonen, aber leider auch nur über eine verschwindend kleine Mittelschicht. Auf dem offenen Land herrscht eine gewaltige Landflucht: „Jedes zweite Haus steht leer.“ In einem Dorf kann es also sehr einsam sein, auch wenn hier zufällig der Wunderheiler Rasputin geboren wurde. Zu jedem freistehenden Haus gehört wie selbstverständlich eine Sauna! Sibirien ist ein sehr großes Stück dieses Giganten „Russische Föderation“: Die größte zusammenhängende Landmasse der Erde. Und voller Überraschungen.

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