Das Original Münchner Kindl Christiane Vidacovich erzählte von ihrer Kindheit als Waise im Schatten des Viktualienmarkts bei einer Lesung

Lesung: Die Tanten vom Viktualienmarkt

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Christiane Vidacovich 01 Die Münchnerin Christiane Vidacovich las aus ihrem Buch „Die Tanten vom Viktualienmarkt“ in der Stadtbibliothek FFB

Fürstenfeldbruck – „Ich bin ein original Münchner Kindl, auch wenn man es meinem Namen nicht anmerkt“, begrüßt Christiane Vidacovich die zahlreichen Zuhörer, die am Montag, den 10. November, zum literarischen Frühstück in die Stadtbibliothek in der Aumühle gekommen sind. Die 70jährige liest aus ihrem autobiografischen Buch „Die Tanten vom Viktualienmarkt“ – eine bewegende Lebensgeschichte über ihre Kindheit, in der sie wie ein überflüssiges Möbelstück hin- und hergeschoben wurde und das ein eindrucksvolles Dokument der Nachkriegszeit in München darstellt:

 Als Christa 12 Jahre alt war und eines Tages von der Schule heimkehrte, fand sie ihre Mutter tot vor, die Mutter hatte sich das Leben genommen.   Fortan kam Christa zu ihren Tanten, deren Arbeits- und Genusswelt in den 1950er Jahren der frühe Viktualienmarkt war. „Sie haben mich aufgenommen und ich wurde ein Teil von ihnen auf diesem Markt der Menschen, der traurigen und komischen Schicksale und der Verhältnisse, die eine nicht unwesentliche Rolle spielten“. 

Christiane Vidacovich erklärt, dass von den erwähnten Tanten nur die Anni ihre richtige Tante war, die Fanni dagegen eine gute Freundin von Anni gewesen sei. Der Tod von Christas Mutter verstörte sie zutiefst: „Meine beiden Tanten, die eigentlich Freundinnen sind, wobei die eine Tante, die Anni, auch tatsächlich meine Tante und die Schwester meiner Mutter ist, werden von dieser Tragödie so urplötzlich überfallen, dass sie erst einmal fassungslos und voller Trauer davor stehen“. Darüber, wie sie die Lebensweise der Marktfrauen kennengelernt habe, berichtet die Autorin folgendes: „Nach den schweren Jahren des Krieges begannen die Menschen wieder in die Zukunft zu investieren und Geld zu verdienen. Es ging darum, sich durchzubringen. Meine Tanten haben viel gearbeitet, aber noch viel mehr gelebt und das auch noch gern und so gut wie möglich. Und sie haben über das Leben gelacht, mit ihrem bodenständig-marktschreierischen und trotzdem aufrichtigen Münchner Humor“. Der Viktualienmarkt, der heute laut Internetseite der Stadt München ein Schmankerl Paradies ist, war damals ein Bauernmarkt. „Alles, was dort angeboten wurde, war meistens selbst produziert. Hier kauften die Stadtfrauen Eier von selbstgezogenen Hühnern“. Tante Anni hatte auf dem Viktualienmarkt einen kleinen Blumenstand, der nur einen Quadratmeter Platz beanspruchen durfte, sich aber im Laufe der Jahre immer ein wenig vergrößert habe, erzählt Christiane Vidacovic. 

Christas Schicksal begann mit dem Suizid ihrer Mutter, sie selbst entschied sich für das Leben. Eine interessante Rolle spielte auch das Jugendamt, als Christas Tante die Vormundschaft für das Mädchen beantragen wollte: „Das Jugendamt verkörpert in gewisser Weise eine Machtposition in der Stadt…Wenn man seinem Kind Angst einjagen wollte, war früher der schwarze Mann zuständig, jetzt ist es das Jugendamt“. 

Ausführlich und auf heitere Weise beschreibt Christiane Vidacovich in ihrem Buch das Oktoberfest, wie es damals war und wie es sich entwickelt hat: Anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und der Prinzessin Therese (daher der Name Theresienwiese) am 12. Oktober 1810, war es ursprünglich als Pferderennen angedacht und stellte sich in der Neuzeit als „Bierpreisfalle“ heraus. „Meine Tanten hatten auf der ganzen Wies‘n die Konzession zum Verkauf von Blumen“, sagt sie. „Ich habe sogar selbst als Blumenmädchen gearbeitet“.

Wenn Christiane Vidacovich nicht gerade an ihrem 2. Buch schreibt, arbeitet sie ehrenamtlich für den Verein „Die Streichelbande e.V.“, dessen 1. Vorsitzende sie ist. Die inzwischen ca. 180 Mitglieder der Streichelbande e.V. besuchen gemeinsam mit ihren Hunden seit 2005 alte, kranke und behinderte Menschen in Einrichtungen oder zu Hause, um ihnen Freude und Wärme zu schenken. (www.streichelbande.de)

Nicole Burk

 

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