Vortrag über das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge - Der Traum von Europa und die harte Realität

Tausende afrikanische Flüchtlinge machen sich jährlich auf den Weg über das Mittelmeer nach Europa. Auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben sind viele von ihnen ertrunken, verdurstet oder an Erschöpfung gestorben. Die marokkanische Hafenstadt Tanger, die nur 14 Kilometer vom europäischen Festland, dem „Paradies“ entfernt liegt, avancierte zum Knotenpunkt des westafrikanischen Exodus. Menschenrechtsorganisationen erklären, dass die Meerenge von Gibraltar längst zum größten Massenfriedhof Europas geworden ist.

Im Rahmen der „Brucker Zeitgespräche“ sprach Jürgen Schulz vor 60 Zuhörern im Gemeindesaal der Gnadenkirche im Brucker Westen über „Afrikanische Flüchtlinge an den Küsten Europas“. Dazu hatten die Zuhörer Gelegenheit, die in der Gnadenkirche laufende Ausstellung über das Thema zu besuchen. Zunächst erinnerte Schulz an die humane Verpflichtung, Flüchtlinge zu schützen und an die internationalen gültigen Abkommen dazu. Nach der 60 Jahre alten UN-Charta der Menschenrechte „darf niemand willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden“ (Art. 9). Diese grundlegende Aussage wurde im Laufe der Jahre von vielen Ländern durch nationale Gesetzgebung und internationale Vertragsabkommen unterwandert, so Schulz. Am Beispiel Malis stellte Jürgen Schulz die Lebenssituation der Flüchtlinge aus Westafrika dar, einem der ärmsten Länder der Welt. Dann schilderte er die verheerende Situation in den beiden Auffanglagern Ceuta und Mellila auf marokkanischen Boden, die von der EU mit 20 Millionen Euro mitfinanziert wurden. Beim Versuch die Grenzanlage zu überwinden seien viele Afrikaner verblutet, so Schulz. Die EU ermahnte bereits 2005 die marokkanische Regierung, gegen den Flüchtlingsstrom vorzugehen. Sowohl in Spanien als auch in Marokko wurden die Flüchtlinge auf Lastwagen verfrachtet und ins Grenzland zu Algerien oder in die Westsahara gebracht und in der Wüste ausgesetzt. Nachdem Ceuta und Mellila effizient abgesperrt waren, versuchten viele über das Meer zu flüchten. Allein 2006 verloren in den ersten drei Monaten über 1200 Menschen beim Versuch, die Kanarischen Inseln zu erreichen, ihr Leben. Auch über das Schicksal von 37 Flüchtlingen, die die „Cap Anamur“ im Juli 2004 auf einer Versorgungsfahrt durch das Mittelmeer aufnahm, berichtete Schulz. Die Besatzung stellte das internationale Seerecht, Menschen in Not zu retten, über die EU-Sanktionen. Die Flüchtlinge wurden in Haftlager transportiert und abgeschoben. Der Kapitän der „Cap Anamur“, der erste Offizier und der Leiter des Hilfskomitees wurden angeklagt. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass wir für das, was wir getan haben, einmal vor einem europäischen Gericht stehen“, sagte damals Elias Bierdel vom Hilfskomitee. Als „bewaffneten Arm Europas gegen Flüchtlinge“ bezeichnete Schulz die selbständige Agentur „Frontex“, die mit einem jährlichen EU-Budget von 70 Millionen Euro seit 2006 im Mittelmeer patroulieren und Flüchtlinge zurückschicken. Dazu erhielten sie bis April 2007 aus 21 EU-Staaten 21 Militärflugzeuge, 27 Helikopter und 116 Schiffe. Aber auch zur Verschärfung der Grenzkontrollen zahlte die EU an Marokko 76 Millionen Euro und bildete Polizeikräfte aller nordafrikanischen Staaten im Anti-Immigrationskampf aus. Neben den Finanzhilfen wurde den Staaten aber auch militärische Ausrüstung geliefert, berichtete Schulz. Europa, besonders Deutschland, leide offensichtlich unter einer Xenophobie (Fremdenangst), so Schulz zum Abschluss. Er sei überzeugt, dass die ungeregelte Einwanderung der Afrikaner nach Europa nicht die Lösung ihrer Probleme sein könne, aber die menschenverachtende Praxis der EU-Flüchtlingspolitik müsse aufhören, fordert Schulz. „Es gilt endlich wirksame Programme zu installieren, die den Völkern Afrikas ausreichend Nahrung, ein korrektes Einkommen und in ein Leben in Frieden anbieten.“

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