"Wehret den Anfängen"

Rund 300 junge Polizistinnen und Polizisten lauschten gebannt in der Aula der Brucker Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern den Ausführungen des 80-jährigen ehemaligen NS-Verfolgten jüdischen Peter Gardosch. Als 13-Jähriger kam er in das Vernichtungslager Auschwitz, überlebte, wurde nach Kaufering, einem Außenlager bei Dachau, zur Zwangsarbeit verschickt und konnte schließlich kurz vor Kriegsende fliehen. Die jungen Zuhörer verfolgten Gardosch’s Bericht mit großer innerer Anteilnahme und zeigten sich in der Diskussion tief beeindruckt vom Leid des Verfolgten.

Hermann Vogelgsang, der Rektor der Fachhochschule der Polizei, machte gleich zu Anfang das Motiv klar, die zu der Veranstaltungsreihe, in der auch schon Max Mannheimer aufgetreten war, geführt habe: Für ihn, so Vogelgsang, stehe auch dieser Vortrag unter dem Motto „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“. Es habe zwar lange gedauert, führte er aus, „bis sich die Polizei um ihre eigenen schmutzigen Hände vor und während des Dritten Reiches gekümmert“ habe. Aber heute, daran ließ er keinen Zweifel, stehe die „ganze Polizei klar und eindeutig auf Seiten der Demokratie und richtet sich gegen jede Art von Diktatur“. Mit der These, der Judenhass sei auch in Deutschland nicht zufällig beim Tee zwischen Himmler und Hitler vom Himmel gefallen, ging Peter Gardosch zunächst auf die historischen Wurzeln des Antisemitismus ein. Schon im Jahr 1154 kam seitens der Kirche der Vorwurf auf, die Juden würden christlich getaufte Kinder bei ihren rituellen Feiern schlachten. Noch im Jahr 1288 wurden deswegen anlässlich eines Pogroms an einem Tag 26 Juden in Wien grausam ermordet. Während der Pestwelle von 1347 bis 1352, bei der ein Drittel der europäischen Bevölkerung ums Leben kam, machte man die Juden zum Sündenbock. Sie hätten die Brunnen vergiftet, lautete der Vorwurf der Gesellschaft, die sich den Ausbruch der Pest damals noch nicht erklären konnte. Im 19. Jahrhundert führte die politisch motivierte Dreyfussaffäre zu einem erneuten Aufflammen der Hetze gegen die Juden. Seinen rassistisch und persönlich motivierten Hass gegen die Juden begründete Hitler unter anderem, völlig irrational, mit einer dubiosen Textsammlung der zaristischen Geheimpolizei unter dem Titel „Protokolle der Weisen von Zion“. Die Fälschung beschwört eine jüdische Weltverschwörung, auf die sich selbst noch Islamisten beriefen, um ihren Anschlag vom 11. September 2001 den Juden in die Schuhe zu schieben. Peter Gardosch wurde als Sohn einer gutsituierten Deutsch sprechenden, jüdischen Familie 1930 in Neumarkt , Siebenbürgen geboren. Schon seit 1927 gab es dort so genannte Judengesetze, die das Leben der Menschen jüdischen Glaubens empfindlich einschränkten. 1942 beschlossen die Nazis in der Berliner Wannseekonferenz die Endlösung der Judenfrage für ganz Europa. Alle elf Millionen Juden in Europa sollten „vernichtet“ werden. Wer von ihnen trotz der brutalen Zwangsarbeit am Leben blieb, der kam in eines der großen Vernichtungslager, vorwiegend im Osten des damaligen Deutschen Reiches, wurde mittels des von einer deutschen Firma hergestellten Zyklon B grausam vergast und schließlich verbrannt. In der Nacht zum 8. Juni 1944, die Alliierten waren schon in Europa gelandet, erlebte der damals noch 13-jährige Peter Gardosch den Selektionsappell an der Todesrampe von Auschwitz: „Nur mein Vater und ich überlebten die Selektion. Meine übrige Familie wurde sofort vergast.“ Die beiden überlebten mit viel Glück auch die nächste Zeit in Auschwitz und wurden Anfang 1945 in einem Viehwaggon zum Arbeitseinsatz ins KZ-Außenlager Kaufering quer durch das Deutsche Reich deportiert. Dort mussten sie mit anderen Häftlingen in unterirdischen Bunkern Flugzeuge zusammen bauen und vegetierten, minimal mit Essen am Leben gehalten in kalten, notdürftig selbst gebauten Erdbaracken. Als im April die Befreiungsarmee der Alliierten immer näher rückte, kam der Befehl zur Flucht der KZ-Insassen, weil die Nazis keinen Juden lebend in die Hände der Befreier fallen lassen wollten. Auf dem Todesmarsch gelang Peter Gardosch zusammen mit zwei jungen SS-Wachleuten die Flucht. Schließlich landete die Gruppe bei Pfarrer Brandstetter in Puch, der sie ins nahe gelegene Kloster Fürstenfeld schickte. Hier bekamen sie vom damaligen Benediktinerpater Emanuel zum ersten Mal im Klosterstüberl wieder ein warmes Essen. „Wir wurden auch mit Kleidern versorgt, durften uns waschen und bekamen ein Bett zum Schlafen“, erinnerte sich Peter Gardosch. Pater Emanuel, so sinnierte er weiter, war sehr freundlich. Und: „Kloster Ettal, über das heute so viel geredet wird, war für mich ein leuchtender Stern“. Zum Nachlesen: Unter Peter Gardosch’s Pseudonym erschien der autobiographische Roman: Peter Herzog „Die Wiedergutmachung“ im Trafo-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-89626-506-7.

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