Alternative zu Kreativkursen

Mit der Kreativ-Tüte durch die schwere Zeit

Isabelle Fuhrmann, Sozialpädagogin und Leiterin der Kreativgruppe, präsentiert die Kreativ-Tüte.
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Isabelle Fuhrmann, Sozialpädagogin und Leiterin der Kreativgruppe und Erfinderin der Kreativ-Tüte.

Fürstenfeldbruck – Frau Z. freut sich heute besonders über ihre Post, denn es ist eine neue „Kreativ-Tüte“ dabei. Die Tüte wurde von einer Mitarbeiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas Fürstenfeldbruck verschickt. Normalerweise treffen sich die Teilnehmer der Kreativ-Gruppe regelmäßig in den Räumen des Caritas-Zentrum Fürstenfeldbruck, um gemeinsam kreativ zu sein. Es wird mit verschiedensten Materialien gebastelt, getöpfert, oder gemalt. Doch aktuell sind diese Treffen nicht möglich. Deshalb verschickt die Mitarbeiterin jetzt fertige Bastelsets mit allem, was die Teilnehmer benötigen, um zuhause kreativ sein zu können.

Diese kleinen Höhepunkte genießt Frau Z. sehr. Sie ist 69 Jahre alt und lebt allein in einer kleinen Wohnung in Fürstenfeldbruck. Sie hat nur eine geringe Rente, die aber gerade so hoch ist, dass sie keine staatliche Unterstützung erhält. Für das Alltägliche reicht es, aber größere Ausgaben wie eine neue Winterjacke oder die längst fällige Zahnbehandlung muss sie lange planen und sich das notwendige Geld zusammen sparen. Die Mieterhöhung von fast 80 Euro im Monat Anfang des Jahres macht es noch schlimmer, eine kaputte Waschmaschine wäre jetzt eine finanzielle Katastrophe. Hinzu kommen die körperlichen Einschränkungen. Eigentlich wäre eine Operation am Rücken notwendig, Frau Z. traut sich die Bewältigung des Klinikaufenthaltes und der folgenden Reha nicht zu. Somit ist sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und kann nur unter Schmerzen laufen. Hinzu kommen Probleme in der Konzentration und der Gedächtnisleistung nach einer schweren Gehirn-Operation vor einigen Jahren.

Schwierige Kindheit

Ihre Kindheit beschreibt Frau Z. als sehr schwierig. Zunächst von der Mutter als uneheliches Kind bei den Großeltern abgeschoben, wuchs sie später mit Mutter, Stiefvater und Stiefgeschwistern auf. Doch sie blieb ein Störfaktor, wurde vom Stiefvater zurückgewiesen und auch die Mutter bevorzugte die Stiefgeschwister. Bereits in der Pubertät entwickelte Frau Z. Ängste und psychosomatische Beschwerden, die jedoch niemand ernst nahm und sie somit keinerlei Hilfe bekam. Doch sie schaffte es, sich von der Familie zu lösen, konnte die Schule erfolgreich abschließen und absolvierte eine Ausbildung zur Verwaltungsangestellten.

Auch die spätere Ehe gestaltete sich schwierig. Der Ehemann entpuppte sich als notorischer Spieler, war häufig arbeitslos und lebte weit über ihre Verhältnisse. Frau Z. versuchte alles zusammenzuhalten und die Schulden ihres Mannes zu begleichen, indem sie fast Vollzeit arbeiten ging und nebenbei den gemeinsamen Sohn erzog. Diese Belastung führte zu einer Verschlimmerung der Angst- und Panikzustände, Depressionen kamen hinzu. Doch wieder schaffte sie es, sich zu lösen. Sie trennte sich und kümmerte sich seitdem allein um ihren Sohn. Aber durch die Doppelbelastung aus Erziehung und Berufstätigkeit wurde der Druck zu hoch. Die Ängste wurden schlimmer und schließlich so massiv, dass sie tagelang ihre Wohnung nicht verlassen konnte. Sie war nicht mehr in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen, konnte keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr nutzen oder sich mit anderen Menschen in einem Raum aufhalten. Sie war wochenlang krankgeschrieben. Auch die wenigen sozialen Kontakte, die sie zu dieser Zeit hatte, konnte sie nicht mehr aufrechterhalten. Der behandelnde Arzt schickte sie schließlich in eine psychiatrische Klinik, wo sie zur Ruhe kommen und im geschützten Rahmen eine neue Perspektive entwickeln konnte.

Hilfe durch Sozialpsychatrischen Dienst

Die Klinik stellte schließlich den Kontakt zum Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas her. Seitdem wird Frau Z. von den dortigen Mitarbeitern unterstützt. Sie kann wieder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, geht zum Seniorenclub und in die Kreativgruppe. Hier kann sie ihre Probleme vergessen und neue Fähigkeiten entdecken und dadurch Selbstvertrauen gewinnen. Und auch wenn die Kreativgruppe derzeit nicht stattfinden kann, so sind doch die regelmäßigen kleinen Bastelpakete eine willkommene Abwechslung. „Die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes sind für mich wertvolle Begleiter durch meinen oft mühsamen Alltag und haben mir geholfen, mein Leben wieder genießen zu können“, sagt sie heute. „Ich bin sehr dankbar, dass ich hierherkommen darf und so angenommen werde, wie ich bin“, fügt sie hinzu.

„Ich bin sehr dankbar, dass ich hierherkommen darf und so angenommen werde, wie ich bin.“

Frau Z. – Besucherin des Sozialpsychiatrischen Dienstes

Neben der Kreativgruppe bietet der Sozialpsychiatrische Dienst auch ein Aktivgruppe an, in der sich alles um Bewegung dreht. Zudem bietet der Dienst Workshops zu verschiedenen Themenbereichen an und organisiert gemeinsame Ausflüge für seine Klienten. Derzeit können diese Angebote nicht regulär stattfinden, werden aber sobald wie möglich wieder aufgenommen.

Wer aufgrund einer psychischen Belastung Unterstützung und Beratung benötigt, kann sich melden unter: Sozialpsychiatrischer Dienst, Hauptstraße 5, 82256 Fürstenfeldbruck, Telefon 08141 3207-8070, E-Mail: spdi-fuerstenfeldbruck@caritasmuenchen.de. Werktags zwischen 13 und 13.30 Uhr kann in der Telefonsprechzeit mit einem Berater gesprochen werden.

red

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