Die 8. Jahrgangsstufe des Olchinger Gymnasiums setzte sich mit historischem Text- und Bildmaterial auseinander 

100 Jahre Erster Weltkrieg - "Die Männlichkeit des Krieges"

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 Rauminstallation mit Soldatenhelmen

Olching – Anlässlich des 100. Jahrestages des Ausbruchs des 1.Weltkrieges setzte sich die gesamte 8. Jahrgangsstufe des Gymnasiums eine Woche lang mit historischem Text- und Bildmaterial auseinander und konzipierte eine  Ausstellung, die den Besuchern unter die Haut ging.

 „Dass der Erste Weltkrieg – nach George F. Kennan die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts – historisch als Voraussetzung für die Entstehung des Zweiten Weltkriegs verstanden werden muss, das ist vielen Schülern nicht immer bewusst“, so Markus Bieker, Seminarlehrer für Geschichte am Gymnasium Olching und Initiator des fächerübergreifenden Schulprojekts, an dem 144 Achtklässler eine Woche lang zum Schuljahresabschluss arbeiteten. Geschichte aus aktuellem Anlass begreifen lernen und erfahrbar machen, noch dazu aus unterschiedlichen Perspektiven und Fachrichtungen, wie z.B. Religion, Deutsch, Musik und Kunst, war die Grundidee für acht intensive Workshops, die in eine beeindruckende Ausstellung mündeten. Die Schüler selbst und ihre Lehrer waren erstaunt, welche Qualität und Tiefe sowohl bei der Recherchearbeit als auch bei den Installationen erreicht worden waren. 

Im Vorraum des Containerbaus der Schule wurden die Besucher zu Beginn des Ausstellungsrundgangs von Soldatenhelmen, hergestellt aus Maschendraht, Kleister und Papier, vor schwarzem Hintergrund eingenommen. „Nicht der einzelne Soldat, sondern das Kollektiv, der Massenkrieg werde durch die Helme symbolisiert, die in ihrer Anordnung an einen Soldatenfriedhof erinnerten“, erläuterte Bieker die erste Performance bei der Ausstellungseröffnung. Bild- und Textmaterial sowie der fetzenartige Schülervortrag von Trakls Gedicht Grodek umrahmten die Installation im Stil eine Collage und verwiesen auf die damalige Entstehung zahlreicher neuer Kunstrichtungen wie Futurismus und Dadaismus. Diese gründeten alle in der leidvollen Erfahrung der Menschen, dass die Welt durch den Ersten Weltkrieg buchstäblich „zerfetzt“ wurde. Im zweiten Raum konnten Objekte des Kriegsalltags und eine Rekonstruktion eines Schützengrabens haptisch erfahren werden, d.h. man konnte fühlen und begreifen, wie viel Kilo Gepäck ein Soldat samt Stahlhelm, Stiefeln, Rucksack und Waffe mit sich schleppen musste. Einfallsreich hatten sich die Schüler Blei aus der Physik ausgeliehen und dies an schwere Stiefel gebunden. Nachgerechnet kamen bei einem Soldaten 25-30 kg Last zusammen, die der stellvertretende Schulleiter Thomas Schranner zur Demonstration probeweise auf sich nehmen musste. Sogar eine Gasmaske, ein Maschinengewehr und besagter Schützengraben waren eigens nachgebaut worden, um u.a. Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues begreifbar zu machen. Eine Exkursion der Schüler ins Armeemuseum nach Ingolstadt war der praktischen Arbeit vorausgegangen.

 „Die Männlichkeit des Krieges“ war der Titel einer weiteren, äußerst beeindruckenden Installation, die der Frage nach dem Männerbild zu Beginn und am Ende des Krieges auf den Grund ging. Auf sich immer stärker neigenden Holztafeln wurde das Bild vom tapferen Soldaten, der mannhaft in den Krieg zieht, demaskiert, wenn er als Krüppel den Krieg zwar überlebt hat, aber seine Familie nicht mehr versorgen konnte. Komplementär dazu illustrierten 8.-Klässlerinnen die Rolle der Frau in der Nachkriegszeit, die gezwungen waren, männliche Tätigkeiten zu übernehmen, um die Familie zu ernähren. Den Spuren des 1.Weltkriegs im eigenen Landkreis nachzugehen, war Aufgabe einer weiteren Arbeitsgruppe zum Thema „Gefangen in Puchheim“. Dass von 1914-1921 ein Gefangenenlager in Puchheim existierte, in dem Soldaten verschiedenster Nationalitäten interniert waren, ist kaum bekannt. 

Die Schüler stellten bei ihren Recherchen fest, dass die 24000 Gefangenen eine vergleichsweise humane Behandlung erfahren hatten. Diese geschah allerdings nicht zweckfrei, sondern sollte die Arbeitskraft der Internierten sichern. Auf Collagen waren die Schülerergebnisse zum Alltag, zur Bewachung und Lagerordnung, zur Freizeitgestaltung und zum Aufbau bzw. zur Auflösung des Gefangenenlagers zu sehen. 

Mit der Rolle der Evangelischen Kirche im Ersten Weltkrieg beschäftigte sich eine weitere Projektgruppe, die erstaunt war, dass die Kirche die anfängliche Kriegseuphorie teilte und erst 1917 ein Friedensappell von Papst Benedikt XV. ausging. Die Erfahrungen des Gefreiten Hitlers und die Rolle der Juden während des Ersten Weltkriegs wurden mittels einer sehr interessanten Installation im vorletzten Raum verdeutlicht. Hitlers Kindheit und sein eigener Einsatz als Gefreiter an der Westfront prägten seine spätere Entwicklung zur missverstandenen „Erlöserfigur“ in der Weimarer Republik, die den Boden für den 2.Weltkrieg bereitete. Dass sich viele Juden trotz des schon zu dieser Zeit weit verbreiteten Antisemitismus freiwillig für den Ersten Weltkrieg meldeten und deutschnational gesinnt waren, überraschte nicht nur die Schüler. Im letzten abgedunkelten Raum schließlich konnten die zahlreichen visuellen Eindrücke der Ausstellung mit akustischen Klang-Collagen komplettiert werden. Aus vier Ecken in Dolby-Surround öffnete sich ein Klangraum, in dem man Auszüge aus Reden von Wilhelm II. im Originalton, Kompositionen und populäre Musik um 1914 sowie Maschinengewehr-Gewitter als Sound-Collage zu hören bekam Zum Schluss war es eine Selbstverständlichkeit für die Schüler, dass sie nicht nur ihre Lehrer und Eltern, sondern auch Schüler anderer Klassen stolz durch ihre äußerst sehenswerte Ausstellung führten. „An eine einzelne Geschichtsstunde zum Ersten Weltkrieg werde man sich vielleicht später nicht erinnern, aber an diese Projektwoche ganz bestimmt“, meinte Thomas Schranner zu den engagierten Schülern des Gymnasiums Olching. 

Sabine Ratberger

 

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