Wenn die Schilddrüse streikt - Jeder 3. betroffen - Die unterschätzte Volkskrankheit

Jeder 3. Bundesbürger leidet unter einer Fehlfunktion der Schilddrüse - lateinisch: Glandula thyrodiea. Das Organ unterhalb des Kehlkopfes gleicht einem Schmetterling und ist zwischen 18 bis 25 Gramm leicht. Es produziert eines der wichtigsten Hormone für den menschlichen Stoffwechsel. Wenn jemand an einer Fehlfunktion der Schilddrüse leidet, wird es oftmals durch Zufall bei einer Blutuntersuchung entdeckt. Vor allem die Behandlung der Unterfunktion ist eine dankbare Aufgabe für den Arzt - Tabletten ersetzen die fehlenden Hormone und bringen die Lebensqualität zurück. Auch bei der Überfunktion werden Arzneimittel eingesetzt.

In welchen Fällen eine Kropf-Operation angesagt ist und welche Symptome auf eine Schilddrüsen-Erkrankung hinweisen, dazu haben wir den Internisten Dr. Jakob Nies, Mammendorf, Lehrbeauftragter der Ludwig-Maximilians-Universität, München, befragt. Herr Dr. Nies: Deutschland gehört zu den Jod-Mangelländern. Ein Kropf (Struma) bei Patienten im Voralpenland ist nichts Ungewöhnliches. Trotzdem wissen viele Patienten nicht, dass sich auch bei einer Unterfunktion ein Kropf bilden kann. Er ist das sichtbare Zeichen dafür, dass das Regulationssystem Schilddrüsen-Hormonproduktion und Schilddrüsen-Hormon-Wirkung gestört ist. Wie kommt es dazu? Dr. Jakob Nies: Das ist nicht auf das Voralpenland beschränkt. Das gilt für Deutschland und Zentraleuropa. Die Hauptursache der Struma (Kropf) ist der Jodmangel. Aber auch andere Ursachen wie Schilddrüsenentzündungen, Tumore und anderes müssen bedacht werden. Wie wird eine Schilddrüsenüberfunktion diagnostiert und wie wird diese behandelt? In welchen Fällen ist eine OP indiziert? Dr. Jakob Nies: Die Diagnose erfolgt durch den klinischen Befund, die Laboruntersuchungen, die Sonografie und Schilddrüsenszintigraphie. Gegebenfalls ist eine Jodsubstitution, eine medikamentöse Therapie oder in bestimmten Fällen eine Radiojodtherapie angezeigt. Bei stark vergrößerter Schilddrüse mit knotigen Veränderungen, Tumorverdacht oder Beeinträchtigung der Luftröhre durch die Schilddrüse ist eine Operation angeraten. Bei einer unerkannten Schilddrüsenunterfunktion können Gewichtszunahme, Müdigkeit, Depressionen dazu führen, dass vor allem ältere Frauen in die Schublade "Wechseljahresbeschwerden" gesteckt werden. Ab wann und wie oft ist eine spezielle Blutuntersuchung anzuraten? Welche weiteren Untersuchungen führt der Arzt (Internist oder Endokrinologe) durch? Dr. Jakob Nies: Die häufigste Ursache der Unterfunktion ist der Jodmangel. Die häufigste Ursache der Überfunktion die so genannte multifocale Autonomie (Verselbständigung der Schilddrüse). Grundsätzlich sollte bei unklaren Beschwerden eine Schilddrüsenbasisdiagnostik gemacht werden. Das beinhaltet eine Blutuntersuchung (basales TSH) und eine sonographische Untersuchung der Schilddrüse. Falls erforderlich sind weitere Untersuchungen zu erfolgen. Schilddrüsen-Unterfunktionen können sich im Laufe des Lebens entwickeln, sie können aber auch angeboren sein. Inwieweit spielt die genetische Disposition eine Rolle? Welche Schäden sind für die inneren Organe durch eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion zu befürchten? Dr. Jakob Nies: Wir unterscheiden zwischen angeborenen und erworbenen Hypothyreosen (Unterfunktionen). Bei der angeborenen Unterfunktion liegt eine Entwicklungsstörung der Schilddrüse, eine Jodfehlverwertung oder eine Hormonresistenz vor. Die häufigste Ursache der erworbenen Hypothyreose ist die Autoimmunthyreoiditis. Hier richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Zellen. Die häufigste Ursache dieser Hypothyreose ist die Autoimmunthyreoditis vom Typ Hashimoto. Mangel oder Überfluss an Schilddrüsenhormonen führt zu Veränderungen des Stoffwechsels im Zentralnervensystem und bei der Muskulatur (Sehnenreflexe). Am Herzen verändert sich die Herzfrequenz, die Leistungsfähigkeit des Herzmuskels wird beeinflusst. Es kann zu Herz- rhythmusstörungen kommen. Weiter beeinflusst wird der Kohlehydratstoffwechsel, der Fettstoffwechsel und der Eiweißstoffwechsel. Wie kann man in der Ernährung den evtl. vorhandenen Jodmangel ausgleichen? Sind neben Fisch auch spezielle Mineral- und Heilwässer sinnvoll? Dr. Jakob Nies: Ziel ist eine tägliche Jodaufnahme von 150-200 µg pro Tag. Dies kann natürlich auch durch geeignetes Mineralwasser (>70µg/l) zugeführt werden. Jedoch sollten auf keinen Fall Patienten mit Morbus Basedow mit Jod substituiert werden. Welche Nebenwirkungen haben jodhaltige Kontrastmittel, die bei der Szintigraphie (nuklearmedizinische Untersuchung) der Schilddrüse angewendet werden, um sog. heiße oder kalte Knoten zu diagnostieren? Dr. Jakob Nies: Jodhaltige Kontrastmittel dürfen bei einer Überfunktion der Schilddrüse nicht verabreicht werden. Bei der SD-Szintigraphie werden Technetium-haltige Kontrastmittel verabreicht. Es kann zu schweren allergischen Reaktionen kommen bis hin zur thyreotoxischen Krise. (Lebensbedrohlicher Zustand) Was bedeutet die "Basedowsche Krankheit" , und warum werden hier die Augen in Mitleidenschaft gezogen? Warum sollten betroffene Patienten bei dieser Diagnose jodhaltige Speisen, Alkohol und Nikotin meiden? Dr. Jakob Nies: Der Morbus Basedow ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenüberfunktion. Es liegt ein genetisch determinierter Immundefekt vor. Risikofaktoren für M. Basedow stellen neben dem weiblichen Geschlecht eine pos. Familienanamnese für SD-Erkrankungen, ein langjähriger Nikotinkonsum sowie stark belastende Stresssituationen dar, weiter ist jede Form von oxidativem Stress (Nikotin + Alkohol) zu meiden. Häufig wird die Basedow Hyperthyreose von der sogenannten endokrinen Orbitopathie und einer Schwellung der Beine begleitet ( 30 - 40 %). Vermehrte Jodzufuhr kann hier zu einer krisenhaften Verschlimmerung der Erkrankung bis hin zu akut lebensbedrohlichen Zuständen führen. Wie erkennt man Schilddrüsenentzündungen und wie häufig wird eine solche Erkrankung diagnostiziert? Dr. Jakob Nies: Der M. Basedow führt zur Überfunktion der Schilddrüse mit Gewichtsabnahme, Hitzeunverträglichkeit, Herzrasen, Müdigkeit und Leistungseinbruch. Die Hashimoto-Thyreoditis ist häufig ein Zufallsbefund, da anfangs sehr symptomarm. Eine Sonderform der SD-Entzündung, die seltene Thyreoditis de Quervain ist meist schmerzhaft.Die Hashimoto-Thyreoditis hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Prävalenz (Erkrankungshäufigkeit) beträgt bis zu 10%. Welche Rolle spielen die Nebenschilddrüsen und wie häufig kommen Erkrankungen in diesem Bereich vor? Dr. Jakob Nies: Die Nebenschilddrüsen produzieren das Parathormon, welches den Calciumstoffwechsel reguliert. Erkrankungen der Nebenschilddrüse sind eher selten. Eine Schilddrüsen-Erkrankung kann auch ursächlich bei unerfülltem Kinderwunsch sein - was raten Sie Paaren mit Kinderwunsch, und wie sollten sich Schwangere, bei denen eine Schilddrüsenerkrankung festgestellt wird, verhalten? Dr. Jakob Nies: Bei Schwangeren besteht grundsätzlich erhöhter Jodbedarf. Das gilt auch für Frauen die stillen. Bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch sollte die Schilddrüsenfunktion abgeklärt werden. Bei Schilddrüsenerkrankungen während der Schwangerschaft ist fortlaufende ärztliche Kontrolle erforderlich.

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