Whistleblower werden Opfer von Lügen, Repressalien und Mobbing

„Niemand in meinem Bekanntenkreis konnte mit dem Begriff „Whistleblower“ etwas anfangen“, eröffnete Inge Ammon vom Sozialforum Amper den Vortragsabend im Gemeindesaal der Gnadenkirche. Mit der Publizistin und Wissenschaftsjournalistin Antje Bultmann aus Wolfratshausen sowie dem ehemaligen argentinischen Professor Guillermo Eguiazu präsentierte das Sozialforum, ffb-aktiv und das Nord-Süd-Forum Fürstenfeldbruck als gemeinsame Veranstalter, zwei Menschen, die Aufklärung brachten. Vor knapp 30 interessierten Besuchern zeigte Antje Bultmann, Mitglied des Whistleblower-Netzwerks und des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Umweltstiftung, zunächst eine Bild-Präsentation über den Kampf und das Schicksal von Whistleblower in aller Welt. „Whistleblower sind mutige Menschen, die die „Warnpfeife geblasen haben“, erläuterte Bultmann den Begriff.

Darunter verstehe man Menschen, die den Mut aufbringen, Missstände und Gefahren öffentlich zu machen und dabei je nach Interessenlage als Vorbilder oder als Nestbeschmutzer angesehen werden. Zivilcourage, Whistleblowing, entlarvende Berichterstattung und ziviler Ungehorsam sind vor allem in einer Zeit, in der ökonomisch wie ökologisch der Kollaps droht, unverzichtbare Handlungsweisen. „Whistleblowing ist ein wichtiges Instrument, um die Lebenswelt und den sozialen Frieden zu bewahren“, so Bultmann. Die Autorin des Buches „Käufliche Wissenschaft“ erinnerte beispielsweise an die deutsche Veterinärin Margit Herbst, die als eine der ersten auf die Gefahren von BSE aufmerksam machte, worauf sie von ihrem Arbeitgeber versetzt und schließlich entlassen wurde. Oder an den bereits verstorbenen Jose Lutzenberger, der 1988 den alternativen Nobelpreis erhielt, und der beklagt hatte, dass in der Gesellschaft die Risiken für Gesundheit und Leben oft legalisiert werden, vor allem bei der Aussicht auf hohe Gewinne. „Die Lebenswelt bleibt nur erhalten, wenn es couragierte Menschen gibt, die gewissenhaft handeln“, sagte Lutzenberger damals. Ein Whistleblower, der erheblich zu leiden hat, ist Guillermo Eguiazu, einst Professor an der argentinischen Universität in Rosario, der vor wenigen Tagen von der Ethikschutz-Initiative, einem Projekt des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz, mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde, erzählte anschließend über sein Schicksal. Der Argentinier berichtete, wie sein soziales Engagement im Zusammenhang mit seiner naturwissenschaftlichen Forschung ihm zum Verhängnis wurde. Er hatte sich mit Risikotechnologien wie Gentechnik, Pestiziden und Elektrosmog befasst, vor allem aber mit dem karzinogenen Schimmelpilzgift Aflatoxin, das bei unsachgemäßer Lagerung von Getreide, Nüssen, Milchprodukten etc. entsteht. Dabei wollte Eguiazu aber auch Verantwortung für seine Forschung übernehmen. Er engagierte sich für die Aufklärung der Bevölkerung, setzte sich sogar für ein Gesetz zur Reduzierung von Schimmelbildung in einer verbesserten Lagerhaltung ein. Dann berichtete der ehemalige Professor von seinem Bemühen, ein Institut gemeinsam mit seinem Assistenten aufzubauen, das sich mit einem „Warnsystem zur Früherkennung von Risikoindikatoren des wissenschaftlich-technischen Systems“ befasst. Er bezeichnete diese Form der Risikoforschung als „Technopathogenologie“. „Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit“, so Eguiazu, stand eine umfassende und tiefgreifende Kritik an der Art, wie wissenschaftliche Methoden heute angewendet werden und wie die Konsequenzen für das Wohl der Menschen ignoriert werden“. Dem Rektor der Universität in Rosario ging das zu weit. Sich in politisch-wirtschaftliche Entscheidungen einzumischen, sei nicht seine Aufgabe, erklärte man ihm. Eguiazu und sein Mitarbeiter wurden von nun an über fünf Jahre auf übelste Weise angefeindet. Ihnen wurde die Laboreinrichtung gestohlen, dann wurde das Institut in eine Hühnerschlachterei verlegt und die Forschungsmittel gestrichen. Eguiazu wurde das Gehalt gekürzt, das des Assistenten wenig später nicht mehr ausgezahlt. Mit privaten Spenden konnten sie sich wieder eine primitive Ausstattung anschaffen. Zuletzt wurde das ganze Labor abtransportiert. Es half dem Professor nichts, von einem unabhängigen argentinischen Wissenschaftlerteam unter die zehn best qualifizierten Professoren eingestuft worden zu sein.

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