DDR-Zeitzeuge besucht Berufsschule

,,Das Gefängnis war ein Kellerloch ohne Fenster"

+
Ein Besuch in der Berufsschule FFB: Dr. Michael Gleau erzählte als DDR-Zeitzeuge von seinem Fluchtversuch und seinem Gefängnisaufenthalt

Wegen eines missglückten Fluchtversuchs saß er fast zwölf Monate in der DDR im Gefängnis, was er als dunkles Loch ohne Fenster beschreibt. Die Zellentür von damals hat Michael Gleau heute in seinem Besitz. ,,Sie steht gerade neben der Sauna“, amüsiert er sich. Der 67-Jährige Zahnarzt besuchte die Brucker Berufsschüler, um ihnen von seiner Zeit in der DDR, seinem Fluchtversuch und seinem Aufenthalt im Stasi-Gefängnis zu erzählen.

Fürstenfeldbruck - Ausschlaggebend für seinen Fluchtversuch sei die Tatsache gewesen, dass Michael Gleau die DDR als trist und grau empfand, beschreibt er seine Heimatstadt Leipzig. Da seine Eltern eine Lederwarenfirma hatten, ging es ihnen zwar vergleichsweise gut, trotzdem übte der Westen durch das Westfernsehen eine starke Anziehungskraft auf den Jugendlichen aus. Nur wenn Messen waren, dann sei die Stimmung in Leipzig anders gewesen, westlicher. Man sah Westautos und eben viele ,,Wessies.“ Man könne die DDR mit dem heutigen Nordkorea vergleichen, ,,formlos und wenig bunt.“ ,,Es galt ausschließlich die Meinung der SED. Alle anderen landeten im Gefängnis“, sagt er. 

Mit 19 Jahren zu Gefängnisstrafe verurteilt

Er selbst kam 1970 in Haft, als er mit 19 Jahren einen Fluchtversuch unternahm. Damals wollte er mit seiner damaligen Freundin, die heute seine Frau ist, über die ungarische Grenze nach Jugoslawien und von dort aus in die BRD einreisen. ,,Leider fuhr der Bus direkt in die Grenzstation ein, so dass wir entdeckt wurden.“ Beide wurden verhaftet. Allerdings kam die Freundin von Michael Gleau, als Tochter eines hohen SED-Funktionärs, nach dem ersten Prozesss wieder frei. Gleau hingegen wird 1970 zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die erste Zeit verbüßte er in Hohenschönhausen, das er als dunkles Kellerloch ohne Fenster beschreibt. Später wurde er ins Zuchthaus nach Cottbus verlegt. Das sei alles heimlich abgelaufen, ohne dass er wusste , wohin er gebracht wurde. Er habe erst am starken Sächsisch der Wärter gemerkt, dass er wieder in der Nähe von Leipzig war. Wärter und Vernehmer waren auch die einzigen Personen, die in dieser Zeit mit ihm sprachen. ,,Die Wärter waren auf Hass trainiert. Für die waren wir schlimmer als Mörder.“ 

Umsiedelung mit Freundin in die BRD

Als Gleau nach elf Monaten aus der Haft entlassen wurde, stellte er verschiedene Ausreiseanträge. 1975 erhält er schließlich eine Ausreisegenehmigung und siedelte mit seiner Freundin in die BRD über. An dieser Stelle wollten viele Schüler wissen, wie sein Start im Westen ausgesehen habe und wo er in der ersten Zeit untergekommen sei. Tatsächlich habe er bei seiner Ankunft im Westen außer zwei Koffern nur 20 Mark besessen. 

Zuchthaus hat er zusammen mit ehemaligen Häftlingen aufgekauft

Ein Pastor stellte ihm zunächst eine Kellerwohnung zur Verfügung. Nach der Anerkennung seines Abiturs studierte er Zahnmedizin in München. Aus dem ehemaligen ,,Zuchthaus Cottbus“ ist heute das ,,Menschenrechtszentrum Cottbus“ entstanden, ,,weil ich das Zuchthaus zusammen mit ehemaligen Häftlingen gekauft habe“, freut sich Michael Gleau. Es ist jetzt eine Gedenkstätte und ein Ort für kulturelle Veranstaltungen. Ach ja, die Zellentür, hinter der er so lange eingesperrt war, kaufte er gleich mit – als Erinnerung an eine schwere Zeit, über die er heute ,,ohne Hass“ berichten kann. Am Ende seiner Ausführungen legt er den Berufsschülern ans Herz, dass Demokratie zwar schwierig sei, aber ,,sie ist die beste Form des Zusammenlebens.“

Nicole Burk

Auch interessant

Meistgelesen

Die Gewinner und Verlierer der Wahl im Landkreis FFB
Die Gewinner und Verlierer der Wahl im Landkreis FFB
Versuchte Sprengung eines Geldautomaten
Versuchte Sprengung eines Geldautomaten
Umfrage für Bürger: Wo hakt es beim Nahverkehr?
Umfrage für Bürger: Wo hakt es beim Nahverkehr?
Großeinsatz mit Hubschrauber nach Auseinandersetzung in Erstaufnahmeeinrichtung
Großeinsatz mit Hubschrauber nach Auseinandersetzung in Erstaufnahmeeinrichtung

Kommentare