Zwei jüdische Zeitzeugen am Schauplatz des Todesmarsches in FFB

„Wir zogen durch die Hauptstraße an drei- oder vierstöckigen Häusern vorbei, und das seltsame Pochen der Holzschuhe auf dem Straßenpflaster lockte die Einwohner an die Fenster. Was lange Zeit hinter Stacheldrähten verborgen gewesen war, strömte jetzt allen Augen sichtbar durch die Straßen, und der Anblick unseres geisterhaften Zuges muss tief erschüttert haben. Dann plötzlich fiel ein Schatten vorbei, dann noch einer und noch einer. Die Schatten erwiesen sich als Brotstücke. Diese spontane Reaktion der Bewohner von Fürstenfeldbruck war ein gutes Zeichen, es stimmte mich aufmunternd und optimistisch.“ Diese Passage zitierte Helmut Zierer vom Arbeitskreis Mahnmal Fürstenfeldbruck aus dem Buch „Von den Ufern der Memel ins Ungewisse“ von Zwi Katz, einem Überlebenden der Todesmärsche, bei seiner Ansprache anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.

Seit 1996 gedenken die Kreisstädter an dem vom ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz ausgewählten Tag der „Opfer des Nazi-Regimes“, zu dem auch heuer wieder rund 100 Menschen zum Mahnmal an der Kreuzung Dachauer-, Augsburger Straße kamen. Unter ihnen viele Repräsentanten des öffentlichen Lebens sowie mit Abba Naor und Karl Rom zwei Überlebende der Todesmärsche. Die Anwesenheit zweier Schulklassen lasse ihn optimistisch in die Zukunft schauen, freute sich Zierer, dass die Jugend im Landkreis Flagge gegen den Rechtsradikalismus zeige. Als „Vater der Versöhnung und Freundschaft“ begrüßte der Sprecher des Arbeitskreises den Altbürgermeister aus Gauting, Dr. Ekkehard Knobloch, den er als den Initiator der über 20 Mahnmale, die an die Leidenswegstrecke erinnern, bezeichnete. Aus aktuellem Anlass reagierte Zierer zum Ende seiner Ansprache kritisch auf das Verhalten aus dem Vatikan im Bezug auf den britischen Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson. „Von Januar 1942 bis November 1944 wurden in Auschwitz systematisch und industriemäßig eine Million Menschen vernichtet“, erinnerte Zierer an die Gräueltaten. „Neben diesen Todesfabriken gab es 25 KZ mit über 800 Außenlagern, von denen Dachau mit über 160 den größten Anteil hatte.“ Von Uri Chanoch und Abba Naor, die beide Vorsitzende der „Association of Survivors Landsberg/Kaufering outer Camps of Dachau“ sind, nahm heuer der 81-jährige Abba Naor, der aus Israel angereist war, als Ehrengast an der Gedenkfeier teil, da Uri Chanoch zeitgleich in Berlin weilte. Neben Naor konnte Zierer als weiteren noch lebenden Zeitzeugen Karl Rom begrüßen, der nach einigen Jahren in Israel, seit 1976 in Hohenschäftlarn lebt. Man dürfte die Gräueltaten nicht vergessen, aber die Welt sei kein bisschen weiser geworden, erinnerte Naor in Anlehnung an ein Chanson von Curd Jürgens („60 Jahre und kein bisschen weise“), dass es auf der Welt nach wie vor Kriege gebe. „Solange die Extremisten auf beiden Seiten existieren, wird es zwischen Israel und den Palästinensern keinen Frieden geben“, nahm der 81-jährige Abba Naor, der im April 1945 die Stelle an der Dachauer-, Augsburger-Straße als jüdischer Zwangsarbeiter passiert hatte, dabei auch zur aktuellen Lage in Nahost Stellung. Er berichtete von einem palästinensischen Arzt, der seine drei Töchter verlor und hoffte, dass seien die letzten Opfer in diesem Krieg. Ebenso hoffe auch er, Naor, ein Ende des Krieges noch zu erleben. Aktiv mitgestaltet wurde die Veranstaltung von drei Schülerinnen der Klasse 12 A der Fachoberschule Fürstenfeldbruck. Cassandra Stauss aus Wörthsee, Raffaela Cuomo aus Eichenau und Carina Peitz aus Aubing. Die Schülerinnen riefen Vorkommnisse aus der NS-Zeit in Erinnerung und richteten in erster Linie an die jüngeren Zuhörer den Appell zu mehr Wachsamkeit. „Heute wollen wir sie daran erinnern und hoffen, dass so etwas nie mehr geschieht.“ Im Rahmen des Religionsunterrichts hatte sich die Klasse 9 F der Brucker Realschule mit dem Thema „Licht und Schatten der Kirche während der Zeit des Nationalsozialismus“, beschäftigt, berichtete Lehrerin Hiltrud Dürr und deshalb habe die Klasse den Wunsch geäußert, an der Gedenkfeier teilzunehmen.

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