Ilona Deckwerth: "Das tut weh!"

Nach dem Ausscheiden von Wengert und Deckwerth droht der SPD im Allgäu das Abseits

Dr. Paul Wengert von der SPD fliegt nach zehn Jahren aus dem bayerischen Landtag.

Füssen/Kempten – Am Tag nach der Wahl tauchte Dr. Paul Wengert erst einmal ab. Urlaub am Roten Meer mit Entspannen und Schnorcheln standen für den Füssener Landtagsabgeordneten der SPD an.

Mit dem Wahlsonntag habe der Urlaub in Ägypten aber nichts zu tun, erklärt Wengert. Die Tage in der Sonne seien schon länger geplant gewesen. Gleichwohl dürfte die Auszeit nach der Niederlage und dem damit verbundenen Ausscheiden aus dem Landtag nicht ungelegen kommen – schließlich haben Wengert und seine Partei im Ostallgäu eine desaströses Ergebnis zu verarbeiten. Überhaupt drohen die traditionsreichen Sozialdemokraten im Allgäu auf hauptamtlicher Ebene komplett von der politischen Landkarte zu verschwinden. 

Ilona Deckwerth aus Füssen gehörte dem Landesparlament ein und ein dreiviertel Jahr an.

2955 Erststimmen hat Wengert im Vergleich zur Landtagswahl 2013 verloren und holte somit nur noch 8,14 Prozent der Stimmanteile im Stimmkreis 711 Marktoberdorf. Bei den Zweitstimmen sieht es mit nur noch sechs Prozent noch düsterer aus (2013: 12,4 Prozent). Nach zehn Jahren im Maximilianeum heißt es für Wengert deshalb nun Abschied nehmen. Bis zur konstituierenden Sitzung des neuen Landtags am 5. November ist das Füssener SPD-Urgestein noch Mitglied des Landesparlaments, danach Privatmann mit viel Zeit für die Familie und seine Ehrenämter. 

„Ich war schon sehr geplättet“, macht Wengert am Mittwoch keinen Hehl aus seiner Enttäuschung ob des Wahlausgangs. „Ich bin Opfer des Trends geworden. Damit muss ich leben.“ 

Keine Überraschung

Überraschend kam das Ende für Wengert jedoch nicht. Angesichts schlechter Umfragewerte für die SPD habe er sich innerlich darauf eingestellt, dass es für ihn womöglich nicht mehr reichen werde. Auch wenn er gerne als Abgeordneter für das Allgäu weiter gemacht hätte, gräme er sich aber nicht angesichts seines Ausscheidens. „Ein politisches Amt hat man immer nur auf Zeit“, erklärte er. „Und Dankbarkeit ist in der Politik ein Fremdwort.“ 

Geschockt habe ihn vielmehr das Abschneiden der SPD insgesamt. „Mich hat das sehr betroffen gemacht“, sagte er. Der Hauptgrund sei seiner Meinung nach, dass die von Bundesinnenminister und CSU-Parteivorsitzenden Horst Seehofer angezettelten Streitigkeiten in Berlin über Wochen die Schlagzeilen bestimmt hätten. „Die gute Regierungsarbeit der SPD kommt in der Öffentlichkeit nicht rüber“, ärgerte er sich. Daher könnten nun weder die CSU noch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einfach zur Tagesordnung übergehen. „Das kann nicht ohne Konsequenzen bleiben!“, fordert Wengert. 

Konsequenzen sowohl für die Partei als auch das Allgäu werde auch das Ausscheiden von Ilona Deckwerth und ihm haben. „Es fehlen jetzt zwei Stimmen aus dem Allgäu in München. Das ist nicht zum Vorteil des Allgäus“, ist er überzeugt. Für die Partei sei das schlechte Ergebnis der beiden bisherigen Abgeordneten ebenfalls eine Katastrophe. „In der Fläche werden wir weiter ausgedünnt. Wir sind eh schon in der Diaspora.“ 

Die unmittelbaren Folgen: Die beiden SPD-Büros in Kempten und Füssen müssen geschlossen werden. Sobald er aus dem Urlaub zurück sei, werde er sich mit seinem Team zusammensetzen, „und einen Plan machen, wie wir das Büro bis Ende des Jahres abwickeln.“ Betroffen davon seien drei Mitarbeiterinnen, eine davon eine allein erziehende Mutter.

Ruf nach Neuanfang

Fraktionskollegin und SPD-Kreis- und Ortsvorsitzende Ilona Deckwerth aus Füssen, die im Stimmkreis Kempten antrat und dort nur 5,5 Prozent der Erststimmen auf sich vereinen konnte, äußert sich im Gespräch mit unserer Zeitung ebenfalls entsetzt über den Ausgang der Wahl. „Das ist eine bittere Niederlage – das tut weh!“ Das Verschwinden der Sozialdemokraten von der politischen Landkarte im Allgäu sei für Partei und Region „mehr als bitter“. „Wir haben jetzt gar keine Abgeordneten mehr hier“, konstatiert sie. 

Genau wie Wengert werde sie ihr Büro in Kempten auflösen und Mitarbeiterinnen entlassen müssen. Das belaste sie zum einen persönlich, zum anderen fielen dadurch sämtliche hauptamtlichen Strukturen der SPD im Allgäu künftig weg. Für den Freistaat werde das Schrumpfen der SPD-Landtagsfraktion auf künftig nur noch die Hälfte ebenfalls Auswirkungen haben. „Sozialpolitische Themen und der Umweltschutz werden in den Hintergrund treten“, glaubt die Füssenerin. 

Ursache für den Absturz der Sozialdemokratie sei vor allem gewesen, dass bundespolitische Themen den Wahlkampf überlagert hätten. Andererseits müsse sich die bayerische SPD bei ihrem anstehenden Landesparteitag auch kritisch hinterfragen. „Wir müssen uns unser sozialdemokratisches Profil anschauen und unser Markenprofil schärfen. Wir brauchen einen Neuanfang“, ist Deckwerth überzeugt. „Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln.“ Das gilt auch für sie persönlich. Als verbeamtete Sonderschullehrerin habe sie die Zusicherung, wieder in den Schuldienst aufgenommen zu werden. „Ich habe eine Perspektive“, sagt sie. 

Ob die SPD im Allgäu noch eine hat, wird dagegen erst die Zeit zeigen.

Mehr Selbstkritik empfiehlt hingegen Füssens Bürgermeister Paul Iacob seiner Partei: „Ich bedauere das Abschneiden der SPD“, kommentierte er das Wahlergebniss. Allerdings war für ihn das Ergebnis „nicht verwunderlich“, wie er hinzufügte. „Die SPD in Bayern und im Bund ist für mich und für viele Bürger seit einigen Jahren nicht mehr als Programmpartei zu erkennen.“ Sie sei derzeit zu sehr mit ihrer Vergangenheit und mit sich selbst beschäftigt. Dabei habe sie nicht erkannt, was die Wählerinnen und Wähler wirklich wollen. Die Sozialdemokraten müssen sich jetzt neu finden und aufstellen. Es gilt nun ein Programm für die Zukunft zu erarbeiten, das zu artikulieren und auch umzusetzen.

Daneben müsse die SPD auch ein Klientel auswählen, für das sie da sein will, und schauen, was das braucht. „Der Arbeiter vor 20, 30 Jahren gibt es nicht mehr“, so Iacob. Und auch die heutigen Angestellten und Selbstständigen denken anders. Versäumnisse der SPD sieht der Rathauschef auch auf Bundesebene. In einer Koalition müsse man zwar ganz klar Kompromisse eingehen. Aber: „Was die SPD geleistet hat, das hat sie nicht kundgetan.“ 

Mit Blick auf die SPD-Landtagsabgeordneten in Füssen meint Iacob: „Es tut mir leid, dass engagierte Leute wie Dr. Paul Wengert möglicherweise nicht mehr im Landtag sind.“ Kritisch sah der Rathauschef auch den starken Zulauf der AfD. „Was ich zutiefst bedauere, ist der Rechtsruck im Allgäu.“ Er hoffe, dass das nur eine einmalige Sache von vielen Protestwähler sei und kein dauerhafter Trend.

Matthias Matz/Katharina Knoll

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