Nesselwanger Bergwacht probt den Ernstfall

Geschwindigkeit ist alles

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Ein Skifahrer ist gegen einen Baum geknallt. Die Bergretter müssen ihn bergen.

Nesselwang – „Zwei vermisste Personen im Bereich der Alpspitze zwischen Sportheim Böck und der Fichtlhütte!“ Mehr wussten die Bergretter der Nesselwanger Bergwacht nicht, als sie jetzt zu ihrer Winterübung aufbrachen. Mit dabei war der Kreisbote.

Erschwerend für die Bergretter kam hinzu, das es bereits dunkel war, leichter Schneefall eingesetzt hatte und die Temperaturen nachts weit unter dem Gefrierpunkt lagen. 

Bergwacht übt den Ernstfall

Also war Eile geboten, da die beiden Vermissten schon seit mehreren Stunden nicht mehr gesehen worden waren und sich auch nicht mehr gemeldet hatten. Das Gebiet, in dem die Vermissten vermutet wurden, liegt an einem nur wenig frequentierten Wanderweg, der durch Schneeverfrachtungen nur schwer begehbar war.

Sollte der Schneefall nicht stärker werden, bestand für die Bergwachtler die Möglichkeit, anhand von Spuren die beiden Vermissten schnell zu finden. Zwei Bergretter wurden deshalb vorab mit dem Skidoo in das Suchgebiet gebracht, wo sie sich mit Tourenski auf Spurensuche machten. 

Das vermisste Paar konnte sich entweder in Richtung Alpspitzgipfel gemacht haben oder sie waren dem verschneiten Wanderweg Richtung Fichtlhütte gefolgt und hatten sich dort verirrt und/oder waren verunglückt. Die anderen Retter folgten und suchten das Gebiet weiträumig ab. Zur Unterstützung hatten sie auch Lawinenhund „Basti“ mit dabei.

Der Alaskan Malamut von Alexander Eberle fand auch auf Anhieb die abgelegten Ski des Mannes und meldete dies seinem Herrchen.

 Die beiden „Opfer“ wurden von Ausbilder Stefan Buchner begleitet und hatten sich an einer schwer zugänglichen Stelle versteckt. Sie sollten ein Paar mimen, das sich gemeinsam aufgemacht hatte und auf ihrem Weg zur Fichtlhütte in Streit geraten war. Die Frau war daraufhin aufgrund einer Unachtsamkeit den Steilhang abgerutscht und der Mann war zu ihr herabgestiegen. Er fand seine Partnerin verletzt vor. 

In dem Areal gibt es keinerlei Empfang über die Mobilfunknetze und die beiden waren zu allem Überfluss nur unzureichend ausgerüstet.

Schwierige Bergung

Der Vorabtrupp entdeckte schließlich die beiden und bewahrte die verletzte Frau mit Wärmepacks und Rettungsdecken vor dem weiteren Auskühlen. Da sich der Mann in einer psychisch angespannten Lage befand, beruhigte ihn einer der beiden Bergretter. Die Frau wurde nach einer ersten Versorgung durch den hinzugekommenen Bergwachtarzt in den Akja umgelegt und mit Unterstützung der anderen Bergretter abtransportiert. 

Da sich die Unfallstelle an einem Steilabbruch befand, war es notwendig, den Akja zusammen mit der Frau an einem Seil hinaufzuziehen. Von dort wurde sie dann an den Skidoo angehängt vorsichtig weiter Richtung Sportheim Böck transportiert. 

In der abschließenden Besprechung zeigten sich die beiden Ausbilder Matthias Wohlfart und Stefan Buchner zufrieden mit dem Ablauf. Details, die sich während der Bergung ergaben, wurden besprochen und geklärt. „Wir können alle nur davon lernen und für zukünftige Situationen davon profitieren“, so das Fazit von Wohlfart. 

Lange zuvor am frühen Nachmittag hatte der Ausbildungstag für die Bergretter begonnen. Eine Suche mit dem Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS-Gerät), die Versorgung eines verletzten Skifahrers und die Einweisung in die neuen Digitalfunkgeräte standen auf dem Programm. Michael Gimbel, Leiter der Bergwacht, appellierte an die Frauen und Männer, sich mit ihren LVS-Geräten vertraut zu machen. „Es bringt nix, wenn ihr die Geräte theoretisch kennt, aber dann nicht mit ihnen umgehen könnt“. 

Geräte umtauschen

Aber auch an die Wintersportler richtete er im Namen aller Bergwachtler eine Bitte. Diese sollten ihre zum Teil 15 bis 20 Jahren alten Geräte, die noch im Umlauf und im Gebrauch sind, in neuere umtauschen. Solche Umtauschaktionen würden immer wieder von den verschiedenen Herstellern angeboten. Hintergrund der Bitte des Bereitschaftsleiters ist, das der überwiegende Anteil der alten Geräte nur mit einer Antenne ausgerüstet ist. 

Diese kann bei einer ungünstigen Lage von Verschütteten durch den Körper oder den Rucksack abgeschirmt werden und so eine Ortung unmöglich machen oder extrem erschweren. Die Geräte der neuen Generation sind alle mit drei Antennen ausgestattet. Dadurch sei die Möglichkeit einer Abschirmung wesentlich geringer. „Das sollte mir mein Leben einfach wert sein“, so Gimbel. 

Appell an Wintersportler 

Zur Ausrüstung gehört neben einem LVS-Gerät auch eine Sonde und eine Schaufel. Diese sollte am besten aus Aluminium sein, da die Kunststoffschaufeln bei dem verpressten Schnee nach einem Lawinenabgang leicht brechen. „Der Schnee ist dann extrem hart“, so Alexander Gast, der seit vielen Jahren in der Bereitschaft dabei ist. Er übernahm die Ausbildung mit den LVS-Geräten. 

Dafür wurden an einem Hang zwei Dummys mit jeweils einem Gerät, das auf Senden gestellt war, versteckt. Diese mussten mit Hilfe der Lawinenpiepser, die zur Ausrüstung jedes Bergretters gehören, gefunden werden. Aber auch die Wintersportler sollten sich mit ihren Geräten vertraut machen. „Ich muss es auch kennen und wissen wie es funktioniert“. 

Im Notfall könne der richtige Umgang mit dem eigenen Gerät Leben retten. „Mit jeder Minute, die jemand unter einer Lawine verschüttet ist, sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent“, so Gast. Heißt – nach mehr als zehn Minuten tendieren die Chancen in einer Lawine zu überleben gegen Null. 

Eine Rolle spielen hier aber auch immer die äußeren Umstände wie Schneebeschaffenheit und die Tiefe, in der sich das Opfer befindet. 34 Aktive Magnus Erd mimte unterdessen einen Skifahrer, der die unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Baum gemacht hat. Er musste daher eine Untersuchung durch seine Kameraden überstehen. 

Notarzt Max Spieß, selbst Bergretter, blickte ihnen dabei kritisch über die Schulter und gab Anweisungen und Ratschläge. Die Anwärter, die bei der Übung mit dabei waren, wurden dabei von den erfahrenen Bergwachtlern unterstützt und angeleitet. Die Bereitschaft besteht derzeit aus 34 Aktiven, darunter eine Frau, und sieben Anwärtern, wovon vier Frauen sind. „Die Mischung von alt und jung macht‘s bei uns aus“, so Urgestein Gerhard Fricke. Seit mehr als 55 Jahren ist er dabei und noch immer aktiv. 

Mit seiner großen Erfahrung ist er seit über 15 Jahren im Kriseninterventionsteam Berg (KIT Berg) tätig und betreut die Angehörigen und Begleiter von Verunglückten. Die schwierigste Aufgabe für den erfahrenen Bergretter ist, wenn er Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbringen muss. „Das KIT wurde nach dem Bahnunglück am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 ins Leben gerufen“, so Gerhard Fricke.

Herbert Hoellisch

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