Demographischer Wandel und veränderte Wohnbedürfnisse

Bedarf an Wohnungen im Allgäu steigt

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Tropfen auf dem heißen Stein: Auf der Füssener Guggemoswiese will die Marktoberdorfer Firma Hubert Schmid etwa 80 neue Wohnungen bauen.

Allgäu – Industrie und Tourismus im Allgäu boomen. Durch die gute Beschäftigungslage wächst aber auch die Bevölkerung, was zu einem steigenden Bedarf des ohnehin knappen Wohnraums in der Region führt.

Zusätzlich verschärft wird die Situation durch die demografische Entwicklung. Wie dieser Entwicklung in den Kommunen entgegen gesteuert werden kann, ist unter anderem Bestandteil der „Wohnbedarfsprognose Allgäu 2030“, die die Münchner bulwiengesa AG vergangene Woche auf der 17. Allgäu Initiativ Konferenz vorstellte. Tausende von Daten von 147 Kommunen haben die Experten im Auftrag der Allgäu GmbH im Zuge der Analyse ausgewertet, um aussagekräftige Prognosen für die Landkreise und kreisfreien Städte im Allgäu zu erhalten. 

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Rahmenbedingungen im Allgäu stimmen, aber Entwicklungen wie Verkleinerung der Haushalte und eine immer ältere Gesellschaft verstärkt berücksichtigt werden müssen. Wie Dr. Heike Piasecki von der bulwiengesa AG den rund 120 gekommenen Vertretern aus Wirtschaft, Architektur, Wissenschaft und Kommunalpolitik erläuterte, werde der Bedarf an neu zu schaffenden Wohnraum bis 2024 steigen. Ab 2030 sei der Wohnraumbedarf ausgeglichen. 

Künftige Neubauten müssen allerdings andere Anforderungen erfüllen als bisher: Die Wohneinheiten werden kleiner, weg vom geräumigen Einfamilienhaus zu Wohnungen für Paare und Singles. Barrierefreiheit, wohnbegleitende Dienstleistungen und eine gute Infrastruktur seien die neuen Voraussetzungen. Auch, um Fachkräfte gewinnen und halten zu können. Die Studie hat zudem das Allgäu in fünf verschiedene Räume gegliedert, um die Region in seiner Ausprägung und Wohnraumbedarf abbilden zu können. 

Deutliche Differenzen zwischen Bedarf und Angebot sind demnach beispielsweise in den Ballungsräumen und touristisch geprägten Gemeinden erkennbar. So sei gerade dort das Wohnen teuer, wo aber günstiger Wohnraum für Studenten oder Fachkräfte im Dienstleistungssektor wie Tourismus oder Pflege nötig wären. Hier seien die Kommunen in der Pflicht, Lösungen zu schaffen. 

Das Allgäu wächst

Die demografische Entwicklung in Deutschland macht auch im Allgäu nicht Halt: 2030 werden mehr als 26 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt sein.

Einhergehend mit der positiven Standortentwicklung wächst auch der Bedarf an Wohnraum für Fachkräfte. So stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten seit 2012 um 12 Prozent, die der Einwohner um über vier Prozent. Bis 2030 werden nochmals knapp zwei Prozent mehr Menschen im Allgäu wohnen. Auf diese Entwicklung haben Kommunen bereits reagiert und neuen Wohnraum geschaffen. Doch der hohe Bedarf an Wohnungen und die Zinssituation hat die durchschnittlichen Kaufpreise für Alt- und Neubauten sowie Grundstücke und Mieten im ganzen Allgäu deutlich erhöht.

Wie neue Formen des Wohnens im Jahr 2035 aussehen können, zeigte Michael Neitzel von inWIS (Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung). Zukünftige Generationen haben laut Neitzel andere Vorstellungen von Wohnen und Arbeiten. Mehrere Wohneinheiten eines Hauses teilen sich nicht nur beispielsweise ein gemeinsames Wohnzimmer, sondern auch das Büro, sogenannte CoWorking Spaces.

Auch die gemeinsame Nutzung von Werkzeug oder E-Bikes sowie Car-Sharing werden seiner Ansicht nach künftig selbstverständlich sein. Darüber hinaus stellt die Wohnraumstudie dem Allgäu zunächst ein gutes Zeugnis aus: Die Region zeichne sich durch eine heterogene Wirtschaftsstruktur, der Nähe zu weiteren wichtigen Wirtschaftsstandorten sowie einer hohen Freizeit- und Wohnqualität mit einer hohen Eigentumsquote aus. 

Dazu kommen die niedrige Arbeitslosenquote, die positive Bevölkerungsentwicklung und das Flächenpotenzial als stabiles Fundament – gute Rahmenbedingungen für ein zukunftsfähiges Allgäu seien demnach vorhanden. 

Baurecht lockern

Doch die Kommunen müssen der Nachfrage nach immer mehr kleineren Wohneinheiten und der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft Rechnung tragen, lautete die Empfehlung der Experten. Kommunale Baulandstrategien, zielgruppenspezifische Angebote, interkommunale Kooperationen, Quartiersentwicklung und Nachverdichtungspotenziale sowie die Innen- und Außenentwicklung seien Werkzeuge, die Region Allgäu gut in die Zukunft zu führen.

„Die Studie liefert verlässliche Daten für Diskussionen über den notwendigen Wohnungsbau in den Kommunen. Zudem versprechen wir uns Anregungen für eine bessere Abstimmung und Zusammenarbeit in der Region und zwischen Wirtschaft und Kommunen“, erklärte der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz (CSU), Aufsichtsratsvorsitzender der Allgäu GmbH. 

Bayerns Bauminister Dr. Hans Reichhart (CSU) begrüßte die Allgäuer Wohnraumstudie. In seinem Vortrag „Maßnahmen und Vorhaben der Staatsregierung“ versprach er beispielsweise das Baurecht zu lockern, so dass Wohnraum geschaffen werden könne ohne neue Flächen zu beanspruchen. Der Minister forderte die Kommunen auf, den sozialen Wohnungsbau nicht den Städten zu überlassen. Neuzugezogene und eine alternde Gesellschaft würden gerade im ländlichen Raum Chancen für neue Wohnformen bieten. „Mit den validen Daten, den Impulsen und Ideen werden wir spannende Diskussionen in unseren Kommunen führen und eine nachhaltige und zukunftsorientierte Standortentwicklung betreiben. So können wir unsere Vision fürs Allgäu verwirklichen und auch künftig eine führende Region zum Leben und Arbeiten sein“, fasste Klaus Fischer, Geschäftsführer der Allgäu GmbH, die Tagung zusammen.

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