»Die Aufgaben sind sehr herausfordernd«

Amtsantritt im Ausnahmezustand: Maximilian Eichstetter blickt auf sein erstes Jahr als Füssener Bürgermeister zurück

Maximilian Eichstetter
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Ein Jahr nach seinem Amtsantritt macht Bürgermeister Maximilian Eichstetter (CSU) sein neuer Job nach wie vor große Freude – auch wenn wegen der Corona-Pandemie derzeit viele der Termine, die zum Bürgermeisteramt dazugehören, wegfallen.
  • Katharina Knoll
    vonKatharina Knoll
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Füssen – Sanierungsstau, hohe Schulden und eine Pandemie: Das erste Jahr von Bürgermeister Maximilian Eichstetter (CSU) war geprägt von großen Herausforderungen. Dennoch sagt der Rathauschef: „Ich bin immer noch zu 100 Prozent überzeugt, dass es der richtige Schritt war.“ Im Gespräch mit dem Kreisboten, blickt er auf sein erstes Jahr als Bürgermeister der Stadt Füssen zurück, beschreibt die größten Schwierigkeiten der Zukunft und wie er sie lösen will. 

Frisch und ausgeruht wirkt Maximilian Eichstetter, als er von seinem Schreibtisch aufblickt. Wo Besucher früher von einer lebensgroßen Plüschgiraffe und braunen Büromöbeln begrüßt wurden, steht jetzt ein moderner, schlichter Schreibtisch mit zwei Computer-Bildschirmen vor einem dazu passenden Konferenztisch. Der neue Rathauschef hat nicht nur seinem Büro seinen Stempel aufgedrückt. In den ersten zwölf Monaten seiner Amtszeit hat er viele Projekte ungewohnt zügig gestartet und weitergeführt.

Dabei übernahm Eichstetter in einer schwierigen Phase die Geschicke der Stadt: Mitten in der Corona-Pandemie. „Ich bin zu einer Zeit gestartet, die nichts mit einem normalen Bürgermeister-Amt zu tun hatte.“ Anstatt Vereinsfeste zu besuchen, war eine seiner ersten Amtshandlungen, die gebührenfreie Freischankflächenerweiterung der Füssener Gastronomie bekannt zu geben. „Von dem her kann man nicht sagen, dass der Job aktuell der Normale ist. Es ist eher Krisenmanagement in kleinem Maße“, sagt der Rathauschef. „Der Zusammenhalt, der in dieser schlimmen Pandemie entstanden ist, war schon sehr bewegend.“ Viele hätten ihre Hilfe angeboten.

Die größte Herausforderung der Krise sei, auf die ständig wechselnden Entscheidungen des Gesundheitsamts zu reagieren. Hinzu kommt, dass die Füssener Betriebe durch den Lockdown mit Umsatzeinbrüchen kämpfen. Und das macht sich auch in den städtischen Finanzen durch geringere Gewerbesteuereinnahmen bemerkbar.

Dennoch versucht die Stadtverwaltung das Beste aus der derzeitigen Lage zu machen, sagt Eichstetter. So hätte sie intensiv an Projekten weitergearbeitet, die aktuell zwar unwichtig erscheinen, aber umso nötiger sein werden, wenn die Pandemie überstanden ist. Dazu gehört unter anderem die Weiterführung des Beherbergungskonzepts, die Verkehrsproblematik und der bezahlbare Wohnraum. Außerdem habe die Stadtverwaltung ihre Prozesse optimiert und ihre Digitalisierung vorangetrieben. „Ohne Pandemie hätte das wahrscheinlich noch Jahre gedauert“, meint der Rathauschef zu Letzterem.

41 Millionen Euro Sanierungsstau

Doch auch ohne Corona sind die Herausforderungen in den kommenden Jahren gewaltig. So habe die Stadt allein bei der Infrastruktur einen Sanierungsstau von 26 Millionen Euro, informiert der Rathauschef. Bei den städtischen Liegenschaften beläuft er sich ebenfalls auf stattliche 15 Millionen Euro. Hinzu kommt ein riesiger Schuldenberg, der Ende des Jahres rund 60 Millionen Euro im Kernhaushalt betragen wird (der Kreisbote berichtete). Aus der Ruhe lässt sich Eichstetter davon aber nicht bringen: „Das darf und sollte einem keine schlaflosen Nächte bereiten, sonst wäre das der falsche Job für einen“, erklärt er. Denn: „Wir wussten im Vorfeld, dass die Schulden nicht besser werden.“ In den Jahren 2018 und 2019 habe der „alte“ Stadtrat allein Projekte für weit über 120 Millionen Euro auf den Weg gebracht. „Das schränkt uns natürlich schon ein. Aber die Ausgaben sind teilweise auch wirklich mehr als notwendig“, sagt der 35-Jährige und führt als Beispiel die Sanierung der Grund- und Mittelschule an.

„Wir nehmen die Situation so wie sie ist und machen das Beste daraus.“ Und das bedeutet, die Ausgaben zu verringern und die Einnahmen zu erhöhen. „Jede kleine Stellschraube, die wir drehen, bringt uns Luft für die Zukunft“, ist Eichstetter überzeugt. So habe die Stadt bereits durch ihren neuen Zweitwohnungssteuersatz 600.000 Euro mehr eingenommen, leerstehende Liegenschaften renoviert und vermietet bzw. die Mieten sozialverträglich angepasst.

Durch neue Investitionen wie das Blockheizkraftwerk im Bundesstützpunkt erhofft sich die Stadt zudem hohe Einsparungen bei den laufenden Kosten. Gleichzeitig müsse die Stadt auch ihre Fördermöglichkeiten ausnutzen. „Es liegt an uns, dass wir da jeden Cent mitnehmen“, so der Rathauschef. „Zusätzlich sind wir viel in Gesprächen mit Unternehmen, um sie hier anzusiedeln.“ Das Problem dabei: „Wir haben sehr wenig Grundstücke, die wir anbieten können oder die passend wären. Aber da sind wir dran.“ Als Beispiel führt der Bürgermeister die Weiterentwicklung des Areals Füssen-Nord und die Flächen des Zweckverbands Allgäuer Land auf.

Das alles zu managen, fordert großen Einsatz. So beginnen Eichstetters Arbeitstage auch um 7 Uhr morgens und dauern bis in die Abendstunden. Am Wochenende steigt er dann auf sein Fahrrad und kontrolliert die städtischen Baustellen. „In der Tat habe ich noch keinen Tag Urlaub gehabt.“ Aber: „Es muss keiner Angst haben, dass ich unter Burnout leide“, beschwichtigt Eichstetter. „Ich bin das so gewohnt seit ich im Berufsleben bin.“

Denn: „Der Job bereitet mir mega Freude! Er ist sogar noch besser als gedacht.“ Wie bei jedem Selbstständigen sei es für ihn selbstverständlich, jeden Tag präsent zu sein und unterstützend einzugreifen. Dazu komme die große Rückendeckung, die er von allen Seiten erfahre, sei es von der Stadtverwaltung, den Stadträten oder den Bürgern. „Ich glaube nicht, dass ich die Energie für so viel Arbeitsleistung hätte, wenn ich die ganze Zeit nur Gegenwind bekommen würde.“

Am meisten berührt hätten ihn die vielen Briefe und selbst gemalten Bilder, die ihm Kinder und Jugendliche zugeschickt haben. „Das bringt einem trotz aller schweren und sehr ernsten Themen ein Lächeln aufs Gesicht.“ Er beantworte auch jeden Brief.

Allerdings könne man es nicht jeden recht machen. „Dass der Job an sich nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, weil man viel aushalten muss, ist auch jedem klar.“

Gerade Anfang des Jahres lieferte sich der Bürgermeister in so mancher Stadtratssitzung ein hitziges Wortgefecht mit SPD-Stadträtin Ilona Deckwerth. Für Eichstetter kein Problem: „Jeder darf seine Meinung äußern. Deswegen gibt es auch keinen Streit oder werden irgendwelche Barrieren aufgebaut.“ Der Stadtrat setze sich nun mal aus 25 verschiedenen Charakteren zusammen, von denen jeder um die Themen kämpft, die ihm am Herzen liegen. Aber: „Am Ende des Abends haben wir bisher immer eine konstruktive Lösung für die Füssener gefunden. Das macht mich schon stolz, dass wir so eine coole Abteilung sind.“

Weniger Diskussionen im Stadtrat

Dabei fällt auf: Es gibt weniger Diskussionen als in der vergangenen Legislaturperiode. Das führt der Rathauschef darauf zurück, dass viele Fragen bereits im Vorfeld geklärt wurden. „Jeder Stadtrat kann von mir alle Informationen bekommen, die er braucht oder will.“ Eichstetter fügt hinzu: „Wir wollen nichts verheimlichen. Ganz im Gegenteil, wir wollen eine ordentliche Sitzung vorbereiten.“ Deshalb umfassen die Sitzungsunterlagen auch schon mal um die 500 Seiten. „Wenn alles aufgearbeitet ist, dann gibt es eigentlich auch keine Fragen mehr“ – und es kristallisiere sich ein klarer Weg heraus.

Auch im Umgang mit den Bürgern setzt der Bürgermeister auf Offenheit und Transparenz. „Wir versuchen die Bürger soweit wie möglich in die Projekte zu integrieren.“ Dabei setzt der Rathauschef auf direkte Worte. „Die sind vielleicht nicht immer schön, aber im Nachhinein sind die Leute schon froh, wenn ich kein Blatt vor den Mund nehme.“

Trotz aller Probleme ist der 35-Jährige überzeugt, dass der Stadtrat auch in den kommenden Jahren Füssen zu einer lebens- und liebenswerten Stadt gestalten kann, in der sich die Füssener glücklich und wohl fühlen können.

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