53-Jährige sucht sei Jahren vergeblich nach einer Wohnung

Ohne Job, krank und wohnungslos

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Nicht mehr viel ist von den Sozialwohnungen in der HIebeler-/Kagerstraße in Füssen übrig. Ab Mitte 2017 will das Siedlungswerk Füssen in Kooperation mit der BSG Allgäu hier zwei Häuser mit 20 öffentlichen Mietwohnungen bauen.

Allgäu/Füssen – Mit der Tochter in eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung in Kempten ziehen, die nötige Operation hinter sich bringen und ein gut bezahlter Job: Julia Mayers (Name von der Redaktion geändert) Wünsche für 2017 sind relativ bescheiden.

Und trotzdem scheinen sie fast unerreichbar zu sein. Seit dreieinhalb Jahren sucht Mayer nach einer Wohnung – im Internet, in Zeitungen und über Bekannte. Zuerst in Oy-Mittelberg. Jetzt in Kempten.

Doch ohne Job, mit Mietschulden am Hals und nach einer Räumungsklage hat sie auf dem privaten Wohnungsmarkt keine Chance. Auf den ersten Blick ist ihr nichts anzumerken: Herzlich begrüßt einen Julia Mayer. Doch dann beginnt sie zu erzählen. Der Blick huscht unruhig umher. Wenn es ihr zu nahe geht, spricht sie schnell weiter.

Kein Dach überm Kopf

Der Grund: Seit vier Monaten hat Mayer kein eigenes Dach mehr über dem Kopf: Am 13. September 2016 musste die 53-Jährige endgültig aus ihrer Mietwohnung in Oy-Mittelberg raus, in der sie 25 Jahre lang wohnte. Ein neues Kapitel in einer schweren Zeit: Nach der Scheidung und dem Verlust ihres Jobs arbeitete Mayer in einem Minijob, den sie schließlich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. 

Seitdem ist sie auf Harz IV angewiesen. Das Jobcenter des Landratsamtes Oberallgäu übernahm daraufhin die Miete. Es zahlte „die angemessenen Kosten der Unterkunft, nach dem damaligen Konzept des Landkreises Oberallgäu“, heißt es in einem Schreiben. Doch das reichte nicht für die volle Miete, die laut Jobcenter „unangemessen hoch“ war. 

Doch eine andere, passende Wohnung fand sie nach eigenen Angaben nicht – weder in Oy noch in Kempten. „Seit drei Jahren lebe ich in extremen Ängsten und Sorgen. Es hat mich aufgeschafft“, sagt die 53-Jährige. 

Um weiter in ihrer Wohnung bleiben zu können, einigte sie sich mit der Vermieterin. Obwohl diese die Wohnung eigentlich schon seit Jahren verkaufen wollte, ließ sie Mayer noch ein paar Monate länger darin wohnen. Doch auch in dieser Zeit fand sich keine passende Unterkunft. Die Sache landete schließlich vor Gericht und die Zwangsräumung folgte. 

Seitdem wohnt Mayer bei einem Bekannten; ihre 18-jährige Tochter bei ihrem schwer kranken Vater in einer 50 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung. Für Mayer ein untragbarer Zustand, zumal sich ihre Tochter eigentlich aufs Abitur vorbereiten müsste. 

„Meine Tochter und ich wünschen uns einfach nur Ruhe und Sicherheit und das dieser Albtraum bald ein Ende hat“, sagt die 53-Jährige. Deshalb ist sie seitdem von einer Behörde zur anderen „nur gerannt und gesprungen“. Sogar Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sie in ihrer Verzweiflung angeschrieben. 

Angespannter Markt

Doch der Markt für bezahlbare Wohnungen ist angespannt. Das bestätigt unter anderem Martin G. Langenmaier, Stellvertretender Geschäftsführer der Sozialbau Kempten. Für Mayer ist die Lage sogar prekär: Mit Mietschulden und einer überstandenen Räumungsklage fällt für sie der private Wohnungsmarkt weg. „Private Vermieter nehmen mich nicht, weil ich ohne Arbeit bin.“ Und wenn sie dann auch noch bei den Selbstauskünften das Feld Räumungsklage frei lasse, „wissen die auch Bescheid.“ 

Bleibt also nur eine Sozialwohnung. Denn für die Bau- und Siedlungsgenossenschaft (BSG) Allgäu und für die Sozialbau sind Mietschulden und Räumungsklagen keine prinzipiellen Ausschlusskriterien, wie Manuel Burkart (BSG) und Langenmaier bestätigen. 

So hat die BSG Sozialarbeiter, die sich um solche Fälle kümmern und schauen, wo es Hilfestellungen gibt, so Burkart. „Uns ist es lieber der Interessierte kommt an und ist ehrlich“, meint auch Langenmaier. Dann könne man sich zusammensetzen und eine Einzelfallentscheidung treffen. 

Interessierte müssen bestimmte Einkommensgrenzen einhalten und einen Wohnungsberechtigungsschein vorweisen, um überhaupt für solche Wohnungen in Fragen zu kommen – ein „Nachweis, dass die Miete zum Teil oder ganz übernommen wird.“

Lange Wartezeit

Trotzdem ist es auch dann nicht einfach an eine Sozialwohnung zu kommen. So sind diese im Ostallgäu in der Regel alle belegt, informiert Rainer Kunzmann, Pressesprecher des Landratsamtes. Die durchschnittliche Wartezeit betrage hier für eine Drei-Zimmer-Wohnung ein bis zwei Jahre. 

Für eine Vier-Zimmer-Wohnung müssen Interessierte sogar zwischen drei und vier Jahre warten. Das liegt wohl daran, dass es im Ostallgäu zur Zeit nur 270 Sozialwohnungen gibt. Davon besitzt der Landkreis selbst sechs Wohnungen. Bei dem Rest arbeitet er vor allem mit den Wohnungsbaugenossenschaften in Füssen, Marktoberdorf und Buchloe zusammen. 

Besser schaut es da im Oberallgäu aus. Hier gibt es aktuell 1386 Sozialwohnungen, von denen der Landkreis selbst allerdings keine besitzt, erklärt Andreas Kaenders, Pressesprecher des Landratsamtes Oberallgäu. Neben vorgegebenen Einkommensgrenzen erfolge die Vergabe „in erster Linie nach Dringlichkeit und Wartezeit“. 

Den Einzelfall betrachten

Habe der Interessent allerdings einen negativen Schufa-Eintrag, werde er meist abgelehnt. „Das muss mit dem Vermieter im Einzelfall abgeklärt werden“, sagt er. Das sind im Oberallgäu neben der BSG-Allgäu und der Sozialbau das Sozial-Wirtschafts-Werk (SWW) und Privatvermieter, die über geförderte Wohnungen verfügen. Je nach Ort und Haushaltsgröße warten Interessierte hier zwischen einem halben und zwei Jahren auf eine Wohnungen. 

Im Fall Mayer ist der Landkreis schon länger aktiv: „Wir engagieren uns seit über einem Jahr in der Angelegenheit der Kundin und wir versuchen die sehr konkreten Wünsche hinsichtlich ihres Wohnortes zu erfüllen. Die schwierige Lage mit den geförderten Wohnungen zwingt leider viele unsere Kunden dazu, bei der Ortswahl flexibel zu sein“, sagt Kaenders.

Wohnungen abgelehnt

Und genau hier liegt Mayers Problem.

Eine Wohnung des SWW in Immenstadt und eine in Wiggensbach, die ihr das Landratsamt angeboten hat, hat sie abgelehnt. Der Grund: Beide Wohnungen haben Treppen. „Das hat gar keinen Wert wegen meines Fußes“, so die 53-Jährige. Denn dieser muss operiert werden. „Nach der OP darf ich nicht auftreten und nicht einkaufen“, sagt Mayer.

Und in Kempten hat sie Bekannte, die ihr während dieser Zeit beim Einkaufen helfen könnten. Außerdem: „Meine Tochter will nach Kempten, weil sie dort zur Schule geht“, so die 53-Jährige. Und auch ihr Vater, ein Pflegefall, lebt in einem Seniorenheim in der Allgäumetropole.

 In Kempten sei sie einfach „flexibler irgendwo hinzukommen“. Für sie ein wichtiger Faktor. Denn sie besitzt weder Auto noch Führerschein. Gerade auch mit Blick auf eine Arbeitsstelle ist das wichtig. „In der Stadt gibt es bessere Möglichkeiten eines Tages arbeitsmäßig neu zu starten“, so Mayer. 

Deshalb hat sie sich an die Stadtverwaltung von Kempten gewandt. Doch diese konnte ihr bisher keine passende Wohnung vermitteln, wie es in einem Schreiben des Innenministeriums heißt. Aus Gründen des Datenschutzes will sich Benedikt Mayer, Referatsleiter für Jugend, Schule und Soziales bei der Stadt, nicht weiter dazu äußern. 

Keine städtischen Sozialwohnungen

Er teilt jedoch mit, dass die Stadt selbst keine Sozialwohnungen besitzt. In diesem Bereich arbeitet sie ebenfalls mit der BSG, Sozialbau, der Baugenossenschaft Kempten und privaten Vermietern zusammen. 

Julia Mayer wandte sich an die BSG – und scheiterte zunächst. Zwar war sie für eine öffentlich geförderte Mietwohnung vorgemerkt, doch da viele andere ebenfalls nach einer bezahlbaren Wohnung suchen, konnte sie laut BSG nicht berücksichtigt werden. Ein weitere Grund: Bei der Wohnungsvergabe müsse die BSG nach eigenen Angaben Ortsansässige bevorzugen – eine Vorgabe der Stadt. Und Mayer war damals noch keine Kemptenerin. 

Derzeit sind über 1000 Wohnungssuchende für bezahlbaren Mietraum bei der BSG gemeldet. Diese seien in den vergangenen Jahren „eher mehr als weniger geworden“, so Burkart. Um eine genossenschaftliche Wohnung beziehen zu können müssen Interessierte durchschnittlich zwischen neun und zwölf Monaten warten. 

Kampf geht weiter

Schneller geht es bei der Sozialbau Kempten. Hier gibt es laut Langenmaier eine durchschnittlich Wartezeit von drei bis sechs Monaten. „Das ist noch in einem Bereich: Man wird bedient, aber der Markt ist angespannt. Das zeigt, wie viel Druck auf dem Markt ist“, erklärt er. Trotzdem habe Julia Mayer von der Sozialbau eine Wohnung in Kempten angeboten bekommen, so der Stellvertretende Geschäftsführer. Und abgelehnt, wie Mayer erklärt.

Denn diese befand sich im vierten Stock – ohne Aufzug. „Ich kann nicht im vierten Stock wohnen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Trotz dieser Rückschläge will die 53-Jährige weiterkämpfen, vor allem wegen ihrer Tochter. „Ich bin am überlegen, wie wir wieder zusammenkommen. Da muss eine Sofortlösung her. Ich mache solange weiter bis ich habe, was mir zusteht. In aller erster Linie mein Kind.“ 

BSG und Sozialbau investieren

Damit sich die Lage in den kommenden Jahren verbessert, wollen sowohl die BSG als auch die Sozialbau in den bezahlbaren Wohnungsbau investieren. So beginnt im Mai der Bau von 32 öffentlich geförderten Mietwohnungen in Kempten, informiert Burkart. Und auch in Füssen ist die BSG aktiv: Ab Mitte 2017 wird das Siedlungswerk Füssen in Kooperation mit der BSG 20 öffentliche Mietwohnungen errichten (der Kreisbote berichtete mehrfach). Die Sozialbau baut in Kempten laut derzeit 110 Mietwohnungen für die bürgerliche Mitte. Daneben will sie aus ihrem Wohnungsbestand heraus 275 sozial gebundene Wohnungen an Geringverdiener vermieten.

Katharina Knoll

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