Branche befindet sich in einer dramatischen Situation

Reisebüros im Ostallgäu: "Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe"

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Anke Schott und ihren Mitarbeitern vom „Schott-Reiseservice” in Pfronten macht die aktuelle Corona-Krise schwer zu schaffen. Da die Veranstalter ihre Reisen für April storniert haben, erhält das Reisebüro keine Provision. Und auch für die kommenden Monate schaut es düster aus.

Pfronten – Seit dieser Woche hat Bayern die Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Corona-Krise gelockert. Ab kommenden Montag dürfen viele Geschäfte wieder ihre Türen öffnen.

Weiter in die Röhre guckt dagegen die Reisebranche. Im Kreisbote-Interview schildert Anke Schott vom „Schott-Reiseservice“ in Pfronten die derzeitige Lage ihres Reisebüros. Nach wie vor ist unklar, wann Hotels im In- und Ausland wieder öffnen werden, Flugzeuge in touristische Gebiete fliegen und Kreuzfahrtschiffe in Häfen anlegen dürfen. 

Derzeit geht das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes in seinem Recovery-Check davon aus, dass erst Ende Juni 2021 das touristische Geschäft in all seinen Sektoren wieder vollständig belebt sein wird. „Das werden aber viele Reisebüros und Veranstalter nicht überleben“, ist Anke Schott von „Schott-Reiseservice“ in Pfronten überzeugt. Auch ihr Reisebüro leidet unter der aktuellen Situation. So befindet sich einer ihrer zwei Mitarbeiter gegenwärtig in Kurzarbeit. 

Frau Schott, wie bewerten Sie derzeit die wirtschaftliche Lage Ihres Reisebüros? 

Anke Schott: „Auf Grund der Reisewarnung des Auswärtigen Amts wurden alle Reisen bis 3. Mai, Kreuzfahrten teilweise bis 30. Mai, abgesagt beziehungsweise storniert. Wir erwarten, dass es ab nächster Woche eine Neubewertung des Auswärtigen Amts gibt und die Abreisen für den Monat Mai ebenfalls storniert werden müssen. Alle Reisen werden seitens des Veranstalters kostenlos storniert. Diese Reisen wurden von uns bereits vor Monaten mit großer Sorgfalt und Zeitaufwand gebucht und verwaltet. Für diese Buchungen erhalten wir keine Provision beziehungsweise wir müssen die Provisionen, die wir dafür erhalten haben, wieder an den Veranstalter zurückzahlen. Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe, da wir für die bereits geleistete Arbeit kein Geld bekommen.” 

Wie schaut aktuell Ihr Arbeitsalltag aus? 

Schott: „Wir sind derzeit nur telefonisch und per E-Mail für die Kunden erreichbar, da wir das Reisebüro auf Grund der Corona-Verordnung nicht öffnen dürfen. Täglich prüfen wir die zahlreich wechselnden Infos der Veranstalter und verständigen entsprechend unsere Kunden, deren Reise im April hätte stattfinden sollen. Abgesagte Reisen werden mit viel Zeitaufwand wieder storniert oder umgebucht. Dafür bekommen wir kein Geld vom Veranstalter.” 

Verunsicherte Kunden

Werden aktuell überhaupt noch Reisen für dieses Jahr bei Ihnen gebucht? 

Schott: „Die Kunden sind sehr zurückhaltend und verunsichert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Das beeinflusst das Buchungsverhalten der Kunden. Neubuchungen für den Herbst, die in der Regel von März bis Mai gebucht werden, fehlen fast ganz. Somit fehlen uns im Reisebüro nicht nur die Provisionen für die abgesagten Reisen, sondern auch die Provisionen für die Neubuchungen. Das lässt sich auf keinen Fall mehr nachholen.“ 

Wie gehen Ihre Kunden mit bereits gebuchten Reisen für dieses Jahr um? Werden viele Reisen storniert? 

Schott: „Wir sind für die Fragen der Kunden immer telefonisch erreichbar. Allerdings wissen auch wir nicht, ob ab Juni schon vereinzelt Reisen wieder möglich sind. Wir raten den Kunden abzuwarten, denn stornieren kann man zum jetzigen Zeitpunkt nur kostenpflichtig. Wir besprechen dann mit den Kunden, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, zum Beispiel Umbuchung oder kostenlose Stornierung. Viele Veranstalter bieten derzeit auch Gutscheine für abgesagte Reisen an, mit einem entsprechendem Boni oben auf. Das kann eine prozentuale Ermäßigung für eine Umbuchung sein oder auch ein fester Betrag. Damit kommen die Veranstalter den Kunden bei Pauschalreisen (Kreuzfahrten) entgegen, wenn sie bereit sind, auf einen neuen Termin umzubuchen beziehungsweise neu zu buchen.” 

Wie blicken Sie auf die kommenden Wochen? 

Schott: „Es ist davon auszugehen, dass Reisen bis weit in den Sommer und Herbst nicht möglich sein werden. Die meisten Buchungen für Sommer und Herbst gehen traditionell in Warmwassergebiete, wie zum Beispiel Spanien, Griechenland, Italien, Türkei und einige andere Ziele in Südeuropa. Wir müssen abwarten, ob Rundreisegebiete in den Sommermonaten, wie die USA und Kanada möglicherweise ebenfalls ausfallen, wie auch Kreuzfahrten in Nord-, Ost- und Südeuropa. Es wird also schwierig, neue Buchungen zu tätigen. Entsprechend werden wir für diese Monate keinen Umsatz erzielen.” 

Mehr finanzielle Hilfen Was erhoffen Sie sich für die kommenden Monate? 

Schott: „Es wäre schön, wenn die Kunden nach Corona lokal kaufen und buchen und nicht den Weg ins Onlineportal suchen. Wir sind jetzt für unsere Kunden da und helfen, wo bei den Veranstaltern teilweise bereits die telefonische Erreichbarkeit eingestellt wurde. Wir würden uns freuen, wenn wir nach Corona auch wieder diese Wertschätzung bekommen und nicht nur in Krisenzeiten. Jede Neubuchung für spätere Reisen ist ein Schritt in die Normalität und sichert uns den Erhalt des Reisebüros und deren Mitarbeiter. Selbstverständlich möchten wir auch die Politik in die Pflicht nehmen, denn leider fallen wir immer ,hinten runter‘. Die Touristik stellt weit mehr Arbeitsplätze zur Verfügung als zum Beispiel der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Deshalb fordern wir mehr finanzielle Hilfestellung. Nicht Kredite, da diese am Ende ja wieder zurück gezahlt werden müssen. Das macht keine Sinn, da diese nie mehr hereingearbeitet werden können.” 

Frau Schott, vielen Dank für das Gespräch!

Katharina Knoll

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