EVF-Chronist Siegfried Schubert spricht im Kreisbote über die Vergangenheit und Zukunft des EV Füssen

"Ein Garant für erfolgreichen Eishockeysport"

+
Siegfried „Sila“ Schubert erinnert mit Buch und CD-Rom an glorreiche EVF-Zeiten. Der 77-Jährige bleibt nicht am Schreibtisch kleben, sondern läuft weiterhin regelmäßig auf dem Eis.

Füssen – Siegfried „Silla“ Schubert, dem das Buch „EV Füssen, 16-facher Deutscher Eishockeymeister“ und das Fortschreiben der Vereinschronik zu danken ist, freut sich als ehemaliger Mannschaftskapitän, Erfolgstrainer und Ex-Vorstandsmitglied über den Aufstieg des EVF in die Bayernliga. I

Im Exklusiv-Interview mit dem Kreisbote macht der 77-Jährige deutlich: „Es gibt eine solide Brücke aus meiner aktiven Zeit, die in die Zukunft des Vereins führt. Auch für den neuen EVF und seinen Bayernliga-Kader ist unser eigener Nachwuchs enorm wichtig.“ 

Zwischen 1949 und 1983 wurde der EV Füssen dank seiner 16 Deutschen Meistertitel und seiner internationalen Erfolge weltweit bekannt. Die große Popularität hielt an, während der einst so erfolgreiche Verein unterging. Wie sehr freuen Sie sich, dass es jetzt mit einer jungen Vereinsführung und zahlreichen Sponsoren aufwärts geht? Und kann sich Füssen tatsächlich eine konkurrenzfähige Bayernliga-Mannschaft leisten? 

Schubert: „Für den Meister und Aufsteiger ist die höchste Bayerische Amateurliga haltbar, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Zu meiner großen Freude über das in der Saison 2016/17 erreichte Ziel kommt die Vorfreude auf die neue Saison.“ 

Sie haben beim EV keine offizielle Funktion. Reicht es Ihnen aus, „nur“ ein Zuschauer zu sein?

Schubert (lacht): „Nein, erstens kaufe ich mir jedes Jahr eine Dauerkarte für den Allgemeinen Lauf und Schlägerlauf im Eisstadion und trainiere wöchentlich ein- bis zweimal eine Stunde von August bis April. Außerdem will ich weiterhin Chronist der Füssener Eishockeybewegung bleiben. Im Kapitel der Chronik, das ich zuletzt verfasst habe, spielt die gezielte Nachwuchsförderung eine Hauptrolle. Der neue EV Füssen 2015 übernahm aus unserem alten Verein sehr gut ausgebildete Spieler. Von diesen zahlreichen Talenten für den Eishockeysport konnte ich mich als Zuschauer selbst überzeugen.“ 

Sie waren ein erfolgreicher Trainer. Was ist aus Ihrer Sicht im Nachwuchsbereich ganz wichtig? 

Schubert: „Dass die Schulkinder hier früh, oft und auch kostenlos aufs Eis können. Der Erfolg damals beruhte hauptsächlich auf zwei Gründen: Neben der Tatsache, dass in den früheren Generationen besonderes Talent vorhanden war, war noch Ausschlag gebend, dass wir als Buben schon praktisch jeden Tag Eishockey gespielt hatten. Auch auf den zugefrorenen Faulenbacher Seen. Wie früher sollten die Nachwuchsspieler des EVF zum Allgemeinen Lauf freien Eintritt ins Eisstadion erhalten. Im heutigen Spiel wird mit viel Kraft Druck und Tempo gemacht. Es fehlt leider etwas die Feinmotorik, die zum abschließenden Torabschluss notwendig ist. Wir hatten auch viele andere Sportarten ausgeübt, so zum Beispiel Fußball beim FC Füssen und Tennis. Feinmotorisch war jeder von uns gut ausgebildet.“ 

Die Zuschauer sehen Bayernliga, nicht mehr Oberliga. Hat der Füssener Eishockeysport in den zurückliegenden 20 Jahren sein Image eingebüßt?

Schubert: „Klares Nein, das sehe ich nicht so. Der Eishockeysport ist in Füssen nach wie vor als Urlaubs-, Kur- und Erholungsort ein Werbemagnet. Eine positive Entwicklung ist, dass regelmäßig viele junge Leute mittleren Alters aus dem Umland zu den Spielen des EV kommen. Es gibt eine wachsende Fangruppe, die die Mannschaft hervorragend unterstützt. Der vom neuen Vorstandsgremium sehr gut geführte Verein kann auf die Anhängerschaft stolz sein. Hinzu kommt: Wirtschaftsbetriebe engagieren sich vorbildlich fürs Eishockey. Früher war das nicht so.“ 

Ist das auch ein Seitenhieb auf die Oberliga-Zeit?

Schubert: „In diesem Zusammenhang möchte ich betonten: Den bis ins Jahr 2015 ehrenhaft mitarbeitenden Vorstandsmitgliedern des in Konkurs gegangenen alten EV Füssen kann man bestimmt nicht mangelndes Engagement an dem Erhaltsversuchen des EV Füssen, mit der ersten Mannschaft in der Eishockey-Oberliga zu spielen unterstellen. Die wirtschaftliche Grundlage für diese Liga konnte leider nicht geschaffen werden. Es fehlten entsprechende Einnahmen. Bei einem Schnitt von 700 Zuschauern pro Meisterschaftsspiel, ohne fehlende massive Spenden aus der Wirtschaft und Sponsoring, ist die Oberligateilnahme, als dritte Profiliga im Deutschen Eishockeysport, mit 50 bis 60 Meisterschaftsspielen und aufwändigen Rüstzeiten wie Auswärtsfahrten mit Amateuren kaum zu bewältigen. Zu meiner Zeit waren wir fast schon enttäuscht, wenn unsere Spiele nur 3000 Leute sehen wollten.“ 

Nochmals Stichwort früher – in Ihrer Chronik ist auch nachzulesen, dass der bittere Konkurs des Vereins 1983 nicht unvermeidbar gewesen wäre. Karten Sie hier nach? Oder schwingt da Wehmut mit? 

Schubert: „Man kann im Rückblick wehmütig sein! Denn allein mit dem Verkauf der im Jahr 1966 erworbenen Nobelvilla in der Kemptener Straße hätte der Konkurs des Erfolgsvereins eventuell abgewendet werden können. Doch die Entscheidungen fielen anders. Mit nur rund 400.000 Euro Schulden, aber 8000 Quadratmetern Baugrund des Eisstadions und der Nobelvilla – heute ein Bestandswert von zwei Millionen Euro – ging das EVF-Anlagevermögen an die Stadt über. Den Weg kann man trotzdem als richtig beurteilen, weil das gute Spielerpotenzial örtlich nicht mehr vorhanden war, das teure Profieishockey sich in die Großstadt verlagerte und außerdem das Bundesleistungszentrum vom Bund nur auf kommunalem Grund gefördert wurde.“ 

Was änderte sich für den EV Füssen? 

Schubert: „Der 1983 in Füssen neu gegründete Eislaufverein war ab diesem Zeitpunkt mit seiner Mannschaft in der zweiten Bundesliga nur noch ein verbriefter Gast auf jetzt fremden Grund und Boden. Details dazu sind in der Chronik nachzulesen. Spieler wie Gmeiner, Holzmann, Petermann oder Bleicher hatten um die Jahrtausendwende die Chance auf eine Profikarriere und konnten diese zum Beispiel in Mannheim auch sehr gut nutzen.“ 

Sie sind Jahrgang 1939. Für Ihre Generation war damals der Amateurstatus mit ein paar zusätzlichen Mark Entgelt typisch. Als Trainer waren Sie erfolgreich, auch als Honorartrainer beim Deutschen Eishockeybund. Gab es Angebote, Coach in einer Großstadt zu werden? 

Schubert: „Ja, ich hatte ein sehr gutes Trainerangebot aus Düsseldorf. Aber ich wollte im Allgäu bleiben und habe mich als gelernter Kaufmann gezielt bis hin zum Diplom-Verwaltungswirt einer Bundesbehörde weiter gebildet.“ Ein Füssener bleibt seiner Heimatstadt treu? Schubert: „Wenn er es beruflich vereinbaren kann, ja!“ 

Woran erinnern Sie sich – außer den 16 errungenen Meistertiteln – noch besonders gern? 

Schubert: „An die höchste Anerkennung, die der Verein und die Spieler im Jahre 1963 mit der Verleihung des ,Silberlorbeer´ erhielten. Die höchste Auszeichnung im Sport in Deutschland wurde uns durch den Herrn Bundespräsidenten Dr. Heinrich Lübke verliehen. Die Auszeichnung wurde auch schon in weiser Vorhersicht verliehen, dass der EV Füssen mit heimattreuen Sportlern und einer selbstlos mithelfenden Bevölkerung, einmal der erfolgreichste Eissportverein des 20. Jahrhunderts werden sollte. Der beispiellose Erfolg des EV Füssen ist auch in unserer heutigen Zeit noch ein Vorbild an Sportbegeisterung jenseits des heute so stark kommerzialisierten Profisports, mit dem auch der Niedergang des EV Füssen begann.“ 

Ihre Grundhaltung bleibt demnach aber optimistisch?

Schubert: „Mit dem Regionalzentrum Allgäu ist Füssen auch heute noch untrennbar mit dem deutschen Eishockeyspitzensport verbunden. Obgleich seit den neunziger Jahren Eishockeyclubs großer deutscher Städte mit finanzkräftigen Investoren die deutsche Liga beherrschen, bleibt Füssen wie in der Vergangenheit Garant für erfolgreichen und zukunftsfähigen Eishockeysport.“ Vielen Dank, Herr Schubert, für das Gespräch.

Chris Friedrich

Auch interessant

Meistgelesen

Hohes Leistungsniveau
Hohes Leistungsniveau
Vom Produzent zum Direktor
Vom Produzent zum Direktor
Mann rastete aus und verwüstet Bar
Mann rastete aus und verwüstet Bar
"Wir wollen Frauen Mut machen"
"Wir wollen Frauen Mut machen"

Kommentare