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Barbara Schumann ist seit einem halben Jahr Kastellanin auf Schloss Hohenschwangau

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Barbara Schumann, Kastellanin von Schloss Hohenschwangau
Seit Anfang Oktober 2021 leitet Barbara Schumann die Geschicke auf Schloss Hohenschwangau. Dem historischen Gemäuer ist sie aber schon sehr viel länger verbunden. © Nina Bauer

Hohenschwangau – Seit einem halben Jahr hat Schloss Hohenschwangau eine Kastellanin. Anfang Oktober übernahm Barbara Schumann diesen Posten. Dem Kreisbote erzählt sie, was ihr an dieser Arbeit besonders gut gefällt.

Ein neuer Tag bricht an auf Schloss Hohenschwangau: Barbara Schumann öffnet das große Flügeltor, das nur an wenigen Tagen im Jahr verschlossen bleibt. Der Sommer- und Jagdresidenz von Maximilian II. war die Füssenerin schon immer sehr nah – jedenfalls räumlich, da sie das Gymnasium Hohenschwangau besuchte. Dass sie einmal für die Abteilungsleitung des Schlosses verantwortlich sein sollte, hätte sie sich damals nicht im Traum vorstellen können.

Nach dem Abitur ging sie nach Frankreich, unter anderem, um ihre Sprachkenntnisse aufzubessern. Dort studierte sie Touristik, war in den Trimesterferien aber immer wieder in ihrer Heimatstadt, wo sie sich als studentische Aushilfskraft mit Schlossführungen auf Hohenschwangau etwas dazuverdiente.

Bald hatte sich das historische Gebäude in ihr Herz geschlichen. Doch es war weit mehr als eine Liebelei. Mit einer Festanstellung als Stammschlossführerin wurde 2018 daraus etwas Ernstes. Dabei gaben nicht allein die Architektur, die Lage oder Historie den Ausschlag, sondern die Menschen. Wer sich über eine längere Zeit mit Persönlichkeiten aus der Geschichte beschäftigt, verspürt irgendwann so etwas wie „Nähe“. Für Barbara Schumann sind die früheren Bewohner – Max, Marie, Ludwig und Otto – schon lange keine Fremden mehr. Das Haus atmet ihre Geschichte(n), die Innenausstattung aus dieser Zeit ist noch erhalten und die vom jeweiligen Kastellan dokumentierte Schlosschronik berichtet anschaulich über das dortige Leben der bayerischen Königsfamilie: Von Festen und prächtigen Ritterspielen ist die Rede, weithin leuchtenden Bergfeuern und immer wieder von Ausflügen in die umliegende Natur.

Ebenso spannend wie die Vergangenheit, ist für die Füssenerin die Gegenwart. Der Kontakt zu den Mitarbeitern und zu den interessierten Besuchern sowie die tägliche Herausforderung, ein über 180 Jahre altes Schloss in Schuss zu halten, lässt den Alltag nie langweilig werden. „Jeder, der ein Haus besitzt, das schon in die Jahre gekommen ist, kennt das“, erklärt Barbara Schumann. „Es gibt immer etwas zu tun.“

Detektivische Arbeit

Schon eine betagte Immobilie aus dem 20. Jahrhundert muss im Zuge einer Instandsetzung oft mühsam entschlüsselt werden: Wo verlaufen die Abwasserrohre tatsächlich? Ist der alte Kaminzug noch intakt? Und: Was hat sich der Elektriker beim Verlegen der Leitungen nur gedacht? Bekommt ein handwerklich begabter Hausbesitzer das meiste in Eigenleistung hin, so ist ein historischer Prachtbau wie Schloss Hohenschwangau nur etwas für Fortgeschrittene.

Kenntnisse, die Handwerker anhand von Reparaturen gewannen, wurden früher nur selten festgehalten und ein detailliertes Bautagebuch haben seine Schöpfer – der Theatermaler Quaglio und die Architekten Ziebland und Jodl – auch nicht hinterlassen. Hat also der Zahn der Zeit – oft in Kooperation mit der Witterung – irgendwo eine Wunde geschlagen, lässt sich diese oft nur mit detektivischer Kleinstarbeit, großem Fachwissen und einem Quäntchen Kreativität wieder verschließen. „Man lebt hier ständig mit der Gefahr, dass sich irgendwo größere Baustellen auftun können“, lacht Barbara Schumann.

Ihr organisatorisches Talent, ihr anhaltendes Engagement für das Schloss und die unermüdliche Dokumentation am PC führten schließlich dazu, dass sie als stellvertretende Kastellanin eingesetzt wurde. Als sich Anfang Oktober 2021 Gerhard Luxenhofer in den Ruhestand verabschiedete, übergab er mit den eisernen Schlüsseln auch seinen Posten als Kastellan an seine Stellvertreterin.

Die 32-Jährige liebt ihren Arbeitsplatz. Das Haus bewege sich mit der Natur, mit den Jahreszeiten, sagt sie, dabei habe jede ihren ganz eigenen Zauber: Eingehüllt in eine märchenhafte Winterlandschaft, wird es in der dunklen Jahreszeit naturgemäß etwas ruhiger im Schloss. Viele Arbeiten, die über das Jahr aufgelaufen sind, können nun erledigt werden.

Die Instandhaltung der über 90 Wandgemälde muss indes aufs wärmere Frühjahr warten – Hohenschwangau war immer nur als Sommerschloss konzipiert und die Kachelöfen bleiben ebenso kalt wie die meisten Zimmer. Dann sitzt die Kastellanin auch mal dick eingepackt am Schreibtisch. Zwischendurch aufwärmen könne man sich im beheizten Aufenthaltsraum oder beim gemeinsamen Schneeschippen.

Feuchtigkeit begrenzen

Aufgrund seiner exponierten Lage ist das Haus konstant dem Wetter ausgesetzt und Begriffe wie „Fassadendämmung“ und „Energiewerte“ waren im 19. Jahrhundert noch nicht erfunden. Es ist auch nirgendwo dokumentiert, ob die Fenster einstmals Starkregen und Saharastürmen standhielten. Doch sie sorgen heute für einen konstanten Luftaustausch und das ist gut für die verwendeten Kalkfarben. Nicht ohne Grund stehen in den Räumen Thermohygrographen – kombinierte Registriergeräte zum gleichzeitigen Messen und Aufzeichnen von Lufttemperatur und relativer Luftfeuchtigkeit.

Denn zu viel Luftfeuchtigkeit schadet auf Dauer den Wandgemälden. „Sobald sich im Sommer eine bestimmte Besucherzahl im Haus befindet, bleiben spezielle Fenster offen, damit die feuchte Luft abgeführt wird“, berichtet Barbara Schumann. Durch den coronabedingten Rückgang der Besucherzahlen konnte das Schloss also etwas aufatmen.

Fragt man die Kastellanin, was sie auf Hohenschwangau am meisten begeistert, nennt sie drei unterschiedliche Gründe. Erstens das Familiär-Historische: „Hier im Schloss war mit der Königsfamilie sommers alles voller Leben. Dabei ging es etwas lockerer und vertrauter zu als in der Münchner Residenz.“ Statt steifem Hofprotokoll gab es mehr Freiheit und Privatsphäre. Sie selbst lebt in Füssen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn sowie mit ihren Eltern in einem Mehrgenerationenhaus.

Den Überblick behalten

Als zweiten Grund nennt sie die organisatorische Arbeit, bei der man immer alles im Blick behalten muss: „Wie viele Besucher werden erwartet? Welche Blumen sollen gepflanzt werden? Wann können die Deckenleuchter gereinigt werden?“ Dabei schätzt sie die hausintern kurzen Dienstwege, was die Zusammenarbeit mit den 15 bis 30 Mitarbeitern (je nach Saison) sehr vereinfacht.

Drittens sei es das touristische Treiben: „Ich mag es, wenn ich in meinem Arbeitszimmer das Plätschern des Schwanenbrunnens höre, vermischt mit dem Stimmengewirr der Besucher und dem Klappern der Kutschen, drunten im Dorf.“ Neben Asiaten zählten aktuell vor allem Franzosen, Italiener und natürlich Deutsche zur besonders interessierten Klientel.

Das Weltoffene wurde Barbara Schumann vielleicht schon durch ihre US-amerikanische Mutter in die Wiege gelegt, jedenfalls liebt sie den Austausch mit anderen Menschen, egal welcher Nation.

Als vierten Grund könnte man noch das Schloss selbst anfügen: Medienvertreter fragen Barbara Schumann gerne, welcher Raum, welches Exponat oder welcher Ausblick ihr am besten gefällt. Dann tut sich die Kastellanin immer etwas schwer, aus diesem überbordenden Füllhorn etwas herauszupicken. Doch wenn sie davon erzählt, wie sich das Schloss ins Grün der Umgebung bettet, wie sich die Wandgemälde mit jedem neuen Blickwinkel verändern oder wie frei man in der dritten Etage den Blick über den Alpsee und die Tiroler Berge schweifen lassen kann, dann beginnt ihr Gesicht zu leuchten.

„Die Geschichte bleibt nicht stehen“, sagt sie und meint damit wenigstens zweierlei: Ihre Freude und ihre Hoffnung, etwas fortführen und für die Nachwelt bewahren zu können. Und die Erkenntnis, dass man aus der lebendigen Geschichte mit jedem Tag dazu lernt.

Elmar Schalk

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