Alles für das Wohl der Kitze

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft erprobt Verfahren zur Rehkitzrettung

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Von Mai bis Juni setzen die Rehgeißen ihren Nachwuchs ins hohe Gras. Das kann gefährlich für die Kitze werden, wenn Landwirte ihre Felder mähen.

Beckstetten/Lengenfeld – Um verschiedene Methoden der Rehkitzrettung zu demostrieren, haben sich jetzt Mitarbeiter der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) mit Projektleiter Stefan Thurner und Johannes Heel vom Maschinenring Ostallgäu auf einer Wiese bei Lengenfeld getroffen. 

„Die Landwirtschaft hat immer schon geschaut, dass etwas zur Rehkitzrettung getan wird. Diese Erkenntnis ist schon lange da. Ob Jäger oder Landwirt: Man hat immer versucht, das miteinander zu machen“, beschrieb Josef Schorer, Vorsitzender de Maschinenrings Ostallgäu, die Einstellung der Landwirte zur Wildtierrettung bei der Mahd. Immer wieder sterben Jungtiere dabei, weil sie von den Rehgeißen im hohen Gras versteckt werden und bei Gefahr nicht weglaufen, sondern sich ducken. Als Bewirtschafter der Flächen liegt die Verantwortung bei den Bauern. 

Neben den moralischen und rechtlichen Gründen gibt es auch einen ganz praktischen Beweggrund für die Bauern, sich für die Rehkitzrettung einzusetzen: Gelangen die Kadaver vermähter Tiere ins Futter, kann dies zu Botulismus, einer tödlichen Vergiftung des Viehs, führen. Inzwischen gibt es deshalb viele Methoden, die dies verhindern sollen. Studien dagegen sind nur wenige vorhanden, gerade für die bayerische Kulturlandschaft gibt es keine aussagekräftigen Forschungsergebnisse. 

Das Institut für Landtechnik und Tierhaltung hat deshalb ein Projekt gestartet, das sowohl zusammen mit Wildbiologen der Frage nachgeht, wo die Geißen warum ihre Jungen setzen, als auch die Effektivität der verschiedenen Methoden zur Rehkitzrettung prüft. 

Mähknigge für Bauern 

Projektleiter Stefan Thurner will für dieses Thema sensibilisieren. „Zumindest die jungen Leute haben das Thema wenig auf dem Schirm. Das Thema Rehkitzrettung ist ins Hintertreffen geraten.“ Die LfL hat dazu auch schon den sogenannten Mähknigge herausgegeben, der Landwirte und Jäger bei ihren Entscheidungen unterstützen soll. Dort heißt es: „Beim Einsatz der Maßnahmen zur Wildtierrettung gibt es kein Patentrezept, es ist immer im Einzelfall anhand der örtlichen Gegebenheiten vom Bewirtschafter zu entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen.“ 

So eignet sich der vorgestellte tragbare Wildtierretter zwar besonders gut für Gewässerrandstreifen; genauso wie die oft eingesetzte Drohne funktioniert er allerdings nur bei größerem Wärmeunterschied. Dies ist insofern problematisch, weil die Landwirte bevorzugt am Nachmittag mähen. Werden am Morgen Rehkitze gefunden, werden diese unter einem Korb fixiert. Dauert es zu lange, bis gemäht wird, kann das Kitz Schaden nehmen. 

Alternativ dazu gibt es sogenannte Scheuchen, die durch optische oder akustische Signale die Geißen dazu bewegen sollen, ihre Jungtiere in Sicherheit zu bringen. Liegen die Felder allerdings an der Straße, sind die Tiere an Lärm gewöhnt. Auch Menschenketten oder sogenannte Verstänkerungen mit Duftstoffen werden eingesetzt. 

Abschließend wurde in Beckstetten ein Mähwerk der österreichischen Firma Pöttinger vorgeführt, das sich in der finalen Erprobungsphase befindet. Mit Hilfe eines integrierten Sensorbalkens erkennt die Maschine Fellstrukturen. Der Fahrer erhält daraufhin ein entsprechendes Sig­nal, das Mähwerk wird automatisch angehoben. 2021 soll es voraussichtlich auf den Markt kommen. Für das innovative Projekt erhielt das Unternehmen bei der Agritechnica, der weltweit größten agrartechnischen Messe, 2017 die Silbermedaille. 

Auch Jäger Fritz Obermaier ist davon überzeugt, dass durch das neuartige Mähwerk das Netz der Möglichkeiten nachhaltig verbessert wird: „Das ist eine Lösung, die wirklich ganz nah am Problem liegt. Endlich hat eine Firma nicht nur ein Lippenbekenntnis gemacht, sondern wirklich gehandelt“. 

Geringeres Fahrtempo 

Allerdings weiß auch Obermaier um die Nachteile. So müsse mit dem Sensorbalken deutlich langsamer gefahren werden als normalerweise üblich. Und auch der Kostenfaktor sei nicht zu unterschätzen. Auch Schorer sprach die finanzielle Sache an: „Man kann nicht immer noch mehr von den Bauern erwarten“. Trotzdem ist auch er davon überzeugt, dass die Entwicklung ein wichtiger Schritt bei der Rehkitzrettung war. 

Die anwesenden Vertreter des österreichischen Unternehmens berichteten von durchweg guten Tests. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es aber nicht. Hier sei die Natur der Technik immer noch einen Schritt voraus. Das zeigte an diesem frühen Morgen der Blick zum Himmel. Die kreisenden Raubvögel scheinen ein Gespür der besonderen Art für ihr Ziel zu haben, das dem Menschen fehlt.

ar

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