Schockanrufe und Enkeltrickmasche

Betrugswelle im Allgäu: Polizei nimmt zwei Tatverdächtige fest

Festnahme
+
Die Polizei nimmt zwei Tatverdächtigen fest. Sie wollten Vermögensgegenstände bei einer Seniorin abholen, die im letzten Moment den Betrugsversuch erkannt hatte.

Allgäu - Seit dem Pfingstwochenende versuchen Tätergruppen im gesamten Allgäu durch Betrugsmaschen an Schmuck und Geld zu kommen. Das berichtet die Polizei. In drei Fällen waren die Betrüger erfolgreich und verursachten einen Schaden im sechsstelligen Bereich. Am Donnerstag nahm die Polizei zwei Geldabholer in Kaufbeuren fest. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kriminalpolizeidienststellen dauern an.

Immer wieder gelingt es den Tätern, die als Anrufer und Abholer agieren, bei verängstigten Geschädigten Beute zu machen, zumeist in fünfstelliger Höhe, so die Polizei.

In einer ihrer Betrugsmaschen riefen die Täter meist in den frühen Abendstunden an. Sie versuchten den Angerufenen glaubhaft zu machen, dass eine Einbrecherbande festgenommen wurde, die Notizen dabei hatte, welche darauf hindeuten, dass beim Angerufenen auch bald eingebrochen wird. Um die Vermögenswerte des Angerufenen zu sichern, sei es angeblich nötig, Schmuck und Geld zu fotografieren. Dafür sollen die Angerufenen ein entsprechendes Päckchen schnüren, das dann ein angeblicher Polizist abholen wird

In anderen Fällen behaupten die Täter, dass ein Verwandter oder Bekannter einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht habe. Da dieser von der Polizei verhaftet worden sei, brauche er nun Geld, um seine Kaution bezahlen zu können.

Die Namen und Geschichten sind nach Angaben der Polizei austauschbar, die Masche dahinter bleibt jedoch die gleiche. Durch geschickte Gesprächsführung versuchen die Betrüger, dem Angerufenen dazu zu bewegen, Geld und Wertgegenstände an vermeintliche Polizeibeamte zu übergeben.

Polizei nimmt Geldabholer fest

Am gestrigen Donnerstag hat das jedoch nicht geklappt: In den frühen Morgenstunden gelang es der Polizei in Kaufbeuren unter Mithilfe ihrer Kollegen aus Kempten und Pfronten zwei Geldabholder festzunehmen, die unweit der Tür einer Seniorin auf die Übergabe eines Pakets warteten.

Bei den Tatverdächtigen handelt es sich laut Polizei um einen 30-jährigen Mann und eine 28-jährige Frau, die im Auftrag einer organisierten Bande mit mutmaßlichem Aufenthalt in der Türkei entsandt wurden. Die Übergabe des Pakets, in dem sich die zu „sichernden“ Vermögensgegenstände befanden, scheiterte dann aber am erwachenden Misstrauen der Angerufenen. Die Staatsanwaltschaft Kempten verzichtete auf eine Inhaftierung der Geldabholder, die im hiesigen Bezirk fest wohnen.

Die Ermittlungen zu den überwiegend im Hintergrund agierenden Tätern dauern an, die beiden Geldabholer erwarten eine Anzeige im Rahmen ihrer Tatbeteiligung.

Weitere schadensträchtige Taten

Nicht so glimpflich davon kam eine Seniorin am Pfingstwochenende. Ein angeblicher Polizist hatte sie nach einem über mehrere Stunden dauernden Telefonat dazu überredet, ihre Vermögenswerte einem „Kollegen“ an der Haustür zu übergeben. Der gutgläubigen Seniorin entstand dadurch ein Schaden im fünfstelligen Bereich.

Opfer eines „Enkeltrickbetrugs“ wurde nach Angaben der Beamten am gestrigen Donnerstag ein älteres Ehepaar in Kaufbeuren. Das Paar erhielt am Mittag einen Anruf eines vermeintlich nahen Verwandten, der angab, bei einem Verkehrsunfall eine Person „getötet“ zu haben. Um nicht ins Gefängnis zu müssen, bat er um einen höheren fünfstelligen Geldbetrag.
Nachdem sich auch noch eine vermeintliche Polizisten einschaltete und den Sachverhalt bestätigte, packte das Ehepaar ihre Vermögenswerte in eine Umhängetasche, die wenig später ein falscher Polizist wortlos vor dem Anwesen entgegennahm.Die

Die Beute allein in diesen drei Fällen hätte rund 150.000 Euro betragen, wenn die Polizei nicht die Täter in einem dieser Fälle festnehmen hätte können.

In wieweit die einzelnen Fälle zusammenhängen, ist Gegenstand der weitergehenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kempten und der Kriminalpolizeidienststellen.

Richtig gehandelt hat dagegen eine 87-Jährige in Nesselwang. Sie bekam am gestrigen Donnerstag ebenfalls einen Anruf eines vermeintlichen Polizisten aus Kempten. Dieser sagte der Rentnerin, dass ihr Sohn einen schlimmen Unfall hatte. Doch bevor er eine Geldforderung aussprechen konnte, erkannte die Dame den Betrugsversuch. Sie antwortete, dass sie sich nicht bestehlen lasse und beendete das Gespräch. Es kam zu keiner weiteren Kontaktaufnahme. Die Seniorin wandte sich anschließend an die Polizeistation Pfronten.

1799 Anzeigen wegen Callcenter-Betrügereien im Dienstbereich des Präsidiums

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei nach eigenen Angaben im Dienstbereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West bei den Callcenter-Betrügereien insgesamt 1799 Anzeigen. Hierbei erbeuteten die Betrüger in 50 Fällen über 600.000 Euro. 2021 verzeichnete das Präsidium bis Ende April schon insgesamt 22 erfolgreiche Delikte, bei denen ein Schaden von über 500.000 Euro entstanden ist. Darin sind die in dieser Meldung genannten Fälle nicht berücksichtigt.

Tipps der Polizei

• Wenn sich ein Anrufer am Telefon nicht selbst mit Namen meldet, sollten Angerufene misstrauisch werden. Sie sollten nicht raten, wer der betroffene Angehörige ist, sondern grundsätzlich den Anrufer auffordern, seinen Namen selbst zu nennen.

• Wenn sich Personen am Telefon als Verwandte oder Bekannte ausgeben, die der Angerufene als solche nicht erkennt, sollte er ebenfalls misstrauisch werden. Er sollte den Anrufer Dinge fragen, die nur der richtige Verwandte/Bekannte wissen kann.

• Die Polizei rät, keine Details zu familiären und finanziellen Verhältnissen am Telefon preiszugeben.

• Betroffene sollten sich nicht drängen und unter Druck setzen lassen.

• Wenn ein Anrufer Geld oder andere Wertsachen fordert, sollten Betroffene das mit Familienangehörigen oder anderen nahe stehende Personen besprechen.

• Betroffene sollten niemals Geld oder Wertsachen wie Schmuck an unbekannte Personen übergeben.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Bus nimmt 13-jähriger Fahrradfahrerin die Vorfahrt
Bus nimmt 13-jähriger Fahrradfahrerin die Vorfahrt
100 Jahre Plansee: Von der kleinen Firma im Außerfern zum Weltmarktführer
100 Jahre Plansee: Von der kleinen Firma im Außerfern zum Weltmarktführer
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenzen bleiben niedrig
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenzen bleiben niedrig
Corona: Stadt Füssen organisiert Betriebsimpfung für ihre Mitarbeiter
Corona: Stadt Füssen organisiert Betriebsimpfung für ihre Mitarbeiter

Kommentare