Füssener Historiker Magnus Peresson stellt neue Erkenntnisse zum Tod des Märchenkönigs vor

Die letzten Tage König Ludwigs II.

+
Die Totenmaske des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II., die kurz nach seinem Tod angefertigt wurde.

Füssen - Die Wurzeln Füssens reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute stellt er neue Erkenntnisse zum Tod König Ludwigs II. vor genau 132 Jahren vor.

Am 13. Juni 1886 wurde im Uferwasser des Starnberger Sees das Leben König Ludwig II. beendet und mit ihm der letzte wahre König des Jahrhunderts. Ein König, wie einer alten Sage entstiegen. Hochgewachsen und schlank, umrahmte dunkles gelocktes Haar ein gut geschnittenes Gesicht mit seelenvollen Augen. Er redete mit klangvoller Stimme, seine ganze Erscheinung war Majestät in reinster Form und sie riss jeden hin, der mit ihm zu tun hatte. 

Doch über das Glück der ersten Jahre seiner Regentschaft legten sich bald die Schatten. Die Zeitläufe zwangen ihn, den Pazifisten, einen Bruderkrieg gegen Preußen zu führen und wenige Jahre später an einem Krieg teilzunehmen, der sich gegen das von ihm so verehrte Frankreich richtete. In seiner Folge kam es in Versailles zur Reichsgründung, doch diese degradierte Bayern zu einem Königreich, das vom Militarismus dominiert wurde. Das von ihm für München erträumte und von Gottfried von Semper geplante Opernhaus für die Werke Richard Wagners scheiterte am Widerstand der Münchner und die anfangs so rauschhafte Freundschaft mit dem Tonschöpfer wich bald einer von kühler Nüchternheit geprägten, geschäftsmäßigen Verbindung. 

Die geplante Heirat scheiterte mehr an seinen überzogenen Erwartungen an die junge Braut als an deren Naturell und der geliebte kleine Bruder versank in den Abgründen der Schizophrenie. Seine Sympathie für die Vorstellungen der sich später von der Amtskirche abspaltenden Altkatholiken erregte das Missfallen der bayerischen Bischöfe. 

Die größte Ablehnung aber war ihm schon vor seiner Geburt erwachsen. Seinem Onkel Luitpold und dessen Frau war schon sieben Monate vorher ein Sohn geboren worden, der als der künftige Ludwig II. gehandelt wurde, da zu dieser Zeit die künftige Königin Marie als nicht mehr gebärfähig galt. Dieses „Kind“ erzwang für sich im Jahre 1914 – König Otto I. von Bayern war noch am Leben – den Königstitel und zog nun als Ludwig III. begeistert in einen Krieg an dessen Ende er Titel und Land verlor. 

Was Ludwig II. blieb, war sich zu verweigern und sich eine Welt zu schaffen, in der er sein konnte, was er in Wirklichkeit nicht mehr sein durfte. In dieser Abkapselung wurde er zwar zum Märchenkönig, es entging ihm jedoch die Realität der politischen Zusammenhänge und weitgehend auch die Ränke der Luitpoldlinie. 

Die Intrige beginnt

Als sich infolge seiner Bautätigkeit 1882 erste finanzielle Engpässe einstellten, formierte sich, geführt von den beiden Vettern Ludwig und Leopold, der familiäre Widerstand, der geschickt inszeniert bald schon in die Politik hineingetragen wurde. Zu Beginn des Jahres 1886 kam es dann zu konkreten Überlegungen, Ludwig II. zu entthronen.

Die Protagonisten waren Vetter Ludwig und Minister Johannes Lutz. Sie bedienten sich dabei eines Mannes, der seine Karriere dem König verdankte – der Irrenarzt Dr. Bernhard Gudden. Er verfasste, ohne den König untersucht zu haben, ein Gutachten, das Ludwig II. eine unheilbare geistige Erkrankung unterstellte und damit eine weitere Regentschaft ausschloss. Der König, der sich für die Dauer der Pfingsttage in Neuschwanstein einquartiert hatte, sollte hier verhaftet werden.

 Eine aus zehn Mitgliedern bestehende Kommission quartierte sich in Hohenschwangau ein und ließen sich in der „Liesl“ ein opulentes Mahl auftragen. Die Stunden zwischen dem Mahl und der geplanten Verhaftung verbrachten die Zehn beim Genuss teurer Zigarren und dem Verzehr von vierzig Maß Bier und zehn Flaschen Champagner. Es war also eine Horde von mehr oder weniger Betrunkenen, die vor Tagesanbruch zum Schloss wankte und dort am verschlossenen Tor scheiterte. 

Der König, gewarnt durch den Kutscher Osterholze, hatte mittlerweile die Schwangauer Feuerwehr alarmieren lassen, die mit fast 40 Mann anrückte. Auf ihrem Weg zum Schloss kamen ihnen die Kommissionsmitglieder entgegen und versuchten, sie mit der flapsigen Bemerkung, es würde nicht brennen, zur Umkehr zu bewegen. Im Schloss bekamen sie den Befehl, die Kommission zu verhaften und sie zurück zu bringen. 

Auf dem Weg ins Tal trafen sie jedoch die unter der Führung des Bezirksamtmanns Bernhard Sonntag und des Gendarmerie-Wachtmeisters Ferdinand Poppler bergwärts steigenden Mitglieder der Kommission. Nach deren Verwahrung im Torbau bedankte sich der König bei den „tapferen Schwangauern“. 

Da der Ablauf der kommenden Stunden bis zur Internierung des Königs in Schloss Berg hinlänglich bekannt ist, soll an dieser Stelle bisher Unbekanntes vorgestellt werden. 

Der König soll flüchten

 Nach neuesten Erkenntnissen war es in Berg zu zwei bedeutsamen Gesprächen gekommen. Eine einstündige Unterredung fand zwischen dem Bruder der österreichischen Kaiserin Elisabeth, Carl Theodor, und Dr. Bernhard Gudden statt, ein zweites, eine Stunde dauerndes Gespräch, zwischen Carl Theodor und dem König. 

Als Ergebnis dieser Verhandlungen gilt derzeit die Annahme als sicher, dass unter Mitwisserschaft oder Duldung des Arztes und der Mitwirkung der Kaiserin die Flucht des Königs vorbereitet worden war. Der Plan sah vor, dass der König während eines Spazierganges im Park des Schlosses von einem Boot aufgenommen werden sollte. An vier Plätzen rund um den See standen Kutschen für die Flucht bereit. Tatsächlich wurden drei oder vier mit mehreren Männern besetzte Boote nur wenige Meter vom Ufer entfernt beobachtet. 

Das Boot, das zur Aufnahme des Königs bestimmt war, ruderten der ehemaligen Stallmeister Richard Hornig, sein Bruder, der Major Hornig, und dessen Schwager, Graf Rambaldi. Der als Pferdenarr bekannte Freiherr Beck-Peccoz aus Eurasburg stellte die Gespanne, die Spuren einer Kutsche vor dem südlichen Parktor wurde von namhaften Zeugen registriert. 

Wenig Aufklärung

Die Bayern, besonders aber die Verehrer Ludwig II. plagen sich seit Jahrzehnten durch wilde Diskussionen über die Umstände seines Todes. Das Haus Wittelsbach könnte alles zur Aufklärung Notwendige beitragen. So wenig auch über den Tod bekannt ist, so unbestechlich sind einige handfeste Indizien, die es durchaus gestatten, den „Wust von Lügen und Hochverrat“ (Peter Gauweiler) ein wenig zu entwirren. 

Von immenser Bedeutung sind dabei die in den offiziellen Protokollen enthaltenen Angaben über die Taschenuhren der beiden Toten und der Zeitpunkt, an dem eindringendes Wasser sie zum Stillstand gebracht hatten. Für die Uhr des Königs war dies um 18.54 Uhr, für diejenige Guddens um 20.10 Uhr. Daraus erschließt sich, dass ein zeitgleicher Tod der beiden ausgeschlossen ist und der König den Arzt nicht getötet haben konnte. Das von brutalen Schlägen gezeichnete Gesicht Guddens ist Anlass, das wohl trübste Kapitel der neueren bayerischen Geschichte kritisch zu hinterfragen. 

Das Finale, die Inszenierung von Aufbahrung und Leichenzug, war ein von traditionellem Pomp und ein von purer Heuchelei geprägter Staatsakt. Die Aufbahrung in der alten Residenzkapelle war dergestalt erfolgt, dass der auf einem hohen Podest ruhende und von 42 flackernden Altarkerzen erhellte Leichnam beim Defilee der Trauergäste mehr schlecht als recht zu sehen war. Man hatte die bei der Sektion aufgesägte Hirnschale wieder auf den Schädel gesetzt, die Naht mit Schminke kaschiert und das Gesicht und auch die Hände mit einer dünnen Schicht aus Wachs überzogen. Dies gab den Gerüchten Nahrung, im Sarg habe eine wächserne Puppe gelegen.

Lauter Schlusspunkt

Der Kondukt zog in weitem Bogen durch die Stadt zur Michaelskirche. Die Trauer und die schiere Verzweiflung der Menschen an den Straßenrändern waren hörbar und sie lehrten den Drahtziehern der Tragödie das Fürchten. Dem Sarg folgte das Leibpferd Ludwig II. Über den Dächern stand schwarz ein Gewitter und als die Kirche den Toten gerade aufgenommen hatte, schlug ein Blitz in die Fassade und schleuderte Teile des Gesimses auf das Pflaster – elementarer Schlusspunkt unter das Leben eines Mannes, dessen Bedeutung sich auch in der Ungeheuerlichkeit seiner Beseitigung offenbart.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Eine Schlitzwand soll Forggensee-Staudamm weiter stabilisieren
Eine Schlitzwand soll Forggensee-Staudamm weiter stabilisieren
Nach dem Ausscheiden von Wengert und Deckwerth droht der SPD im Allgäu das Abseits
Nach dem Ausscheiden von Wengert und Deckwerth droht der SPD im Allgäu das Abseits
Wiederhergestelltes Hornwerk der Festung Ehrenberg wird eröffnet
Wiederhergestelltes Hornwerk der Festung Ehrenberg wird eröffnet
Kritik am geplanten Neubaugebiet "Weidach Nord 2" reißt nicht ab
Kritik am geplanten Neubaugebiet "Weidach Nord 2" reißt nicht ab

Kommentare