Der Historiker Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine spannende Zeitreise

Historische Serie: Alte Wege – Alte Namen

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Der Damm der Via Claudia Augusta während des Aufstaus des Forggensees.

Die Wurzeln Füssens reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über alte Wege und ihre Namen im Füssener Land.

„Nichts war, alles ist und dauert fort…“ schrieb der Schriftsteller Jakob Wassermann vor bald 100 Jahren in eines seiner populären Bücher. Diese Erfahrung trifft mitunter auch auf das Wandern entlang alter Wege zu und auf die Namen, die sie begleiten. Nicht selten gehen diese Namen auf die Erbauer der ersten Straßen dieser Gegend zurück, auf die Römer. 

Wohl tausend Jahre lang sprachen die Menschen sowohl in den Alpen als auch in dem Land davor eine ganz eigene Sprache. Eine Sprache, die sich aus den lokalen Mundarten und dem Latein zusammensetzte – das Rätoromanisch. Das hat sich bis heute im Engadin, in den Dolomiten und in Teilen von Friaul erhalten. Ihm gehören so klangvolle Flurnamen wie Lusalten, Morisse, Fiesse und Feare an, aber auch Begriffe der Umgangssprache wie Fel, Schalingge und Zanne. Als sich das römische Reich aufzulösen begann, übernahm das junge Christentum nicht nur die Aufgaben der früheren Machthaber, sondern auch deren Sprache. 

Wildes Terrain

Es bewirkte damit, dass das Romanisch lebendig blieb und mit ihm eine Fülle von Orts-, Berg- und Flurnamen. Der erste alte Name an der alten Straße steht, wenn der Kreis nur weit genug gezogen wird, an der alpinen Schwelle zum Füssener Land, dem Fernpass. Für die Einheimischen ist er bis heute der „Feere“ oder „Feare“, ein Name, der sich zweifellos vom lateinischen „ferus“ ableitet und soviel wie „wild“ bedeutet. 

Dieses wild bezieht sich auf die zerklüftete Landschaft des Passes. Diese ist lange nach dem Abschmelzen der Gletscher durch einen Felssturz vom Loreakopf entstanden und trennt das Gurgltal im Süden von dem Lermooser Becken auf der Nordseite. 

Die Via Claudia Augusta am Kratzer mit einem spätgotischen Bildstock.

Die auf so ungewöhnliche Weise entstandene Landschaft war noch zur Zeit der römischen Landnahme und während der römischen Besatzungszeit ein wildes Terrain, das schwer begehbar und von Felstrümmern und mehreren Seen durchsetzt war. 

Die Namen, die alte, antike Straßen begleiten, sind heute nicht mehr verständlich, weil sie zum einen durch die Zeiten abgeschliffen wurden. Andererseits wurde im 19 Jahrhundert ihr ursprünglicher Sinn entstellt in die Landkarten eingetragen. Die Vermesser, die in Tirol tätig waren, kamen aus allen Kronländern der Monarchie und verstanden in der Regel die Flur- und Ortsnamen nicht, die die Einheimischen übermittelten. Sie schufen in bester Absicht neue Begriffe, die ihnen einleuchteten, aber nur scheinbar logisch waren. 

Neben den romanischen Namen bürgerten sich entlang der antiken Trasse auch Begriffe aus der Sprache der Fuhrleute ein, etwa „Im Sack“, „Stigl“, „Fuhrmannsloch“, „Alter Zoll“, „Enge“, „Kratzer“ und „Knieboss“. 

Kniebrechende Abhänge

Das Tor zum Talkessel von Reutte bilden Klause und Katzenberg. Während die „Klause“ sich vom lateinischen „claustrum“ für Schloss, Riegel oder Sperre ableitet, bleibt die Bedeutung von Katzenberg oder richtig Katz- oder Katschberg, dunkel. 

Der Name des Überganges von Pflach nach Pinswang, der Kniepass, lautete richtig „Knieboss“. Es handelt sich dabei um einen alten Namen, der soviel wie „Kniebrecher“ bedeutete. So bezeichnete man früher steile Bergstrecken, bei deren Begehen, besonders bergab, die Gefahr bestand, zu stürzen und sich die Beine zu brechen. 

Der dem Knieboss folgende Abschnitt hieß „im Schluck“ ein Begriff, der ganz allgemein eine Engstelle in der Landschaft oder an einer Straße umschrieb. Gemeint war ursprünglich aber jene Stelle an der alten Straße zwischen Ober- und Unterpinswang, wo die Straße, immer noch auf der Trasse der Via Claudia Augusta liegend, sich in leichter S-Form durch die Ausläufer von Judenbichl und Kitzberg windet. 

Als 1853 eine Gaststätte in die Weggabel erbaut wurde, die die Via Claudia Augusta und die Fürstenstraße bildete, ging auf sie die alte Bezeichnung „Schlucksen“, heute Schluxen, über. Im Fortgehen erreichte die Via Claudia Augusta den westlichen Ausläufer des Schwarzenberges. Die verschieden hohen Abschnitte tragen die Bezeichnungen Galmeikopf, Burgschrofen und Stieglerberg. „Galmei“ nahm Bezug auf eine besondere Art von Erz und „Burg“ auf das Schloss im Loch. 

Noch in den frühen Karten bedurfte es des Zusatzes „berg“ bei Stieglerberg (in den Tiroler Kartenwerken erscheint er als Stiglberg) nicht, da die Bedeutung des Begriffes „Stiegl“, abgeleitet von Stiege, jedermann geläufig war. Ein Stiegel oder „stigell“ war ein Übergang. Das konnte eine wie immer auch konstruierte Hilfe zum Übersteigen einer Mauer oder eines Zauns sein. Der gleiche Begriff galt aber auch für einen Bergsattel, ein niederes Joch oder einen kleinen Gebirgspass. In Falle des Pinswanger Stiegels bezog sich der Name ursprünglich auf den gesamten Bereich zwischen dem Burgschrofen und den westlich davon gelegenen Felsabbrüchen zum Lech. 

Kurz und steil

Die Römer hatten ihre Straße auf dem kürzesten und damit steilsten Weg über den Stiegel gezogen. Die südliche Rampe erhielt später den Namen „Stick“ oder „Stich“, ein den Bergsteigern immer noch geläufiges Wort für einen ungewöhnlich steilen Anstieg. Da dieser Anstieg für Gespanne nur mit zusätzlichen Zugtieren möglich war, mit einem sogenannten „Vorspann“, etablierte sich hier schon in römischer Zeit eine entsprechende Einrichtung. 

Ihr Nachfolger im Mittelalter erhielt in Anlehnung an den hier beginnenden Stich den Namen Stickhaus oder Stückwirt. Das mächtige Haus, von dessen Fenstern aus man bis zum „Schluck“ schauen konnte, umfasste Stallungen, Einstellmöglichkeiten für Fuhrwerke und diverse Kammern für die Beherbergung der Fuhrleute. Obwohl das Anwesen erst 1911 abgerissen wurde, zeichnen sich die Grundmauern noch heute im Gelände ab. In der Nachbarschaft der alten Hausstelle steht heute ein Trafohäuschen des EWR. 

Knirschen benennt Weg

Die Rampe vom Scheitel des Passes hinab in die Füssener Au westlich des Kraftwerkes Weißhaus wies eine noch höhere Steigung auf als die Rampe an der Südseite. Die Fuhrleute mussten deshalb vor jeder Talfahrt den Radschuh einlegen. Es handelte sich dabei um ein vom Schmied geformtes Eisenteil, in das eines der Hinterräder gerollt wurde und so die Achse blockierte. 

Bergab erzeugte der Radschuh, der über den Felsen schleifte, ein weithin hörbares Knirschen und Kratzen. So ergab sich der Name Kratzer für diesen Übergang. Ein kurzes Stück südlich und etwas unterhalb der Passhöhe lehnt sich noch heute ein altes Hoheitszeichen an den Felsen, ein steinerner, gotischer Bildstock mit dem eingehauenen Wappen des Hochstiftes Augsburg. Hier betrat oder verließ man das Hochstift. Bis hierher reicht noch immer das Stadtgebiet Füssens. 

Während der Neutrassierung von Fern- und Gaichtpass kam es unter dem Ehrenberger Pfleger Jakob von Thun um 1540 zum Bau einer neuen Straße über den Stiegel. Obwohl diese Route aufgrund ihrer Länge weniger steil als die Kratzertraverse geriet, erforderte auch sie den Vorspann und verlängert die Fahrzeit wenigstens um eine Viertelstunde im Vergleich zur alten Trasse. Wer zu Fuß unterwegs war, benutzte deshalb nach wie vor den alten Weg. Noch vor 80 Jahren war es möglich, den Kratzer mit einem Kinderwagen zu überqueren. Heute ist dieser Weg fast nicht mehr begehbar. 

Ersatzstraße wird gebaut

Als 1784 eine Ersatzstraße für die Wege über Kratzer und Stiegel fertig gestellt worden ist, jene kurvenreiche Trasse, die an den Felsenwänden entlang zur Ulrichsbrücke führt, wurde die Stieglerbergstraße vergessen. In den Wanderführern aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde sie nicht einmal mehr erwähnt. Erst als der schwäbische Bezirksheimatpfleger Barthl Eberl den Kratzerweg als antike Trasse erkannt und in der Publikation des Historischen Vereins Alt Füssen 1932 beschrieben hatte, kam es zu einer schicksalhaften Fehleinschätzung.

Der Füssener Verleger Johann Gruber vertauschte auf Grund mangelnder Ortskenntnis in einer Wanderkarte, die er selbst gezeichnet und editiert hatte, Kratzer und Stieglerberg. Er versah darin die Straße über den Stiegel mit der Bezeichnung „Römerweg“ – ein Irrtum, der seitdem Laien, Wissenschaftler und die Erfinder von Wanderwegen täuscht. Am Austritt der Via Claudia Augusta aus den Alpen in Füssen, erinnert der Name Morisse, der aus der rätoromanischen Sprache stammt, an längst verfallene Talmauern an der Südschulter des Baumgartens, die einst die antike Straße trug.

Magnus Peresson

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