Krise bedroht Chancengleichheit

Corona-Pandemie: Füssener Rektoren blicken aufs Schuljahr zurück

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In der Corona-Krise wurden Füssens Schüler wochenlang online unterrichtet. Doch gerade für sozial benachteiligte Familien war das eine enorme Herausforderung.

Füssen – Am 24. Juli geht ein Schuljahr zu Ende wie es das noch nie in der Geschichte Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg gab: Aufgrund der Corona-Krise wurden die Schultüren Mitte März geschlossen. 

Aufgrund der Corona-Krise wurden die Schultüren Mitte März geschlossen. Statt ins Klassenzimmer setzten sich die Schüler wochenlang zu Hause vor den Computer. Mittlerweile sind alle Füssener Schüler wieder im Präsenz-Unterricht, die Abschlussprüfungen sind geschrieben und am kommenden Freitag erhalten die Abiturienten ihr Abi-Zeugnis. Wie blicken die Füssener Schulleiter der weiterführenden Schulen auf diese Zeit? Was waren die besonderen Herausforderung? Und hatte die Krise vielleicht sogar etwas Gutes? Der Kreisbote hat nachgefragt. 

„Es war für mich eine Zeit mit vielen neuen Herausforderungen, die vor allem Flexibilität, Voraussicht und verantwortliches Handeln erforderte“, erklärt Elmar Schmitt, Rektor der Anton-Sturm-Mittelschule. Zum Zeitpunkt der Schulschließung war sein Kollegium aber relativ gut auf die Herausforderungen der kommenden Wochen vorbereitet, „da wir im ersten Halbjahr dieses Schuljahres unsere Stammlehrer und Stammlehrerinnen mit iPads ausgestattet und zumindest grundlegend fortgebildet hatten. Dies reichte für das Home-Schooling jedoch nicht aus, weshalb weitere Tipps und Hilfestellungen notwendig waren.“ 

Holprig verlief der Start an der Realschule Füssen und am Gymnasium Füssen. „Mebis“, das Internetportal des bayerischen Kultusministeriums, habe „nicht so funktioniert, wie das Ministerium sich das vorgestellt hat“, informiert Andreas Erl, Leiter der Realschule. Deshalb sei seine Schule auf die Microsoft-Plattform „Teams“ umgestiegen, was auch schon mit den Fünftklässlern gut geklappt habe.

Daneben habe jeder Kollege seinen eigenen Weg gesucht, um mit seinen Schülern zu kommunizieren – sei es per E-Mail oder über die Sozialen Medien. Neue Herausforderungen barg zuletzt der Präsenzunterricht im Schichtbetrieb. Da die Lehrer nun wieder vor einem Teil ihrer Klassen unterrichteten, waren sie nicht in dem Maß erreichbar wie während des reinen Online-Unterrichts. Dadurch wurden nicht nur die Eltern stärker gefordert, sondern auch für das Kollegium ergab sich eine „absolute Mehrbelastung“, so die Schulleitung. „Im Großen und Ganzen haben wir das gut hinbekommen. Wir haben alle viel gelernt“, lautet jedoch das Fazit vom Zweiten Realschulkonrektor Martin Schmid. 

Großer Fortschritt bei Digitalisierung

Das Gymnasium Füssen rief dagegen die Austauschplattform „gfebis“ ins Leben und bot zusätzlich Videokonferenzen an. Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben „eine steile Lernkurve verursacht, sodass wir jetzt sagen können, dass es so schlecht gar nicht funktioniert hat“, informiert Michael Gschnaidner, Schulleiter am Gymnasium Füssen. Wenn es etwas Gutes an der Krise gab, dann das: Die Digitalisierung und der digital gestützte Unterricht haben in dieser Zeit enorme Fortschritte gemacht. Da sind sich alle drei Schulleiter einig. „Viele Kollegen haben experimentiert“, so Erl, beispielsweise mit Youtube-Videos oder kommentierten Powerpoint-Präsentationen. „Ich glaube nicht, dass wir dasselbe System wie vor der Corona-Krise haben werden.“ 

Auf der anderen Seite droht die Krise die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern, zwischen reich und arm zu vergrößern. Während die technisch gut ausgerüsteten Schüler, die sich selbst gut organisieren können, und deren Eltern Zeit haben, sich um sie zu kümmern, wenig Probleme hatten, sahen sich andere Schüler mit viel schwierigeren Voraussetzungen konfrontiert. Manche mussten sich mit mehreren Geschwistern einen Computer teilen, die mitunter zeitgleich Unterricht hatten. 

„Besonders Kinder mit Migrationshintergrund hatten Probleme, das es ihnen an der Ausstattung mit Computern/Laptops mangelte“, hat Rektor Schmitt beobachtet. „Benachteiligt waren die Kinder mit Migrationshintergrund, denen ihre Eltern aufgrund sprachlicher Defizite keine Hilfestellungen zukommen lassen konnten.“ „Manche Eltern haben ihre Kinder in der Früh auch gar nicht aus dem Bett gebracht“, weiß Erl. 

Daneben hatten viele Familien in der Corona-Krise auch ganz andere Sorgen und mussten schauen, wie sie finanziell über die Runden kommen, ergänzt Konrektor Schmid. Da war mitunter kein Geld da, um sich einen Laptop oder Computer anzuschaffen. Diese drohende Schere ist für Schulleiter Gschnaidner nur schwer zu akzeptieren, wie er erklärt. „Ich fürchte, dass das Resultat hiervon noch nicht ganz sichtbar ist und uns auch noch eine Weile beschäftigen wird.“ 

Um das technische Problem anzugehen, engagierte sich unter anderem die Füssener Coronahilfe und die Stadt Füssen. So erhielten über 30 Kinder an der Mittelschule Laptops. Am Gymnasium Füssen wurden Leihgeräte vergeben. Dadurch konnte dieses Problem aber nur teilweise gelöst werden, so Gschnaidner. „Auch der Landkreis macht für das kommende Schuljahr erhebliche Mittel für die Anschaffung solcher Geräte frei. Falls also im kommenden Schuljahr tatsächlich weiterhin die momentane Situation fortbesteht, hoffen wir, hier noch besser reagieren zu können.“ 

Sorgen bei künftigen Abschlussschülern

Besonders hart war die Situation jedoch für die Schüler, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen werden. „Da merkt man eine gewisse Unsicherheit“, weiß Schmid. Neben der Angst, dass durch die Corona-Krise Wissenslücken entstehen könnten, die sie für die Abschlussprüfungen wieder schließen müssen, machen sich die Neuntklässler der Realschule Füssen auch Sorgen wegen ihrer Lehrstellen. Während im vergangenen September die Ausbildungssituation super war, wissen sie jetzt nicht, ob ihr Wunschbetrieb im nächsten Jahr überhaupt noch existiert oder er Lehrlinge einstellt. Daneben ist das Neuntklasszeugnis entscheidend für die Lehrstellenbewerbung, so Schulleiter Erl.

 Die soziale Isolation während der Krise sei dagegen vor allem für die jüngeren Schüler die größte Herausforderung gewesen. Für diese war es sehr belastend, nicht mehr jeden Tag ihr Freunde sehen zu können. So seien manche nach dem Video-Unterricht noch länger online geblieben, um sich mit ihren Mitschülern auszutauschen. Nun geht der Blick jedoch aufs kommende Schuljahr. Fürs Jahreszeugnis gelten die Noten, die die Schüler vor dem Lockdown geschrieben haben. Danach konnten sie diese auch auf freiwilliger Basis, durch angemeldete Schulaufgaben oder mündliche Noten, verbessern, informiert Realschulleiter Erl. Dadurch sei die Benotung sicher „gerecht und fair“ gewesen. Wer wackelt, kann zudem bis zum Zwischenzeugnis auf Probe vorrücken. „Da wird es sicher viele Einzelfallberatungen geben.“ 

Förderangebote im Herbst

Diese werden auch bei der Anton-Sturm-Mittelschule und dem Gymnasium Füssen anstehen. „Die Klassenlehrer werden zeitnah Kontakt zu den Eltern aufnehmen und mit ihnen die Situation besprechen“, sagt Rektor Schmitt zum Thema Versetzung. So wird es auch am Gymnasium Füssen gehandhabt. Daneben gilt: „Für alle Schülerinnen und Schüler, für die ein Vorrücken nicht möglich ist, sind Entscheidungen über ein Vorrücken auf Probe sehr wohlwollend zu prüfen“, so Gschnaidner. 

Im Herbst werden dann alle drei Schulen schauen, wo im Krisenjahr Defizite entstanden sind und versuchen, diese durch spezielle Förderangebote zu beheben. „Die Angebote starten in der Regel auf der Basis einer Teilnahmeempfehlung durch die jeweilige Schule, bereits in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien“, weiß Gschnaidner. Fürs kommende Schuljahr wünscht er sich zudem eine „starke, gesunde Schulgemeinschaft.“ 

Den gleichen Wunsch haben auch seine Kollegen an der Real- und Mittelschule. Außerdem hoffen sie auf einen möglichst normalen Schulalltag. Schließlich mache diesen vor allem das soziale Miteinander aus. „Gerade die Kinder unserer Schulart brauchen klare Strukturen, Regelmäßigkeit und die notwendige Betreuung durch die Lehrkräfte, insbesondere durch die Klassenleiter und Klassenleiterinnen“, so Mittelschul-Rektor Schmitt. „Die Beziehungsarbeit spielt für das Lernen eine ganz wichtige Rolle.“

Katharina Knoll

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