Corona und der leidige Kampf mit der Bürokratie

Kreisboten-Mitarbeiter Hans-Georg Gröner ist Grenzpendler – und ziemlich genervt

Kontrollstelle der Bundespolizei an der Grenze bei Tannheim
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Die Polizisten am Grenzübertritt im Engetal/Achtal kontrollieren die Papiere derjenigen, die nach Deutschland einreisen wollen. Diese müssen derzeit zahlreiche Bescheinigungen dabei haben.
  • vonMatthias Matz
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Tannheim/Füssen – Aus Angst vor einer Ausbreitung der in Tirol festgestellten Mutante des Corona-Virus Bayern sind die Grenzen zum Nachbarland seit zwei Wochen quasi geschlossen. Für die zahllosen Pendler bedeutet das erhebliche Behinderungen. Unser Mitarbeiter Hans-Georg Gröner lebt im Tannheimer Tal und schildert hier seine Erfahrungen als Pendler.

Reinhard Mey würde singen: „Ich bin Pendler von Beruf,– ein dreifach Hoch, dem der dies gold`ne Handwerk schuf.“ So wie das Corona-Virus neben dem „Beruf“ des Testers ein neues Tätigkeitsfeld für viele in Gesundheitsberufen Tätigen geschaffen hat, hat das Virus auch den Nebenberuf „Berufs-Pendler“ in der Form eines Grenzgängers geschaffen. Ich gehöre seit einiger Zeit zu dieser immer häufiger anzutreffenden Spezies, die in Deutschland arbeitet und in Tirol, genauer im Tannheimer Tal, wohnt und somit mehrmals wöchentlich die Grenze im Engetal/Achtal passieren muss.

Seit der Faschingswoche wird an den Grenzübergängen nach und von Tirol wieder kontrolliert und jeder, der die Grenze – auch an kleinen Übergängen – passieren will, muss einen Papierkram erledigen, der dem einer Spedition, die seit dem Brexit mit Großbritannien Handel betreibt, kaum nachsteht.

Bereits im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr waren die Grenzen dicht und manche Pendler mussten Umwege von bis zu 100 Kilometern in Kauf nehmen, sofern sie zum Beispiel in Schattwald wohnten und ins sieben Kilometer entfernte Oberjoch zum Arbeiten fahren mussten. Wegen der Grenzschließung zwischen Schattwald und Oberjoch führte der Weg nach Reutte, über den Grenzübergang Füssen-Reutte nach Nesselwang, von dort an Wertach vorbei hinauf nach Oberjoch.

Nur nachts gesperrt

Aus diesem Fehler und Irrsinn haben offensichtlich die deutschen und auch die österreichischen Behörden gelernt. Jetzt sind die beiden Zufahrten aus Deutschland ins Tannheimer Tal nur noch nachts zwischen 20 und 6 Uhr in der Früh geschlossen. Übrigens auch für Fußgänger, wie explizit auf einem Hinweisschild hingewiesen wird. Von Radfahrern ist zurzeit noch nicht die Rede – kommt mit steigenden Temperaturen aber sicher noch.

Tagsüber wird von den Beamten vor Ort kontrolliert, ob die geforderten Papiere vorhanden, gültig, gestempelt und unterschrieben sind. Waren zunächst Pendler von der österreichischen Pflicht, eine „Pre-Travel-Clearence“ zu beantragen und vorzuzeigen ausgenommen, so ist diese jetzt auch für meine Berufsgruppe notwendig.

Das Äquivalent für Deutschland nennt sich „digitale Einreiseanmeldung“ – zumindest hat man sich hier auf die deutsche Ausdrucksweise festgelegt. Weiterhin ist natürlich auf beiden Seiten ein negativer Corona-Test vorgeschrieben, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Dann wird noch eine Bestätigung des Arbeitgebers verlangt, aus der die Notwendigkeit eines Grenzübertritts hervorgeht. Der ist natürlich nur möglich, wenn man eine Bescheinigung des Bundesinnenministeriums von Deutschland vorlegt, die die Systemrelevanz bestätigt. Diese kann beim zuständigen Landratsamt beantragt werden. Dabei kann es natürlich passieren, dass man erst in Erfahrung bringen muss, welches Landratsamt überhaupt zuständig ist, und ob dieses Landratsamt auch das entsprechende Formular zum Antrag auf Systemrelevanz online zur Verfügung stellt.

Viel Bürokratie

Wenn diese Papiere, die übrigens alle im „Homeoffice“, wie es so schön auf Neu- Deutsch heißt, beantragt, ausgedruckt oder digital auf dem Handy gespeichert sind – was im übrigen nicht zu empfehlen ist, denn im Achtal hat man keinen Empfang –, kann der Pendler sich endlich auf den Weg zur Arbeit machen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Grenz- oder Bundespolizei von beiden Staaten sehr freundlich agieren und froh sind über jeden, der bei ihnen anhält und mit zittrigen Fingern in den ausgedruckten Zetteln nach der Einreiseanmeldung und der negativen Testbescheinigung kramt. Mit diesen beiden Formularen geben sich die Beamten meist zufrieden – wissen sie doch wahrscheinlich, dass die EU zwar in Windeseile Bestimmungen und Erlasse herausgegeben hat, deren Umsetzung aber wahrscheinlich erst funktioniert, wenn die Reisekontrollen längst wieder aufgehoben sind.

„Wie viele Autos passieren denn so täglich die Grenzübergänge nach Pfronten?“, wollte ich von einem Polizisten wissen. „Sie sind heute das vierte Auto in den drei Stunden, seit ich hier stehe“, war die frustrierte Antwort.

Kürzlich kam im Fernsehen, dass Deutschlands Innenminister Horst Seehofer (CSU) die Grenzkontrollen verlängern will, da offensichtlich die Einschleppung und Verbreitung der Virusmutanten aus Tirol nach und im Freistaat Bayern verhindert werden kann und soll. Mein Corona-Test ist nach wie vor negativ und wird es auch hoffentlich bleiben – auch wenn es vielleicht doch bald keine Kontrollen mehr geben wird.

Hans-Georg Gröner

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