Der Chefarzt des Füssener Krankenhauses blickt im Kreisbote-Interview auf ein Jahr Corona zurück

Ein Jahr Corona im Ostallgäu: »Aus der ersten Welle haben wir sehr viel gelernt«

Dr. Martin Hinterseer
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Dr. Martin Hinterseer, Chefarzt des Füsseneer Krankenhauses blickt auf ein Jahr Corona in Füssen zurück.
  • vonMatthias Matz
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Füssen/Landkreis – Wer hätte vor einem Jahr ahnen können, dass uns ein Virus in die größte Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs schlittert. Am 1. März 2020 traf das SARS-CoV-2 mit voller Wucht auf das Ostallgäu. An jenem Sonntag bestätigte das Landratsamt offiziell den ersten Corona-Fall im Landkreis. Getroffen hat es einen Füssener, der positiv auf das Virus getestet wurde. Jetzt, ein Jahr später, befindet sich Deutschland im zweiten Lockdown. Der Kreisbote hat sich mit Dr. Martin Hinterseer, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Klinik Füssen, unterhalten.

Wie haben Sie damals die Nachricht des ersten Coronafalls aufgenommen?

Hinterseer: „Wir hatten schon viel über die Medien von ‚SARS-CoV2‘ gehört und wussten, uns wird das auch treffen, aber nicht in so einem Ausmaß. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meiner Familie in Wien, dort war alles noch relativ entspannt. Auf eine Pandemie in dieser Größenordnung waren wir nicht vorbereitet. In der ersten Welle haben wir Alle extrem viel Lehrgeld bezahlt.“

Ist Corona für Sie weiterhin ein unsichtbarer Feind?

Hinterseer: „Visuell nicht mehr. Selbst Kinder können schon „diesen Rundkörper mit den Oberflächenstacheln“ malen. Es ist in der Bevölkerung komplett angekommen. Für uns ist es eine Virus Erkrankung. Wir haben bereits gelernt, damit zu leben und einen professionellen Umgang entwickelt.

Krankenhäuser wurden zu Festungen, Mitarbeiter und Patienten sind weiterhin abgeschirmt. Läuft Ihr Personal auf Anschlag?

Hinterseer: „Aus der ersten Welle haben wir sehr viel gelernt. Wir haben anfangs nicht verstanden, an was die Menschen gestorben sind. Wir haben es hier in Füssen wissenschaftlich mit aufgearbeitet und gelernt die Erkrankung mit ihren klinischen Verlaufsformen zu verstehen. In der zweiten Phase haben wir nun die in der ersten Welle aufgebauten Strukturen, wie eine Covid-Station, eine Verdachtsstation, eine Erweiterung unserer Beatmungsmöglichkeiten, sofort umgesetzt. Wir haben ganz klare Abläufe was Personal und Patienten betrifft. Es ist natürlich belastend und sehr emotional für alle Mitarbeiter. Wir müssen mit Schutzmasken und Ausrüstung arbeiten. Besuche sind weiterhin außer in Ausnahmefällen nicht erlaubt. Auffallend ist: Wir hatten keine Pause! Die Situation macht uns alle etwas müde.“

Gibt es Momente, bei denen Sie persönlich sagen: Jetzt reicht’s? Schließlich laufen auch die Ärzte am Limit.

Hinterseer: „Wir Ärzte haben die Einstellung, dass wir uns auf den letzten Metern eines Marathons befinden. Da müssen wir noch durch. Wir hatten das Glück, dass alle, die sich impfen lassen wollten, früh geimpft werden konnten. Das hat zur Motivation sehr beigetragen. Die Zahlen gehen runter. Wir haben jetzt genug Schutzausrüstungen – es hat sich vieles zur ersten Welle verbessert.“

Ist denn genügend Personal vorhanden?

Hinterseer: „Wir haben ein super Personal, ein unglaubliches Miteinander. Man muss sich jetzt noch mehr aufeinander verlassen. Wir sind zusammengerückt, mehr als vorher. Es ist eine gewisse Wagenburgmentalität entstanden – jeder steht für den Anderen ein. Das ist für mich eine sehr positive Entwicklung. Durch die Pandemie wurde die Geschlossenheit gestärkt.“

Sind die Krankenhäuser künftig für neue möglichen Szenarien gerüstet? Muss man Geld in die Hand nehmen?

Hinterseer: „Ich glaube, dass die meisten Kliniken keinen großen Nachteil durch Corona haben werden. Sie wurden und werden durch den Staat ausreichend unterstützt. Wichtig ist, dass künftig kleine Häuser gestärkt werden. Die Versorgung von Notfallpatienten und auch infektiösen Patienten muss strukturiert verbessert werden. Aber es ist noch viel Luft nach oben. Dennoch: Als Klinik muss man sich immer neu aufstellen, um die immer weiter ansteigenden Qualitätsanforderungen umzusetzen. Wir brauchen auch in Zukunft auf regionaler Ebene Gesundheitsversorger mit ausreichend Personal und Strukturen. Der Pflegeberuf muss in seiner Gesamtheit attraktiv sein. Ein Aspekt ist auch, dass die zunehmend älter werdenden Patienten nach ihrer Entlassung zu Hause oder im Altenheim ausreichend versorgt werden.“

Werden die Coronavirus-Mutanten schlimmer und hartnäckiger eingeschätzt als sie es wirklich sind? Oder ist es doch nur Panikmache?

Hinterseer: „Wir müssen vorsichtiger sein. Nach allem was wir derzeit wissen sind die neuen Mutanten sehr viel ansteckender, über die Schwere der Verläufe haben wir noch nicht ganz zuverlässige Daten aus England oder Südafrika. Mitarbeiter, die Patienten mit neuen Mutationen betreuen, werden jetzt täglich getestet wie auch die Patienten selbst. Wir sind in Füssen in einem Grenzgebiet. Wir haben sehr viele Pendler, die aus Österreich kommen und bei uns arbeiten. Dieses Thema ist sehr präsent. Mutationen kommen bei Viren ständig vor. Deshalb gibt es ja auch einen jährlich neuen Influenza-Impfstoff. Die Corona-Impfstoffe werden an die Mutationen angepasst werden.“

Ist Corona jetzt ein medizinisches, gesellschaftliches oder eher ein politisches Thema?

Hinterseer: „Es ist ein gesamt-gesellschaftliches Thema. Es beginnt beim Miteinander, also dem Handschlag, den wir genauso nicht mehr haben wie die Nähe. Wir haben viele Freiheiten abgegeben, aber es könnte dazu führen, dass die Gesellschaft mehr zusammenrückt. Medizinisch werden wir es in den Griff bekommen, aber wir werden in der Zukunft immer mit neuen Virusinfektionen zu tun haben. Die Politik hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass alle Expertenmeinungen gehört und im Anschluss daran klare Aussagen gegeben werden. Die Menschen brauchen Perspektiven, ‚Exit-Strategien‘.“

Also macht die Politik aus ihrer Sicht alles richtig?

Hinterseer: „Alles richtig geht nie. Die Politik hat gelernt, Experten einzubinden. Notwendig ist aber Experten aus allen gesellschaftlichen Ebenen einzubauen, zum Beispiel Schule, Kultur, Wirtschaft usw.“

Sehen Sie also die Vorgehensweise der Bundesregierung etwas kritisch?

Hinterseer: „Es ist ein Lernprozess. Am Anfang holte man sich die Spezialisten und Virologen. Jetzt brauchen wir die Vertreter der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, um einen Wiedereinstieg in die Normalität zu organisieren. Die Gesellschaft wird noch lange auf allen Ebenen mit den Folgen der Pandemie zu tun haben – genauso wie auch viele unserer an COVID erkrankten Patienten. Wir haben Patienten, die Covid überlebt und überstanden haben - die sich nach einem halben oder jetzt auch ganzen Jahr nach der Erkrankung vorstellen, weil sie weiterhin körperlich und geistig nicht in der Lage sind ihren Alltag zu bewältigen oder in ihren Beruf zurückzukehren. Diese Menschen brauchen eine Wiedereingliederung, da hilft der Virologe alleine nicht. Von anderen Fachrichtungen müssen Experten mit eingebunden werden.“

Hat sich bei Ihnen die Politik gemeldet?

Hinterseer: „Dankesschreiben und Unterstützungsbriefe haben wir natürlich bekommen. Besonders gefreut hat es uns in Füssen, dass sich Bürgermeister Eichstetter vor Weihnachten persönlich informiert hat. Er hat den Mitarbeitern zugehört und großes Verständnis für die Belastungen des Personals gezeigt. Er hat unsere gute Arbeit bestätigt und gleichzeitig den außerordentlichen Einsatz aller Mitarbeiter honoriert.“

Die Menschen sind beim Thema Impfen und Impfstoffe sehr verunsichert. Gibt es im Ostallgäu ein Impfchaos?

Hinterseer: „Ich finde, das Ostallgäu hat die Organisation der Impfzentren hervorragend und zeitnah gelöst. Früh wurde mit dem Impfen in den Altenheimen und Kliniken begonnen – die über 80-Jährigen sind nun schon fast alle durchgeimpft! Das ist nicht überall in Deutschland so. Der Nachschub für Deutschland und Europa läuft jedoch nicht so wie wir es uns wünscht hätten. Die Menschen müssen sich impfen lassen, wenn Impfstoff da ist -–es ist unsere einzige Chance aus der Pandemie rauszukommen, deshalb lassen Sie sich impfen!“

Wie verlief denn die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt Ostallgäu?

Hinterseer: „Wir hatten und haben einen sehr engen Austausch. Alle sind in der ersten Welle geschwommen. Wir haben gelernt, dass es von immenser Wichtigkeit ist Teams zu bilden – also möglichst immer den gleichen Ansprechpartner zu haben. Das hat sich in der zweiten Welle ausgezahlt.“

Wann ist denn absehbar, dass es in Ihrer Klinik eine neue Normalität gibt?

Hinterseer: „Wir werden weiterhin die Distanz halten. Wir werden wahrscheinlich lange Zeit mit Mundschutz und Personenschutzausrüstung arbeiten müssen. Wir werden noch kritischer sein müssen bei Fieber oder Infektionsanzeichen. Die Versorgung der elektiven Fälle wird bald wieder im gewohnten Maße möglich sein. Wir müssen aber Vieles noch an die Pandemie anpassen.“

Was lernen wir von der Corona-Krise? Welche Erkenntnisse ziehen wir daraus?

Hinterseer: „Wenn wir lernen, Rücksicht aufeinander zu nehmen, aufeinander aufzupassen über Generationen hinweg und es in unser tägliches Leben einbauen, dann haben wir viel gelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft nicht immer ,höher, weiter und mehr‘ anpeilen sondern mit dem zufrieden sind was wir haben. Spannend wird auch sein, wie und ob unsere Kinder und Jugendlichen später als Erwachsene aus der Corona-Krise etwas mitnehmen und auch umsetzen. Um andere zu schützen, müssen wir lernen uns selbst zurückzunehmen!“

Stefan Günter

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