Der Historiker Magnus Peresson erzählt von den politischen Ränkespielen rund um König Ludwigs Tod

König Ludwig II.: Ein mysteriöser Todesfall

Gemälde König Ludwig II. auf dem Totenbett
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Nach seinem Tod wurde König Ludwig II. vom 16. bis zum 18. Juni 1886 in der Hofkapelle der Münchner Residenz aufgebahrt. Der Andrang der Bevölkerung war groß und umfasste alle Schichten und Konfessionen.

Füssen - Heute vor 135. Jahren starb König Ludwig II. Der Historiker Magnus Peresson analysiert deshalb die politischen Ränkespiele, die zum Tod des Monarchen geführt haben.

Am heutigen Sonntag, 13. Juni, jährte sich der Todestag des bayerischen Königs Ludwig II. zum 135. Mal. Was in den Abendstunden des 13. Juni 1886 am Starnberger See auch immer geschehen ist, es zählt zu den dunkelsten Episoden bayerischer Geschichte. Obwohl an diesem Abend zwei Menschen den Tod fanden, der erste Mann des Königreichs und ein ehrgeiziger Arzt, wurden die Ursachen ihres Sterbens nie aufgedeckt.

Die an der Tragödie Beteiligten in Politik und Adel hatten es dank ihrer unangreifbaren Stellung und mit viel Härte verstanden, geltendes Recht außer Kraft zu setzen und einen undurchschaubaren Schleier über zwei mysteriöse Todesfälle zu breiten. Erstaunlicher Weise gefiel sich die Mehrzahl der Biographen des Königs darin, die Tragödie von Berg in nichtssagende Formulierungen zu kleiden. Wenn immer wieder Versuche unternommen wurden, Licht in die rätselhafte Angelegenheit zu bringen, wurde ein solch Bestreben unisono als Phantastentum abgetan.

Beziehung verschlechtert sich

Um dem Ende König Ludwig II. näher zu kommen ist es hilfreich, den vielen verstreuten Hinweisen nachzugehen. Sie sind wie Steine eines Mosaiks, die in der rechten Weise zusammen gesetzt, ein stimmiges Bild der Wahrheit ergeben.

Die Anfänge der Geschichte reichen zurück bis in das Jahr 1843, als die Frau des bayerischen Kronprinzen Maximilian, die preußische Prinzessin Marie, eine Fehlgeburt erlitten hatte. Teile der königlichen Familie waren sich sicher, dass die erst 18 Jahre alte Frau keine Kinder mehr bekommen würde und die Thronfolge deshalb auf die Linie des Prinzen Luitpold übergehen werde. Als am 7. Januar 1845 Luitpolds Gemahlin von einen Sohn entbunden wurde, taufte man das Kind auf den Namen Ludwig, nicht nur als Referenz an den Großvater, König Ludwig I., sondern weil man davon überzeugt war, dass das Kind einmal als Ludwig II. den bayerischen Thron besteigen werde.

Klerus lehnt König Ludwig II. ab

Die Geschichte verlief jedoch anders als erwartet: Marie, die Ehefrau des Kronprinzen, wurde überraschend erneut schwanger und schenkte am 25. August 1845 einem Sohn das Leben, dem künftigen Märchenkönig. Von diesem Zeitpunkt an lag ein Schatten auf der Beziehung der beiden Brüder Maximilian und Luitpold. Dessen Sohn Ludwig, ab 1913 König Ludwig III., hielt Abstand zum Cousin und sympathisierte mit dessen Gegnern.

Nach Richard Wagners Einschätzung war Ludwig II. von einer ernsten und inbrünstigen Religiosität geprägt, der Amtskirche begegnete er allerdings mit kritischer Distanz. Dies zeigte sich schon im Jahre 1870 in der heftig geführten Diskussion um das von Papst Pius IX. verkündete Unfehlbarkeitsdogma. Der König machte kein Hehl aus seiner Ablehnung und verbot die Verlesung des Dogmas von den bayerischen Kanzeln.

Dabei achtete er mit Ehrfurcht die christlichen Sakramente und erfüllte gewissenhaft seine Sonntagspflicht. In jungen Jahren kniete er mitunter auch irgendwo in einer Dorfkirche unter den Bauern. Wenn sein Beichtvater intimste Äußerungen aus dem Beichtstuhl trug, weitergab an Männer in Kirche und Politik, so zeigt sich hier die ganze Ohnmacht eines Mannes, der daran glaubte, sein Amt im Auftrag Gottes auszuüben.

Weite Kreise des bayerischen Klerus hatten König Ludwig II. von jeher abgelehnt. Einer der Agitatoren, der Pfarrer Mahr von Ebermannstadt, lieferte der Presse eine Stelle aus der Bibel: „Unglücklich das Land, dessen König noch ein Kind ist.“ An der Spitze der Kritiker des Königs stand allerdings der Münchener Erzbischof Gregor von Scherr, der schon früh forderte, der junge Monarch müsse durch den Prinzen Luitpold ersetzt werden. Am 4. Februar 1875 ließ Scherr einen Hirtenbrief gegen den König auf den Kanzeln seiner Diözese verlesen.

Der Bischof von Regensburg, Ignatius von Senestrey, hatte bereits im Jahre 1869 den Sturz der Könige angedroht, falls diese nicht mehr auf die Weisungen der Kirche hören sollten. Er forderte in einer Predigt in Schwandorf offen die Entthronung des bayerischen Königs. Gleiches tat die „Unita Cattolica“, das Organ der Jesuiten. Der Cousin des Königs, Prinz Ludwig, dem man Neutralität unterstellt hätte, schloss sich den sogenannten Ultramontanen an. Diese Patriotenpartei sah der preußische Gesandte, Georg Freiherr von Werthern, Bismarcks wichtigster Mann in Bayern, fest in den Händen der römischen Kurie. Obgleich die Patrioten im Landtag über die Mehrheit verfügten, besetzte der König – wenig diplomatisch – das Kabinett mit Ministern aus dem liberalen Lager.

Ab dem Jahr 1875 begannen die Gegner des Königs die Presse in Wien und Paris mit diversen Berichten über finanzielle Engpässe des Monarchen zu beliefern. Diese berichteten zudem, dass der König nicht mehr kreditwürdig wäre. Dem widersprach der Frankfurter Bankier Erlanger und erklärte, sein Haus würde dem König sofort 500.000 Gulden zur Verfügung stellen. Zur gleichen Zeit waberte ein Gerücht durch Paris, in der Stadt habe sich ein Konsortium mit dem Ziel gebildet, dem König von Bayern, die notwendigen Mittel zu verschaffen.

Finanzen des Königs werden zum Politikum

Hier begannen sich die privaten finanziellen Angelegenheiten Ludwig II. zum Politikum auszuwachsen. Der Rückzug des Königs in die totale Isolation führte nicht nur zu Freiräumen in der politischen Führung. Er öffnete auch dem ganzen Spektrum menschlicher Niedertracht Tür und Tor.

In den ersten Monaten des Jahres 1886 erklärte sich in München ein Zusammenschluss von Königstreuen, dem fünf einflussreiche Männer, drei Adelige mit hohem Vermögen, der Besitzer eines Metallwerks und ein Juwelier angehörten, bereit, dem König alle notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Der Wortlaut des Schreibens ist durch den Biographen Anton Memminger dokumentiert.

Die rettende Offerte wurde dem König aber ebenso wenig vorgelegt wie das Angebot einer Frankfurter Versicherungsgesellschaft. Deren Direktor Kleeberg stellte dem König ein Darlehen von 20 Millionen Mark in Aussicht, eine Summe, die den König nicht nur entschuldet, sondern auch den Bau des Schlosses Falkenstein und die Vollendung von Herrenchiemsee ermöglicht hätte. Am 19. Mai 1886 berichtete Kleeberg voll Empörung dem Reichskanzler Bismarck von dem intriganten Spiel der Minister in München. Bismarck zog daraus den Schluss, die Minister würden den König „schlachten“.

Gutachten liefert Legitimation

Nach diversen Vorgesprächen, die bis in den Sommer 1885 zurück reichten, beschlossen im Mai 1886 die Minister in enger Abstimmung mit den Vertretern der königlichen Hauses, dass ein Gutachten über die geistige Konstitution des Königs erstellt werden sollte.

Zeitgleich kam es durch die Vermittlung der spanischen Exilkönigin Isabella zu einem Angebot des Hauses Orleans, den König über das Rothschild‘sche Bankhaus, dessen Agent sich bereits in München aufhielt, zu entschulden. Der preußische Gesandte in München, Georg Graf von Werthern, in dessen Haus die bayerischen Minister ein- und ausgingen, unterstellte nun, dass die Gegenleistung des Königs darin bestehenden werde, bei einem Feldzug, den Frankreich als Revanche für den Krieg 1870 angezettelt hatte, entweder Neutralität zu wahren oder aber die Mobilmachung der bayerischen Truppen um etwa acht Tage zu verzögern. Damit wäre die Südflanke mit der damals bayerischen Pfalz und Bayern frei gewesen und hätte es den französischen Truppen erleichtert, zügig bis nach Berlin vorzustoßen.

Diese Unterstellungen erhielten Nahrung durch Berichte des Geheimdienstes über den Aufmarsch französischer Truppen an der Grenze zum Saarland. Nach weiteren zuverlässigen Informationen zog Frankreich zur gleichen Zeit nicht nur alle Truppen aus Afrika zurück ins Mutterland, sondern orderte auch sieben Millionen Büchsen mit Fleisch für die Armee. Somit war das Land im Juni 1886 besser gerüstet als im Krieg von 1870.

Die Falken in Berlin und München sahen sich jetzt gezwungen zu handeln und sie begannen dort zu handeln, wo sie „Felonie“ erkannt zu haben glaubten: Die Untreue des Königs gegenüber dem eigenen Land. Das fragwürdige Gutachten des so gewissenlosen wie ehrgeizigen Arztes Bernhard Gudden lieferte ihnen die gewünschte Legitimation für den letzten Verrat: Der König musste fallen.

Magnus Peresson

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