Freie Wähler diskutieren mit Hoteliers

Die Allgäuer Hotellerie in Corona-Zeiten: „Schlimmer geht es nicht mehr!“

Alexander Hold im Gespräch mit Hoteliers in Schwangau
+
Landtagsabgeotrdneter Leopold Herz (v.l.), Alexander Hold, der Schwangauer Gemeinderat Matthias Renk, und Erhard Thurm, Geschäftsführer des Hotel „Rübezahl“, diskutieren am Montag über die aktuelle Situation.
  • Matthias Matz
    vonMatthias Matz
    schließen

Schwangau/Kempten – Kurz vor Beginn der Pfingstferien wächst angesichts der Corona-Politik von Bund und Freistaat die Verzweiflung unter den Allgäuer Hoteliers und Gastronomen: „Sehr emotionalen Gesprächen“ seien es gewesen, die er am Montag beim Besuch verschiedener Hotels im Allgäu geführt habe, berichtete Alexander Hold, Vizepräsident und Landtagsabgeordneter der Freien Wähler-Landtagsfraktion. Eine der Unterkünfte, die Hold zusammen mit seinen Abgeordnetenkollegen Bernhard Pohl und Dr. Leopold Herz besuchte, war „Das Rübezahl“ in Schwangau. Auch die Organisation „AllgäuTopHotels“ schlägt Alarm.

Die Kritik an der Corona-Politik von Bundes- und Staatsregierung wird lauter: die heimische Hotelorganisation „AllgäuTopHotels” fordert für die Hotellerie im Allgäu gleiche Wettbewerbsbedingungen: gegen das Corona-Virus geimpfte, genesene und negativ getestete Menschen sollten auch im Inland reisen dürfen – wie überall in Europa inzidenzunabhängig. „Es ist umgehend eine inzidenzunabhängige Regelung vergleichbar mit den Nachbarländern erforderlich”, heißt es in einer Pressemitteilung.

Darin kritisiert der Zusammenschluss aus 80 Allgäuer Hotels vor allem die kürzlich verabschiedete so genannte Bundesnotbremse. Diese berge für Gäste und Unternehmer gleichermaßen einen hohen Risikofaktor. Hintergrund ist, dass das Gesetz für die Öffnung von Hotels und Gastronomie eine stabile 7-Tage-Inzidenz unter 100 voraussetzt. Diese Marke sei für viele Urlaubsgebiete in Bayern und auch im Allgäu aktuell kaum erreichbar. Außerdem droht eine erneute Schließung der Betriebe, wenn die 100er-Marke an drei Tagen in Folge wieder überschritten wird.

„Parallel beschließt der Bundestag jedoch, dass ab dem 13. Mai alle Urlaubsrückkehrer, auch aus Risikogebieten mit einer Inzidenz zwischen 50 und 200, sich frei testen können und keine Quarantäne mehr erforderlich ist“, so die Allgäu-TopHotels-Geschäftsführerin Sybille Wiedenmann. „Wie soll ich das meinen Hoteliers erklären?“

Nach fast sieben Monaten nervenaufreibendem und wirtschaftlich zerstörendem Endlos-Lockdown sei diese neue Verordnung für die 80 familiengeführten Hotels der AllgäuTopHotels und alle anderen 5000 Gastgeber im Allgäu sowie den zahlreichen vernetzten regionalen Lieferanten der absolute Tiefpunkt.

Politik in der Pflicht

„Schlimmer geht es nicht mehr!”, sagt Anna-Maria Fäßler, Chefin der „Sonnenalp” und Beiratsvorsitzende der „AllgäuTopHotels“, zu den aktuell geltenden Regelungen. Deutsche könnten zwar mittlerweile wieder in fast ganz Europa Urlaub machen, aber nicht in Deutschland. „Das halten wir moralisch, physisch und psychisch nicht mehr länger aus!”

Fäßler sieht die Politik in der Pflicht, die Bundesnotbremse für touristische Reisen im Inland aussetzen. Vor dem Hintergrund der großen wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus in Bayern sei es an der bayerischen Staatsregierung, jetzt ihren Einfluss geltend zu machen.

Mitarbeiter wandern ab

Die Existenz vieler Betriebe sei bereits jetzt sehr gefährdet, klagen die Hoteliers. Die echten Verluste – nicht der Umsatzverlust – für einen mittelgroßen Hotelbetrieb mit acht bis zehn Millionen Euro Investitionsvolumen belaufen sich in diesem zweiten Lockdown auf 600.000 bis 700.000 Euro – trotz der unterschiedlichen Hilfsprogramme. Bei den großen Betrieben sei die Summe um ein Vielfaches höher. Hinzu komme, dass zahlreiche Mitarbeiter den hiesigen Betrieben bereits den Rücken gekehrt hätten, um sichere Arbeitsplätzen in Österreich und der Schweiz anzunehmen.

Frust und Wut in Schwangau

Auch der Schwangauer „Rübezahl“-Chef Erhard Thurm ist „blutsnarrat“, wie er am Montag bei einem Besuch von Landtagsvizepräsident Alexander Hold und dessen Allgäuer Abgeordnetenkollegen Bernhard Pohl (Ostallgäu) und Dr. Leopold Herz (Oberallgäu) in Schwangau sagte. „Pragmatisch und unkompliziert sollen die Probleme gelöst werden!“, lautete seine klare Forderung.

Seiner Meinung nach habe die CSU nur das große Ganze im Blick. Die aktuelle Lage sei für die Hotellerie und Gastronomie eine mittlere Katastrophe. „Urlauber können nach Österreich und Italien fahren. Nur für das Allgäu gibt es keine Planungssicherheit“, verweist er dabei im gleichen Atemzug auf den Inzidenzwert von 100. 

Hold, Pohl und Herz sicherten der Branche ihre Unterstützung zu. „Wir brauchen ganz klar regionale Lösungen. Wenn wir etwa in einem Schlachtbetrieb in Buchloe 50 infizierte Menschen in Quarantäne haben, kann die Landrätin besser als Berlin beurteilen, ob deshalb die Hotels in Füssen geschlossen werden müssen“, erklärte Hold.

Die Landkreise müssten im Einzelfall selbst entscheiden dürfen, ob Tourismusbetriebe geschlossen bleiben müssen, weil ein Risiko für das Infektionsgeschehen im Kreises vorliegt, oder nicht. Ein lokal eingrenzbares Infektionsgeschehen dürfe nicht wie bislang eine ganze Urlaubsregion lahmlegen, forderte Hold. Es sei an der Zeit, dass die Verantwortlichen in den Gesundheitsbehörden und Landratsämtern vor Ort Entscheidung treffen können und dies inzidenzunabhängig.

Hold verspricht Unterstützung

Hold versprach den Hoteliers, die Anliegen und vorgebrachten Forderungen in den anstehenden Sitzungen einzubringen und der Branche in der Landespolitik noch einmal Gehör zu verschaffen. Er werde weiter für einen Tourismus unabhängig von Inzidenzen kämpfen. „Es ist doch grotesk!“, schimpfte er.

„Wir dürfen unseren Pfingsturlaub in Österreich oder Italien verbringen, die teilweise eine höhere Inzidenz als Schwangau oder Ofterschwang haben, und nach der Rückkehr ist für Urlauber nicht mal eine Quarantäne erforderlich.“ Die heimische Gastronomie und Hotellerie werde hingegen massiv benachteiligt und könne politische Entscheidungen zu Recht nicht mehr nachvollziehen. „Es besteht also dringend Handlungsbedarf!“, so der Kemptener Landtagsvizepräsident..

Das dicke Ende kommt erst, wenn die Pandemie vorüber ist, prophezeite sein Ostallgäuer Kollege Pohl. „Der Lockdown, der Hotellerie, Gastronomie und auch den Einzelhandel sehr einseitig belastet hat, darf nicht dazu führen, dass wir in wenigen Monaten einen irreparablen Kahlschlag zu beklagen haben. Wenn uns wesentliche Teile der Gastronomie und der Hotelbetriebe wegbrechen, wenn Einzelhändler schließen, weil wir in der Krise den Internethandel gestärkt haben, wird sich das Geschäft nicht auf einige wenige verteilen, sondern deutlich abnehmen“, sagte der Kaufbeurer.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Füssener Bergwacht hat am Wochenende alle Hände voll zu tun
Füssener Bergwacht hat am Wochenende alle Hände voll zu tun
Künftige Gestaltung der Morisse: Die Füssener sollen mitentscheiden
Künftige Gestaltung der Morisse: Die Füssener sollen mitentscheiden
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenz-Werte mit leicht steigender Tendenz
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenz-Werte mit leicht steigender Tendenz
Lechbruck will weiter Mitglied bei der Aktionsgruppe »Auerbergland« bleiben
Lechbruck will weiter Mitglied bei der Aktionsgruppe »Auerbergland« bleiben

Kommentare