»Eine andere Statistik«

Die Corona-Pandemie beeinflusst auch die Unfallstatistik

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Die Füssener Verkehrsstatistik 2020 ist deutlich geprägt von Fahrrad- und Pedelec-Unfällen.
  • vonMatthias Matz
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Füssen/Landkreis – Deutlich weniger Verkehrsunfälle als im Jahr zuvor, dafür mehr Fahrradunfälle und ein ständiger Kampf gegen das Parkchaos in den Sommermonaten: die Corona-Pandemie hatte im vergangenen Jahr auch erheblichen Einfluss auf die Arbeit der Polizei in Füssen und Pfronten. „Es ist eine andere Statistik als in den Jahren zuvor“, so Füssens Polizeichef Edmund Martin am Mittwoch bei der Vorstellung der Verkehrsstatistik 2020 für den südlichen Altlandkreis. Und dieses Jahr setzt sich der Trend, verstärkt durch den aktuellen Dauer-Lockdown, bislang fort.

So verzeichnen die Beamten aktuell in den ersten beiden Monaten des Jahres einen Rückgang der Unfallzahlen um 25 Prozent, wie Thomas Zeidler von der Polizeistation Pfronten berichtete. Der Grund dafür seien die wochenlange nächtliche Ausgangssperre am Abend und der Trend zum Homeoffice. Dadurch komme es beispielsweise zu deutlich weniger Wild- oder Glatteisunfällen in den Abend- oder Morgenstunden. „Es sind in der Nacht einfach weniger unterwegs“, ergänzte Martin.

Damit spiegeln die Monate Januar und Februar das vergangene Jahr wider: Im Vergleich zu 2019 ereigneten sich mit insgesamt 1363 Unfällen 335 weniger. Das entspricht einem Rückgang von 19,72 Prozent, wie Johannes Stoll, neuer Verkehrsexperte der PI Füssen (der Kreisbote berichtete), vorrechnete. „Pandemiebedingt ein wahnsinniger Rückgang“, so Stoll. Von den 1363 registrierten Unfällen ereigneten sich 1049 (20:19: 1336) im Bereich der PI Füssen und 314 (362) im Bereich der Pfrontener Polizeistation. Zwei Menschen verloren 2020 bei Unfällen ihr Leben.

Hauptgrund für den Rückgang der Unfallzahlen, da sind sich alle Beteiligten einig: der Corona-Lockdown und die damit verbundenen Reisebeschränkungen. „Der dramatische Einbruch im vergangenen Jahr hat mit dem Lockdown begonnen“, blickte Zeidler zurück. Vor allem nachts sei auf den Straßen so gut wie nichts mehr los gewesen. Außerdem fiel der Winter sehr milde aus, sodass die typischen Winterunfälle ebenfalls kaum auftraten. Deutlich wird das Ausmaß des Rückgangs vor allem beim Blick nach Hohenschwangau. Die dort Jahr für Jahr zahllos gemeldeten Unfälle wie Parkrempler oder Fahrerfluchten durch ausländische Touristen entfielen 2020 komplett.

Mit den Lockerungen im Frühjahr sahen sich die Beamten im Altlandkreis dann aber mit ganz anderen Problemen konfrontiert – unzähligen Tagesausflüglern aus dem gesamten süddeutschen Raum und massenhaft Radfahrern rund um den Forggensee. „Das hat uns überrollt“, erinnerte Martin an die verschiedenen langen Feiertagswochenenden, wie etwa Fronleichnam. „Da war Land unter!“ Eine Folge des Ausflugsverkehrs in den Königswinkel ist ein enormer Anstieg bei den Fahrradunfälle von 100 in 2019 auf 142 im vergangenen Jahr. Das heißt, dass etwa jeder 10. Unfall ein Unfall mit Beteiligung eines oder mehrerer Radfahrer war. „Das finde ich gewaltig“, sagte Stoll. Dabei kam ein Pedelec-Fahrer in Pfronten ums Leben. „Wir haben mittlerweile jedes Jahr einen toten Pedelec-Fahrer“, stellte sein Kollege Zeidler fest. 144 Personen (2019: 104) wurden bei den Radunfällen verletzt. Bei 70 Prozent der Unglücke kam der Radler alleinbeteiligt zu Sturz, etwa weil er zu schnell unterwegs war.

Radfahrer im Fokus

Was beim Blick auf die Radunfallzahlen ebenfalls auffällt, ist steigende Zahl an Pedelec-Fahrern. So waren an immerhin 50 der 142 Unfällen Pedelec-Fahrer beteiligt. Dass lediglich 53 Prozent der in Unfälle verwickelten Radler einen Helm trugen, gibt den Beamten zu denken. Während sportlich ambitionierte Radler in der Regel einen Kopfschutz tragen würden, seien Gelegenheitsradler auf dem Weg zum Einkauf oder die Mutter, die ihr Kind zur Schule bringe, oft ohne Helm unterwegs. Hier wollen Stoll und seine Kollegen in diesem Jahr ansetzen und verstärkt kontrollieren. Das gelte auch für die Füssener Fußgängerzone und den Rest der Innenstadt, so Polizeichef Martin, dem die „Radlrambos“, die rücksichtslos in falscher Richtung über die Bürgersteige oder durch die Fußgängerzone brettern, ein Dorn im Auge sind. Denn allen drei ist klar: die Radfahrer werden nicht mehr weniger werden – im Gegenteil. „Wir werden mit den Radverkehr leben müssen“, so Zeidler.

Ein weiteres Problem, dass sich durch den coronabedingten Ausflugsverkehr auftat, war das Parkchaos an den Hotspots. Seitens der Polizei mussten deshalb 1034 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Naturschutzgesetz aufgenommen werden. Dazu zählen auch Camper, die im Natur- und Landschaftsschutzgebiet parkten. Mehrere hunderte Autofahrer mussten außerdem wegen Parkens im Halteverbot, vor Ein- und Ausfahrten oder auf Rettungswegen verwarnt werden. Vor allem betroffen waren hier Hopfen und Schwangau. Bei den Versuchen, der Sache Herr zu werden, haben sich die kommunalen Ordnungsdienste der Gemeinden oder das Sperren von Parkplätzen bewährt, freute sich Martin. „Eine gute Geschichte!“

Ansturm zu Ostern?

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr wird intern bereits an einem Konzept für heuer gearbeitet. Dabei geht Martin davon aus, dass der große Ausflugsverkehr diesmal bereits zu Ostern, und damit früher als 2020, anrollen wird. Die Polizei stehe deshalb bereits in Verbindung mit den vor allem betroffenen Kommunen sowie dem Landratsamt, um ein Konzept zu entwickeln. Denkbar seien die Ausweitungen von Halteverboten, etwa zwischen Hopfen und Hopferau. Allerdings müsse dieses durch die Ordnungsdienste auch überwacht werden. „Sonst macht das keinen Sinn“, betonte Martin.

Anders als in den Jahren zuvor war im ersten Corona-Jahr laut Martin und Zeidler das Verhalten vieler Verkehrsteilnehmer. So würden die Beamten beim Ausstellen von Strafzetteln oder ähnlichen Maßnahmen immer häufiger von den Kontrollierten angemacht. „Habt ihr Nix besseres zu tun?“, gehöre mittlerweile zum Standard. Gleichzeitig würden sich mehr Menschen über die Beamten beschweren, etwa weil diese ihre Maske nicht richtig getragen oder den Mindestabstand nicht eingehalten hätten, berichtete Martin. „Wir haben momentan so ein bisschen den Ellebogengedanken durch die Pandemie im Vordergrund“, so Zeidler.

Unfälle im Königswinkel:

Mit 1362 Unfällen krachte es im vergangenen Jahr deutlich weniger als im 2019 (1698). 1049 der Unfälle ereigneten sich im Bereich der PI Füssen, 314 im Bereich der Polizeistation Pfronten. Hauptunfallursachen war nicht angepasste Geschwindigkeit (110), Unfälle beim parken oder Wenden (108), gefolgt von zu wenig Abstand (106), Abkommen von der Fahrbahn (90), Vorfahrtmissachtungen (44) und Alkoholeinfluss (24). Bei 810 Unfällen handelt es sich um sogenannte Kleinunfälle.

Obwohl die Polizei insgesamt weniger Unfälle verzeichnete, ist die Zahl der Unfälle mit Verletzten von 220 auf 232 gestiegen. Mit 282 wurden dabei aber vier Personen weniger als im Jahr zuvor verletzt. Zwei Verkehrsteilnehmer kamen ums Leben (2019: fünf), 78 schwer verletzt (65) und 204 leicht (221).

Bei den Motorradunfällen registrierten die Beamten eine Zunahme um 25 Prozent von 24 auf 30. Dabei wurden 29 (22) verletzt, darunter zehn (fünf) schwer.

Gestiegen ist auch die Zahl der Unfälle unter Alkoholeinfluss von 15 auf 24. Fast 42 Prozent der alkoholisierten Verkehrsteilnehmer waren Radfahrer. Dazu stellten die Beamten bei Kontrollen 78 (69) alkoholisierte Verkehrsteilnehmer fest. 53 (55) standen unter Einfluss von Drogen.

Stark zurück gegangen ist insbesondere wegen der ausbleibenden Touristen die Zahl der Unfallfluchten – von 319 auf 230. Davon konnten 107 (132) aufgeklärt werden.

Matthias Matz

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