Institut: Wohnungsnot wird sich durch Asylbewerber noch verschärfen

"Es muss etwas passieren"

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Asylbewerber bei der Versorgung in einer Turnhalle in Kaufbeuren. Viele der Flüchtlinge werden in den ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt im Ostallgäu drängen.

Landkreis – Im Landkreis Ostallgäu werden in diesem Jahr rund 660 zusätzliche Wohnungen für Flüchtlinge gebraucht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Wohnungsmarkt-Analyse des Pestel-Instituts.

Nach Berechnungen der Hannoveraner Wissenschaftler steigt der Gesamt-Wohnungsbedarf im Ostallgäu in diesem Jahr damit auf rund 1240 Wohnungen. Im Landratsamt widerspricht man diesem Ergebnis allerdings: „Die ‚Analyse’ geht von sehr allgemeinen Zahlen aus und verwechselt verschiedene Sachverhalte“, so der zuständige Oberregierungsrat Ralf Kinkel auf Anfrage des Kreisboten.

Die Problematik an sich ist nicht neu: Im Landkreis gibt es, wie bereits mehrfach berichtet, zu wenig bezahlbare Wohnungen. Zu diesem Schluss kommen jetzt auch die Hannoveraner Wissenschaftler: „Es fehlen bezahlbare Wohnungen. Vor allem aber Sozialwohnungen“, erklärt Institutsleiter Matthias Günther.

Verschärft werde die ohnehin schon angespannte Situation jetzt zusätzlich durch den Flüchtlingsansturm. Nach Angaben des Landratsamtes sind derzeit (Stand Donnerstag) 1294 Flüchtlinge dezentral in Unterkünften im Landkreis untergebracht. „Wenn es bei dem starken Flüchtlingszuzug bleibt, muss sich der Landkreis Ostallgäu auch im kommenden Jahren darauf einstellen, dass noch mehr Wohnungen gebraucht werden“, so Günther weiter.

Über 1600 Flüchtlinge?

Dabei geht das Pestel-Institut von insgesamt rund 1640 Flüchtlingen aus, die im Laufe dieses Jahres in das Ostallgäu kommen werden. Als Grundlage für diese Berechnung diente den Wissenschaftlern eigenen Angaben zufolge der „Königsteiner-Schlüssel“ und die Annahme, dass heuer eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. „Um die für Asylbewerber zusätzlich benötigten Wohnungen zu ermitteln, gilt die Formel: 100 Flüchtlinge, die in den Landkreis Ostallgäu kommen, benötigen im Schnitt 40 Wohnungen“, erläutert Institutsleiter Günther.

 Im Landratsamt Ostallgäu in Marktoberdorf werden diese Zahlen allerdings als zu allgemein angezweifelt und die Studie in sich als „nicht schlüssig“ bewertet. „Der Hauptmangel der Analyse liegt aber darin, dass die Flüchtlinge erst nach Abschluss des Asylverfahrens selbst nach Wohnungen suchen“, erklärte Oberregierungsrat Ralf Kinkel auf Anfrage des Kreisboten.

Langes Verfahren

Das sei bislang aber nur in geringem Umfang geschehen. So hätten bislang insgesamt 324 Asylbewerber nach Abschluss ihres sechs Monate bis zwei Jahre dauernden Verfahrens den Kreis Ostallgäu wieder verlassen. „69 dieser Flüchtlinge sind anschließend im Landkreis geblieben und haben eine eigene Wohnung gefunden“, berichtet er. Dazu kämen noch bereits anerkannte Asylbewerber, die von außerhalb ins Ostallgäu kommen würden. „Diese Flüchtlinge stellen den eigentlichen dauerhaften Wohnungsbedarf im Landkreis dar“, betont der Oberregierungsrat. „Dabei ist auch noch die Thematik des Familiennachzugs für anerkannte Asylbewerber zu berücksichtigen.“

Um das Problem des fehlenden preiswerten Wohnraums zu lösen, fordert das Pestel-Institut jetzt eine Offensive bei der Sanierung leerstehender Wohnungen, eine Ankurbelung des Wohnungsbaus und einen Neustart des sozialen Wohnungsbaus im Kreis Ostallgäu. Erreicht werden könne dies durch zinslose Darlehn, Investitionszulagen und steuerliche Anreize für private Investoren. Hier sei die Politik gefordert.

 Zu wenig Geld 

Von den vom Bund jetzt bereitgestellten 500 Millionen Euro, die die Länder bis 2020 jährlich für den sozialen Wohnungsbau bekommen sollen, werde das Ostallgäu jedenfalls „nicht wirklich spürbar profitieren“, befürchtet Institutsleiter Günther.

Auch im Landratsamt in Marktoberdorf sind sich die Verantwortlichen bewusst, dass die Schaffung von genügend bezahlbaren Wohnungen „künftig eine große Herausforderung sein wird“ – zumal die Zahl der Flüchtlinge sich noch deutlich erhöhen werde. Abteilungsleiter Ralf Kinkel geht aber davon aus, dass zumindest ein Teil der jetzt geschaffenen oder neu gebauten Unterkünfte künftig möglicherweise als Wohnraum zur Verfügung stehen werden.

Drohen Spannungen?

 Matthias Günther vom Pestel-Institut ist da allerdings weitaus weniger optimistisch: „Es muss dringend etwas passieren“, appelliert er in Richtung Politik. „Andernfalls droht eine Wohnungskrise, die das Potenzial hat, an vielen Orten zu erheblichen sozialen Spannungen zu führen.“

Matthias Matz

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