Kreisbote-Redakteurin Katharina Knoll nimmt an Selbstbehauptungskurs für Frauen und Mädchen in Füssen teil

Selbstverteidigung beginnt im Kopf

+
Wie man sich effektiv verteidigt, zeigt Selbstverteidigungstrainer Markus Grimm (rechts) Kreisbote-Redakteurin Katharina Knoll.

Füssen – Ein neues Phänomen erhitzt seit Silvester die Gemüter: Zum ersten Mal wurden Frauen in mehreren deutschen Städten von Männergruppen massiv belästigt. Viele hat das verunsichert. Die Folge: Eine verstärkte Nachfrage nach Pfefferspray und Selbstverteidigungskursen – auch in Füssen.

Deshalb bieten die Kampfsportler Thomas Kölling, Markus Grimm und Uwe Holzhauer in Kooperation mit der Gleichstellungsstelle des Landkreises einen Selbstbehauptungskurs für Mädchen und Frauen an.

Kreisbote-Redakteurin Katharina Knoll war beim ersten Treffen dabei und stellte fest: Mein größter Gegner bin ich selbst. Blau-graue Augen blicken mich an.

Erst lachend, dann zweifelnd, dann ernst. Ich steh mit 19 anderen Frauen und Mädchen vor einer Spiegelwand in der Sportschule Shinto und versuche meinem Gegner zu vermitteln, dass ich mein „Nein“ todernst meine. Doch als mein Blick auf die grinsende Michi neben mir fällt, ist es vorbei mit meiner Selbstbeherrschung – ich breche in schallendes Lachen aus.

„Wenn es zum Angriff kommt, habt ihr drei Phasen verschlafen“, erklärt Trainer Markus. Und die seien „viel wichtiger als eine gute Technik.“ Frei nach dem Motto: Jeder nicht ausgetragene Kampf ist ein Sieg.

Die erste Phase des Kampfes beginnt mit dem „Abchecken“ des potentiellen Opfers. Und das sei nicht die Frau, die in Minirock und Highheels durch den Stadtpark stöckelt, sondern das Mauerblümchen, das verschüchtert auf der Parkbank sitzt, erklärt Markus Grimm. In den ersten drei Sekunden entscheidet sich, was der Angreifer in einem sieht: Gegner oder leichtes Opfer. Egal, ob Mann oder Frau.

 „Wenn es zur Schlägerei kommt, dann suchen sich die Täter die aus, die nicht selbstbewusst dastehen“, so Markus. „Im Gesicht habt ihr die meisten Muskeln. Also setzt sie ein. Die Entschlossenheit muss man sehen.“

Ein Frauenproblem

 Ich versuch mein Bestes, als Marion und ich uns eine Minute lang in die Augen starren. Tief durchatmen, Füße in die Matte graben, Schulter zurück, Brust raus. Meine Augen werden schmal. Ich presse meine Lippen aufeinander, drück die Zunge gegen den Gaumen, um meine Mundwinkel unter Kontrolle zu halten.

 Doch als Marion spöttisch mit der Augenbraue zuckt, kann ich nichts mehr gegen mein Grinsen tun. Allerdings bin ich nicht die Einzige. Um mich herum fängt eine Teilnehmerin nach der anderen an zu lachen. Das sei ein spezielles Problem von Frauen, erklärt Markus. „Wenn ihr ,Nein´sagt, dann ist das meist, , Nein – hihihi´, weil ihr freundlich seid. Das hat man euch beigebracht.“ Ein antrainiertes Programm aus der Kindheit. Was mir persönlich bisher allerdings noch gar nicht aufgefallen ist.

 Doch er hat recht. Wenn ich jemandem eine Abfuhr erteile, dann versuche ich das immer noch möglichst nett zu verpacken oder mich zu erklärten. In der Selbstverteidigung ist das allerdings keine gute Idee: „Das , Nein´ muss man sehen und hören können“, meint Markus Grimm. Wenn danach ein Lachen folgt, „dann ist das für uns Männer kein ,Nein´. Dann denken die, eigentlich ist es ein ,ja´“. Und kommen näher – zu nah, was zur zweiten und dritte Phase des Kampfes führt: das Ansprechen und der Körperkontakt.

Bei den meisten liegt die persönliche Wohlfühlgrenze bei einer Armlänge Abstand. Wenn der Gegner näher heranrückt. „Da kann ich schlagen vergessen, da muss ich Ellenbogen und Knie einsetzen“, erklärt uns unser Trainer. „Wenn ihr in dem Abstand erkennt, dass da keine Harmonie ist, dann dürft ihr ihn gar nicht näher ran lassen.“ Doch warum sagen viele trotzdem nichts? „Ja, weil ihr freundlich seid.“

"Jeder hat Angst"

Doch genau diese Freundlichkeit sollen wir ablegen: Markus tritt auf mich zu, starrt mir in die Augen. Ich starre zurück. Als er nur noch einen halben Meter vor mir steht, schreie ich „Stopp“, was etwas Überwindung kostet. Ich bin stolz, dass ich dieses Mal meine Mimik unter Kontrolle habe. Doch der Trainer hat etwas anderes gesehen. „Gelacht“, sagt Markus und klopft mir grinsend auf die Schulter.

Das liegt vielleicht auch daran, dass diese Rollenspiele nicht realistisch sind. Aber deshalb „sind sie umso schwerer. Wenn ihr es hier könnt, dann könnt ihr es auch draußen“, erklärt Markus den Sinn dahinter. „Wenn ich da eine Abneigung habe, dann fällt es mir viel leichter Grenzen zu ziehen.“

Tja, aber was mache ich, wenn mein Gegner direkt auf mich zukommt. Ausweichen? Rückwärtslaufen? „Jeder hat Angst“, so Markus. Doch der, der ausweicht, macht sich selbst klein und den Gegner groß. „Jetzt hab ich ein Monster aufgebaut.“ Stattdessen sollen wir „Siegen durch Nachgeben“: Bei einem Rempler einfach locker die Schulter weggleiten lassen. „Ob der was von dir will, ist egal, weil du schon zwei, drei Schritte weg bist“, erklärt Uwe.

Um das zu üben, soll ich mich mit geschlossenen Augen gegen die Schulter schlagen lassen. Ich beuge die Knie, dreh die Füße etwas nach innen, warte auf den Schlag. Und komme mir vor wie Keanu Reeves in Matrix, als mein Oberkörper nach hinten geschleudert wird und wieder nach vorne schnellt. So schwierig ist das gar nicht.

Nicht vor Angst erstarren

Ob das allerdings klappt, wenn es hart auf hart kommt? Bei Angst neige ich dazu zu erstarren – ein Urverhalten. „Im Tierreich ist das genau dasselbe. Die Schwächeren stellen sich tot. Das ist in der Selbstverteidigung das schlechteste, was du machen kannst“, so Markus. „Die Angst kann ein wahnsinnig guter Freund sein und er kann dich komplett lahm legen. Die Frage ist, was ihr damit macht.“ Denn Angst macht hellwach. „Dann ist wichtig diese Energie nach außen zu tragen und nicht zu schlucken“, so Markus, sondern zu schreien, sich so Mut zu machen. Außerdem gehört regelmäßiges Training dazu.

In der vierten Phase des Kampfes wird es dann handgreiflich. „In dem Moment müsst ihr kämpfen wie eine Löwin um ihr Kind“, sagt unser Trainer. „Diese Wut müsst ihr aufbringen, dann könnt ihr euch effektiv verteidigen. Wenn ihr Zweifel habt, dann verliert ihr.“ Denn Selbstverteidigung ist brutal. Es gibt weder Regeln, Gewichtsklassen noch Schiedsrichter. Den Ausgang entscheidet nur der Gewinner. Doch bis es zur Kampftechnik kommt, üben wir weiter vor dem Spiegel. Denn „Selbstverteidigung beginnt bei euch im Kopf.“

Katharina Knoll

Auch interessant

Meistgelesen

Grenztunnel wird gesperrt
Grenztunnel wird gesperrt
Motorradfahrer schwer verletzt
Motorradfahrer schwer verletzt
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Alle Türen stehen weit offen
Alle Türen stehen weit offen

Kommentare