Eine bewegte Geschichte

Das Festspielhaus Füssen feiert 20. Geburtstag

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Vor 20 Jahren öffnete das Festspielhaus am Forggensee erstmals seine Pforten. Seitdem ist die Geschichte des Hauses geprägt von Höhen von Tiefen.

Füssen – Vor 20 Jahren begann mit der Uraufführung des Musicals "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies" die Geschichte des Füssener Festspielhauses. Es sollte eine bewegte Geschichte mit einigen Höhepunkten, aber auch vielen Tiefen und geplatzten Träumen werden. 

Als das Festspielhaus vor 20 Jahren für die Uraufführung des Musicals „Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies“ von Stephan Barbarino seine Pforten öffnete, fuhr die geballte bayerische Prominenz aus Funk, Fernsehen und Politik am Forggensee vor, um den Märchenkönig in dem großen Wasserbecken auf der Bühne untergehen zu sehen. Zwei Jahrzehnte später ist vom einstigen Pomp jedoch nicht mehr viel übrig geblieben. Insgesamt drei Pleiten im Zusammenhang mit dem Veranstaltungshaus sind bezeichnend für das stete Auf und Ab der vergangenen 20 Jahre. 

Geburtstagsfeier verschoben

Auch jetzt ist die Situation durch die Corona-Krise angespannt: Statt einer rauschenden Geburtstagsparty gab es einen kämpferischen offenen Brief von Geschäftsführerin Birgit Karle. „Wir sind gekommen um zu bleiben!!“, schreibt Karle darin an Unterstützer, Förderer und Fans des Hauses. Die eigentlich geplante Geburtstagsfeier sei zwar wegen der aktuellen Situation vorerst auf Oktober verschoben. Doch die Geschäftsführerin gibt sich trotzdem kämpferisch und blickt optimistisch voraus: „Die Zukunft wird sicher Gutes für und bringen! Wir haben Großes vor, wir haben einen vollen Spielplan, sind energiegeladen und voller Spannung um möglichst bald wieder ans Werk zu gehen!“ 

"Ohne Shows gibt es keine Einnahmen"

Etwas anderes als auf eine bessere Zukunft zu hoffen, bleibt dem Team um Karle und Theaterdirektor Benjamin Sahler derzeit wie vielen anderen Geschäftsleuten und Kulturschaffenden auch nicht übrig. Die Corona-Krise trifft auch das Festspielhaus mit voller Wucht: Durch die Absagen der Aufführungen bis auf weiteres sind die Ticketverkäufe eingebrochen. 

„Ohne Shows gibt es keine Einnahmen“, so Sahler. „Als nicht subventioniertes Theater müssen wir die monatlichen Kosten des Theaters weiter selbst schultern und gleichzeitig die Rückabwicklung der Tickets für die ausgefallenen Vorstellungen organisieren“, beschreibt er die Situation. 

Dabei hatte das Jahr für das Festspielhaus eigentlich gut begonnen. „Es lief in den vergangenen Monaten so vielversprechend, dass der Ausblick auf das Jubiläumsjahr allen Grund zum Jubeln versprach“, so Sahler. „Bezüglich der Finanzen war erstmals sogar die lange ersehnte schwarze Null im operativen Betrieb in Aussicht.“ Auch Geschäftsführerin Karle spricht von einer „fest angelegten und nachhaltigen Basisstruktur“. 

Das war nicht immer so. Wohl kaum ein Veranstaltungshaus steht für ein jahrelanges Auf und Ab wie das am Westufer des Forggensees direkt gegenüber von Schloss Neuschwanstein. Dabei war der Auftakt vielversprechend: Für den seinerzeit rund 37 Millionen Euro teuren Bau, der architektonisch dem Bayreuther Festspielhaus nachempfunden ist, wurde seinerzeit sogar eine künstliche Halbinsel im Forggensee aufgeschüttet. 

Dass die damals Verantwortlichen vor allem in großen Dimensionen dachten, zeigt auch die Gestaltung der Bühne. Diese installierte man drehbar und baute gleich noch ein 90.000 Liter fassendes Wasserbecken ein. Selbst eine Kutsche mit echten Pferden fuhr über die Bühne. Passend dazu wurde ein prunkvoller Barockgarten rund um das Haus angelegt. 

1,5 Millionen Besucher

Tatsächlich lief Barbarinos „Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies“ gut an. Zu jeder Aufführung kamen am Anfang mehr als 1000 Besucher - bei knapp über 1300 Sitzplätzen. Bis 2003 waren es insgesamt um die 1,5 Millionen Besucher, ehe der Vorhang zum ersten Mal fiel. Warum „Die Sehnsucht nach dem Paradies“ pleite ging, ist bis heute nicht wirklich klar. Spekuliert wird, dass mehrere Faktoren wie zu hohe Kosten bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen mit strategischen Fehlern zusammen kamen. 

Eine Gruppe Allgäuer Investoren übernahm schließlich das leer stehende Schmuckstück und holte den hessischen Produzenten Gerd Fischer ins Boot, um ein neues Ludwig-Musical am Forggensee ins Leben zu rufen. Im März 2005 feierte „Ludwig2 – Der Mythos lebt“ seine Uraufführung. Im Zentrum der Aufführung stand die Frage, ob der Märchenkönig Opfer eines Mordkomplotts wurde. Schon bald ließ das Interesse des Publikums aber wieder nach und bereits zwei Jahre später, im März 2007, war erneut Schluss. 

Die Diskussion darüber, ob es schlicht und ergreifend nicht möglich ist, im Allgäu weitab von den großen Metropolregionen wie München oder Nürnberg mit einem Musical tatsächlich Geld zu verdienen, war fortan aber nicht mehr einzufangen. Mögliche Investoren und die mittlerweile alarmierte Politik suchten seitdem nach Möglichkeiten, das Haus langfristig wirtschaftlich abzusichern. Bald waren sich alle einig: Ohne eine Hotel wird dieses Ziel wohl unerreichbar bleiben. 

Musical-Reaktivierung dank Crowdfunding-Aktion

Das Haus selbst führte bis 2015 ein tristes Dasein. Während im Inneren Show-, TV- und Musicalproduktionen aufgeführt oder aufgezeichnet wurden, verfiel die schicke Hülle zusehends. Erst 2015 tauchte in Gestalt von Benjamin Sahler ein Licht am Ende des Tunnels auf: Mit Hilfe einer großen Crowdfunding-Aktion schaffte es der Produzent und Regisseur, das Musical „Ludwig2 – Der König kommt zurück“ auf die Beine zu stellen. 

Ironie der Geschichte: Kaum war die erste Staffel absolviert, mussten die Eigentümer des Hauses, Geschäftsleute aus Kempten, schon wieder Insolvenz anmelden. Jetzt schlug die Stunde des gebürtigen Marktoberdorfers Manfred Rietzler. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kaufte er zusammen mit einem Konstanzer Geschäftsmann das Festspielhaus. 

Auf eigene Kosten ließ Rietzler das Haus und die Technik renovieren, machte Sahler zum Theaterdirektor und brachte frischen Wind an das Westufer des Forggensees. Sahler holte in der Folgezeit weitere Produktionen auf die Bühne und stellte mit „Die Päpstin“ ein weiteres Musical auf die Beine. 

Hotel-Pläne liegen auf Eis

Für das Jubiläumsjahr 2020 waren mit „Ludwig2“, „Die Päpstin“, „Der Ring“ sowie „Zeppelin“ sogar vier Musicals geplant. Nach Ansicht Sahlers hätte das laufende Jahr das erfolgreichste in der Geschichte des Hauses werden können. Trotz dieser ohne Zweifel positiven Entwicklung blieb es schwierig, das Haus kostendeckend zu betreiben. Auf rund eine Million Euro belief sich allein im vergangenen Jahr das Defizit, wie sich im Zuge der Diskussion um den Neubau eines Fünf-Sterne-Hotels am Festspielhaus herausstellte. Der Bau des Hotels sei unbedingt notwendig, um das Veranstaltungshaus langfristig wirtschaftlich abzusichern, argumentierten Rietzler und die Hotel-Befürworter. 

Zwar glich Investor Rietzler das Minus aus der eigenen Schatulle aus. Doch nachdem er auf Druck von Naturschützern und Bevölkerung seine Hotel-Pläne vorerst auf Eis legte, zog er sich auch offiziell aus dem Geschäft zurück – mit klaren Sparvorgaben an Karle und Sahler. 

Neue Zuversicht kam im Februar auf, als Ministerpräsident Markus Söder bei einer Wahlkampfveranstaltung der Füssener CSU seine Unterstützung für das Haus zusicherte. „Ich kann mir vorstellen, dass große Ensembles, die in München auftreten, auch mal in Füssen auftreten“, sagte der Ministerpräsident. „Da bin ich gerne bereit mit zu helfen!“ Hochkultur dürfe es nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch auf dem Land geben.  

Wie es nun weiter gehen wird, ist derzeit offen. Sahler sieht die Politik in der Pflicht, dem Haus zu helfen. „Ohne öffentliche Fördergelder wir das Theater langfristig nicht bestehen können!“ Gleichzeitig hat er eine Solidaritätsaktion mit Ticket-Gutscheinen gestartet. 

„Wir hoffen, dass bald wieder Normalität einkehrt und der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann“, so der Theaterdirektor. „Unser Team wird alles dafür tun, dass wir das Programm wie geplant weiterführen können.“

Matthias Matz

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