Viele Gäste, wenig Umsatz

Untersuchung: Füssen wird nicht wirklich als Einkaufsstadt wahrgenommen

+
Wo im Sommer dichtes Gedränge unter den Passanten herrscht, ist im Winter kaum etwas los – die Füssener Reichenstraße.

Füssen – 2,5 Millionen Tagesbesucher, 1,3 Millionen Übernachtungen, 209 Millionen Euro Umsatz allein in 2016 und eine seit 2012 stetig steigende Kaufkraft – die Rahmendaten der Innenstadt sind an und für sich stark.

Das geht aus einer Untersuchung der Stadt Füssen, IHK Schwaben, Uni Augsburg und Hochschule Kempten zur Entwicklung der Innenstadt hervor, die Prof. Dr. Alfred Bauer und Dr. Markus Hilpert jetzt einem kleinen Kreis aus Politik und Wirtschaft im Sparkassensaal vorstellten. Allerdings wird das Potenzial nicht ausgeschöpft. 

„Innenstädte im ländlichen Raum – Perspektiven und Handlungsempfehlungen für das Ortszentrum Füssen“ heißt die Untersuchung, die die Studenten der Uni Augsburg und der Hochschule Kempten in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit mit der Stadt Füssen und der IHK erarbeitet haben. 

Die Studie soll zum einen auf Basis von Fakten den Ist-Zustand deutlich machen und zum anderen künftige Entwicklungen aufzeigen, um die Wettbewerbsfähigkeit Füssens zu steigern (der Kreisbote berichtete). „Wir wollen die Innenstadt stärken“, betonte Bürgermeister Paul Iacob (SPD). Gemeinsam mit den örtlichen Verbänden wie BdS oder Werbegemeinschaft sollen nun auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse in Workshops konkrete Handlungsempfehlungen und Schritte erarbeitet werden. „Uns ist es wichtig, dass es schnell in die Umsetzung geht“, appellierte Prof. Dr. Alfred Bauer von der Hochschule Kempten. 

Um dafür möglichst viele belastbare Daten zu gewinnen, haben Studenten der Fakultät Tourismus an der Hochschule und des Instituts für Geographie an der Uni Augsburg unter anderem seit April vergangenen Jahres Passanten gezählt, Einwohner befragt, statistische Analysen der Zahlen des Jahres 2016 vorgenommen und das Tourismuskonzept evaluiert. Das Fazit von Prof. Dr. Bauer: „Sie sind auf einem sehr sehr guten Weg!“ 

Doch wo viele Stärken sind, sind auch einige Schwächen. So gab Bauer zu bedenken, dass die sogenannte Tourismusintensität in der Hauptsaison sehr hoch sei. Demnach kommen 70 Prozent aller Gäste im Sommer, aber nur 30 Prozent im Winter. Zwei Drittel der Gäste seien darüber hinaus sogenannte Tagesreisende. Die Folge: die Mehrheit der befragten Einheimischen empfindet die Stadt in der Hauptsaison als überlaufen. „Noch ist alles im grünen Bereich“, sagte dazu Prof. Bauer. „Aber währet den Anfängen!“ 

Licht und Schatten

Es stelle sich daher die Frage, wie die hohe Belastung im Sommer entzerrt werden könne. Als Zielmarke gab Bauer ein Verhältnis von 60 Prozent zu 40 zwischen Sommer und Winter vor. Untersucht haben die Studenten auch die Stärken und Schwächen der Stadt. 

Zu den Stärken zählen demnach unter anderem die Anbindung an die Ferienstraße, eine schöne Altstadt, das romantische Flair und die hohe Internationalität. Als Schwäche werden dagegen die starke Saisonalität, die hohe Verkehrsbelastung, die Überlastung der Fußgängerzone in der Hauptsaison, die kurze Aufenthaltsdauer der Gäste und Schloss Neuschwanstein als Hauptreisegrund wahrgenommen. Überhaupt sei das Märchenschloss der Besuchermagnet schlechthin. Allerdings sollten Touristen darüber hinaus motiviert werden, nach Füssen zu kommen. „Am Qualitätstourismus wird kein Weg vorbeigehen“, sagte Prof. Dr. Bauer. 

Doch wie könnte die künftige touristische Entwicklung der Lechstadt aussehen? 

Auch darüber haben sich Bauers Studenten Gedanken gemacht. Eine Vision sei demnach die „Chinatown im Allgäu“ gewesen, die aber schnell wieder verworfen wurde, wie Bauer schmunzelnd berichtete. Nicht durchsetzen konnte sich auch das Leitbild „Das Romantikparadies“. Geeinigt habe sich die Gruppe schließlich auf „Die romantische Seele Bayerns“. 

Daraus abgeleitet ergäben sich aus touristischer Sicht folgende Ziele für die Innenstadt:

 • die Innenstadt als „romantischer Erlebnisraum“ 

 • die Erlebbarmachung der Innenstadt

 • die Entzerrung der Besucherströme. 

Auf die Situation des innerstädtischen Einzelhandels ging Dr. Markus Hilpert vom Institut für Geographie der Uni Augsburg ein. Auch hier sind die von seinen Studenten ermittelten Rahmendaten auf den ersten Blick zunächst einmal gut. So biete die Innenstadt einen guten und funktionalen Mix, der Leerstand liege bei lediglich vier Prozent und in Spitzenzeiten im Sommer seien über 15.000 Passanten an einem Tag in der Innenstadt gezählt worden. „Das zeigt die Attraktivität der Innenstadt“, sagte Hilpert. 

Kritische Füssener

Die Besucherströme konzentrierten sich aber vor allem auf die Reichenstraße. In den Parallelstraßen, insbesondere im östlichen Teil im Bereich der Drehergasse, sei dagegen wenig los. In dieser und der Klostergasse müsse also etwas geschehen, mahnte Hilpert. Bitter für die örtlichen Einzelhändler: Als Einkaufsstadt werde Füssen trotz stetig wachsender Kaufkraft nicht wahrgenommen. Von den 209 Millionen Euro Umsatz in 2016 entfielen 42,5 Millionen auf die Einzelhändler. Rund 30 Prozent der Einheimischen und Besucher kaufen demnach bei einem Besuch der Innenstadt überhaupt nichts ein. „Dass viele Gäste wenig Geld ausgeben, ist erschreckend!“ 

Vielmehr würden die Besucher zum Bummeln, wegen der Sehenswürdigkeiten und Schönheit der Altstadt sowie der Gastronomie kommen. „Es ist sicherlich Potenzial da, aber es muss etwas passieren“, mahnte Hilpert. Ein Grund für dieses durchwachsene Abschneiden sei sicherlich auch der starken Konkurrenz durch Städte wie Kempten, Marktoberdorf und Reutte geschuldet. Auffallend sei auch, dass Ortsansässige und Tagesbesucher aus der umliegenden Region Allgäu das Angebot sowohl von Einzelhandel als auch Gastronomie (z. B. zu viele Imbisse) viel kritischer bewerten würden als auswärtige Gäste. Vor allem die Öffnungszeiten, Dienstleistung und eine fehlende Vielfalt des Angebots werden von den Befragten kritisiert, so Dr. Hilpert weiter. Bemängelt werden demnach auch die Parkplatzsituation, das Fehlen von Bars und Cafès und zu wenig Möglichkeiten für junge Leute.

mm

Auch interessant

Meistgelesen

Umfrage: Neuer Kiosk für das Weißenseer Strandbad? – Stimmen Sie ab!
Umfrage: Neuer Kiosk für das Weißenseer Strandbad? – Stimmen Sie ab!
Derblecken sorgt für viele Lacher
Derblecken sorgt für viele Lacher
2440 Unterschriften für ein Bürgerbegehren
2440 Unterschriften für ein Bürgerbegehren
Dschungelcamp und rosa Einhörner
Dschungelcamp und rosa Einhörner

Kommentare