»Das ist extrem frustrierend«

Enorme Verluste: Corona-Krise trifft Füssener Tourismus bis ins Mark

Passanten in Füssener Fußgängerzone
+
Im Sommer war die Füssener Fußgängerzone und damit die Hotels noch voll. Doch für den Herbst sind die Aussichten trübe.

Füssen – Die Corona-Krise trifft die Start Füssen hart. Wie hart genau, das hat Füssens Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier am Dienstag in der Sitzung des Stadtrates aufgezeigt.

So musste die Lechstadt, deren wichtigster Wirtschaftsfaktor der Tourismus ist, einen Umsatz­ausfall von ca. 28,8 Millionen Euro während des Shutdowns im März und April verkraften. Und mit den derzeit ansteigenden Infektionszahlen im Landkreis, wo die Corona-Ampel mittlerweile auf rot steht, droht der nächste Tiefschlag. „Füssen wird gerade durchstorniert“, informierte der Tourismusdirektor.

Dabei fing das Jahr gut für die Branche an. Im Januar und Februar verzeichnete Füssen Tourismus und Marketing (FTM) mehr Gästeankünfte und -übernachtungen als im Vorjahr. Doch im März erreichte die Corona-Pandemie ihren ersten Höhepunkt – mit all ihren Konsequenzen. Schulen und Geschäfte wurden geschlossen, Hotels standen nur noch Geschäftsreisenden offen. Erst ab dem Pfingstwochenende durften Letztere erneut Urlaubsgäste beherbergen. Von da an kamen auch wieder mehr und mehr Touristen in die Lechstadt, bis sich die Hoteliers im August und September sogar über höhere Übernachtungszahlen als im Vorjahr freuen konnten. „Die Gastro kam gut in der Hauptsaison zurande“, fügte Fredlmeier hinzu.

Bei den Gästeankünften verzeichnete FTM in dieser Zeit allerdings immer noch ein Minus. Denn der Auslandstourismus sei in vielen Bereichen zum Erliegen gekommen, so Fredlmeier. Das bedeutet: Viel weniger Gäste, die normalerweise nur eine Nacht in Füssen verbringen, reisten an, dafür nahm die Nachfrage aus dem Inland stark zu. Wie auch 2019 stammten die meisten Gäste aus Baden-Württemberg und Bayern. Den stärksten Zuwachs verzeichnete die Lechstadt jedoch bei den Urlaubern aus Berlin (Ankünfte: Plus 81,27 Prozent; Übernachtungen: Plus 57,18 Prozent), Hamburg (Ankünfte: Plus 12,9 Prozent, Übernachtungen: Plus: 18,9 Prozent) und Sachsen (Ankünfte: Plus 15,11 Prozent; Übernachtungen: Plus 13,48 Prozent). „Das hat uns aufgefangen, aber nicht gerettet.“

So verzeichnete FTM bis Ende September fast 250.000 und damit gut 20 Prozent weniger Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Und das belastet auch den Haushalt des städtischen Eigenbetriebs in Höhe eines deutlich sechsstelligen Betrags. Schließlich setzt sich dieser fast nur aus Beiträgen aus dem Übernachtungstourismus zusammen. Und das lasse sich auch nicht durch Einsparungen ausgleichen, erklärte der Tourismusdirektor.

Gleichzeitig sei Füssen in der Hauptsaison von Tagesausflüglern geradezu überschwemmt worden. Vielen Einheimischen wurde das zu viel. „Corona hat das Brennglas darauf gelegt“, so der Tourismusdirektor. „Ich sehe die Probleme.“ Allerdings machte der Tagestourismus im vergangenen Jahr ebenfalls bereits 30,6 Prozent des Umsatzes in der Tourismusbranche aus. Das waren 70 Millionen Euro, wie eine Untersuchung des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr (dwif) ergeben hat. „Das ist nicht zu verachten“, so Fredlmeier, vor allem für den Füssener Einzelhandel. Denn 36,1 Prozent davon wurde dort erzielt, 32,5 Prozent im Dienstleistungssektor und 31,4 Prozent im Gastgewerbe.

Im vergangenen Jahr war „alles noch in Ordnung“, blickte der Tourismusdirektor zurück. Mit 2,5 Millionen Tagesreisen und rund 1,4 Millionen Übernachtungen war der Tourismus in der Lechstadt noch „sehr gesund und robust“. Dieser hatte einen Umsatz von 229 Millionen Euro erzielt, 56,7 Prozent davon in gewerblichen Übernachtungsbetrieben. Doch auch für den Einzelhandel und den Dienstleistungssektor ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Er brachte dem Einzelhandel 2019 einen Umsatz von 43,9 Millionen Euro.

Der Dienstleistungssektor erzielte dadurch sogar 59,1 Millionen Euro. „Da bleibt schon wirklich Geld in der Stadt“, betonte Fredlmeier. „Ein Viertel der Gewinne und Gehälter in der Stadt kommen aus dem Tourismus. Das ist viel.“ Demnach machte der touristische Einkommensbetrag insgesamt 114,6 Millionen Euro aus, was ungefähr dem Gehalt von 3850 Personen entspreche. „Bei rund 16.000 Einwohnern ist das beachtlich“, kommentierte der Tourismusdirektor.

Talfahrt geht weiter

Die Corona-Krise hat dieses Gefüge jedoch ordentlich durchgeschüttelt. Durch den Lockdown im März und April mussten die Geschäfte und Betriebe in der Lechstadt einen Umsatzausfall von rund 28,8 Millionen Euro hinnehmen. „Das hat kolossal eingeschlagen in die Wirtschaftskraft. Das ist wirklich, wirklich heftig“, verdeutlichte Fredlmeier.

Nach einem kurzen Hoch im August und September scheint jetzt die Talfahrt weiterzugehen. Nach dem Beherbergungsverbot, das den Hoteliers extrem weh getan habe, steht nun die Corona-Ampel für den gesamten Landkreis auf rot. Die Folge sei eine Stornierungswelle. Nur ganz wenige Betriebe hätten noch eine einigermaßen stabile Buchungslage wie beispielsweise der Campingplatz in Hopfen. Bei den meisten gebe es kaum noch Buchungen, im Gegenzug jedoch ständig Stornierungen.

„Der Herbst wird uns komplett verhagelt“, so Fredlmeier. „Das ist extrem bedenklich.“ Viele würden ihre Unterkünfte, anders als geplant, deshalb doch in den Herbstferien schließen. Dabei hätten sich die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Beherbergungsbetriebe im Sommer bewährt. Verschlechtere sich jedoch die Infektionslage in der Region, bekommt die Branche das als Erstes zu spüren. „Da können wir uns im Tourismus noch so sehr um Sicherheit bemühen, wir haben keine Chance. Das ist extrem frustrierend.“ Demnach habe jetzt das Verhalten jedes Einzelnen in der Pandemie Auswirkungen auf die Arbeitsplätze im Tourismus.

kk

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Illegales Glücksspiel: Über 100 Polizisten durchsuchen Gaststätten und Wettbüros in Füssen und Nesselwang
Illegales Glücksspiel: Über 100 Polizisten durchsuchen Gaststätten und Wettbüros in Füssen und Nesselwang
Wettbewerb um die geplante Wohnanlage – Drei Architekturbüros überzeugen
Wettbewerb um die geplante Wohnanlage – Drei Architekturbüros überzeugen
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenzen klettern über 50er-Marke
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenzen klettern über 50er-Marke
Gut Kinsegg feiert Geburtstag
Gut Kinsegg feiert Geburtstag

Kommentare