Füssens Tourismuschef warnt vor Panikmache

Coronavirus: Sorgen bei den Füssener Hoteliers

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Schloss Neuschwanstein ist ein Publikumsmagnet für Touristen aus China. Heuer werden die Zahlen wegen des Coronavirus aber wohl rückläufig sein.

Füssen/Hohenschwangau - Eine vergangene Woche in Hohenschwangau verstorbene Touristin aus Wuhan war nicht mit dem Coronavirus infiziert. Bei den Hoteliers in Füssen geht trotzdem die Sorge um. 

Füssen – Auf dem Rückweg zum Bus, der am frühen Freitagabend vergangener Woche auf dem Parkplatz P4 in Hohenschwangau auf die Reisegruppe aus China wartete, passierte es: Der Gesundheitszustand einer 65 Jahre alten Touristin verschlechterte sich plötzlich rapide, die Frau kollabierte. Trotz der Reanimationsversuche des Notarztes verstarb sie kurz darauf. 

Für die Einsatzkräfte von Rettungsdienst und Polizei war das der Beginn einer langen Nacht – die Reisende kam aus Wuhan, der Stadt in China, wo das derzeit grassierende Coronavirus wohl seinen Ursprung hat. Erst am Morgen stand fest: die Frau ist nicht dem Virus zum Opfer gefallen. Die Tourismusbranche in Füssen ist dennoch in Sorge. 

Was für die nach dem Tod der Frau herbeigerufene Streife der Füssener Polizei zunächst nach einem harmlosen Einsatz klang, sollte schnell zu einem Krimi werden. Weil die Todesursache ungeklärt war, riefen die Füssener Beamten routinemäßig die Kollegen des Kriminaldauerdienstes in Memmingen, um die weiteren Untersuchungen zu übernehmen. „Bei den Ermittlungen hat man festgestellt, dass die Frau aus Wuhan kommt“, schildert Füssens Polizeichef Edmund Martin den Einsatz. Und: „Eine Infektion war aufgrund der Umstände nicht auszuschließen.“ 

In höchster Alarmbereitschaft setzten die Polizisten die vorgegebene Meldekette in Gang – bis hin zum Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in München. Erst morgens gegen vier Uhr gaben die Experten der dortigen Task Force Infektiologie Entwarnung: „Es gab keinen Hinweis auf das Coronavirus“, so Martin. 

Auch wenn bei den Einsatzkräften die Erleichterung groß ist – die Tourismus- und Hotelbranche in Füssen, insbesondere die, die sich auf Touristen aus China spezialisiert hat, reagiert mit Sorge auf die jüngsten Entwicklungen im Reich der Mitte. Immerhin übernachten nach Angaben von Füssens Tourismuschef Stefan Fredlmeier über 70.000 Chinesen jährlich in der Lechstadt. 

Eines der betroffenen Hotels ist das Europapark-Hotel in Bad Faulenbach. „Ich stehe da voll und ganz hinter der Entscheidung der Volksrepublik China“, sagte dessen Direktor Fabian Geyer zum Pauschalreise-Verbot der Chinesen. Auch wenn es für ihn bedeute, dass nun rote Zahlen geschrieben werden. Denn nach einem Rückgang der Gästezahlen aus der Volksrepublik Anfang der Woche kamen mittlerweile weitere Stornierungen für Februar und Teilstornierungen bereits für März rein, berichtete der Hotelier.

Das Ausmaß der Verluste sei jedoch noch nicht abzuschätzen. Durch die Quarantänemaßnahmen in den betroffenen Gebieten können „die Partner vor Ort auch gar keine Auskunft geben. Die Büros wurden geschlossen, wir können da niemanden erreichen“, berichtet Geyer. Zu den eingegangenen Absagen werden also wahrscheinlich Stornierungen hinzukommen, die nicht kommuniziert werden konnten. 

Auf alles vorbereitet

Um wirklich alles in seiner Macht stehende zu tun, holte sich Geyer Rat bei einem Facharzt. Eine weitere Reaktion auf die Gefahr für Gäste und Personal war, dass komplette Zimmerreinigungskonzept umzustellen. Ein enormer Mehraufwand für sein Personal, zeitlich und arbeitstechnisch. Aber, so sagte der Hotelchef „Better safe than sorry!“ 

Seitdem werden täglich sämtliche Räume des Hotels, sogar die Zimmerschlüssel, mit einem speziellen Mittel desinfiziert. „Jeden Tag versprühen wir zehn Liter Desinfektionsmittel.“ Dieses müsse 15 Minuten einwirken, bevor die eigentlichen Reinigungsarbeiten beginnen. Alles verschiebt sich dadurch um eine Stunde.

 Um die Desinfektion vornehmen zu können, müsse der Hotelier sogar jeden Tag bei der Firma seiner „modernen und deshalb sehr empfindlichen Brandmeldeanlage“ anrufen, um diese für den Zeitraum des Versprühens zu sperren. Die Firma liefert zusätzlich Einmalhandschuhe, Mundschutz und er trage selbst nun mit sich Handdesinfektionsmittel „To Go“. Diese Hilfsmittel zum Schutz vor Ansteckung bekommen alle Gäste des Hotels. 

Geyers schlimmste Befürchtung „im ökonomischen Sinne“ sei nun, „dass es die Hauptsaison verhagelt.“ Die beginnt bereits im April. Das würde vor allem von der Entscheidung Chinas abhängen, ab wann die Ausreise wieder genehmigt wird. Er versuche nun, anderen Partnern Angebote zu machen. Das sei jedoch zu spontan und es sehe eher so aus, dass die Zimmer womöglich leer stehen bleiben. Mit einer Entschädigung könne er nicht rechnen. „Da muss ich jetzt wohl in den sauren Apfel beißen“, sagte Geyer. 

Keine konkreten Zahlen

Auch Schloss Neuschwanstein bekommt die Auswirkungen der Krise in Fernost derzeit zu spüren - wenn auch nicht gravierend. Franziska Wimberger, Pressesprecherin der Bayerischen Schlösserverwaltung in München, konnte unter der Woche zu den aktuellen Besucherzahlen und Stornierungen für das Märchenschloss zwar keine konkreten Zahlen nennen. "Aktuell verzeichnen wir für Führungen im Februar durch das Schloss Neuschwanstein nur wenige Stornierungen von Gruppen aus Asien. Auf Grund des starken Tagestourismus sind die Führungen in Schloss Neuschwanstein nach wie vor gut ausgelastet, auch durch asiatische Gäste. Auch bei anderen Objekten der Bayerischen Schlösserverwaltung ist derzeit kein Rückgang der Besucherzahlen zu verzeichnen", teilte sie mit. 

Füssens Tourismuschef Stefan Fredlmeier warnt unterdessen vor Panikmache. Zwar stehe man derzeit „vor einer Situation, die in den Dimensionen relativ unklar ist“. Gleichwohl sei die Ansteckungsrate in China im Verhältnis zur Bevölkerung eher gering. Die alljährliche Grippewelle in Deutschland fordere regelmäßig deutlich mehr Opfer als das neue Lungen-Virus aus Fernost bislang. „Rein psychologisch schwappt aber Besorgnis rüber“, sagte er. 

Dass dadurch weniger innländische, europäische oder angloamerikanische Touristen nach Füssen kommen, glaubt er nicht. Denn im Gegensatz zu Terroranschlägen oder Naturkatastrophen, „haben die Leute keine Angst, hier her zu kommen. Diesmal hat das Herkunftsland Angst, zu uns zu kommen“. So treffe die derzeitige Krise vor allem diejenigen Hotels in Füssen, die sich auf China spezialisiert haben. „Es gibt Betriebe, die gar nicht betroffen sind, andere dagegen massiv!“ 

Wie sich die Situation für die Hotellerie und auch für den Einzelhandel weiter entwickeln werde, könne derzeit verlässlich nicht vorhergesagt werden. Die Frage sei: „Wie entwickelt sich das Virus in China und vielleicht auch in Europa?“ Die Stadt Füssen sei jedenfalls auf einen möglichen Coronavirus -Fall vorbereitet. Es seien bereits Gespräche mit der Polizei und dem Krankenhaus geführt worden. Auch seine Mitarbeiter habe Stefan Fredlmeier sensibilisiert. „Wer besorgt ist: ab ins Krankenhaus!“, so seine Empfehlung. Dieses sei darauf vorbereitet.

Matthias Matz/Selma Höfer

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