Afrika muss sein Potenzial nutzen

Globalisierungsdebatte in Pfronten: "Eine unglaubliche Chance"

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Sieht in der Globalisierung vor allem Chanen: Entwicklungsminister Gerd Müller in Pfronten.

Pfronten – Ein klares Bekenntnis zum fairen und nachhaltigen Handel sowie zur Verantwortung der Industrienationen beim Klimawandel hat Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller (CSU) jetzt in der Kantine der Firma Deckel Maho Pfronten abgelegt.

Nachdem er zur Wiedereröffnung des Weltladens in Pfronten gekommen war (der Kreisbote berichtete), hielt er in der Unternehmenskantine einen Impulsvortrag, ehe er sich den Fragen der Pfrontener zum Thema kommunales Engagement in der Entwicklungspolitik stellte. „Wirtschaftlich gesehen waren die letzten 20 Jahre die besten Jahre“, erklärte Müller und spannte einen weiten Bogen vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart. Klar sei aber auch, dass man alles noch besser machen könne, so der Entwicklungsminister.

So habe Deutschland derzeit mit Nachwuchsproblemen in der Wirtschaft, der medizinischen Versorgung in ländlichen Gebieten und Altersarmut zu kämpfen. Deshalb sei ein Mindestlohn für Azubis, die Mütter- und Grundrente „wichtige Themen, die wir auf den Weg gebracht haben“, so Müller. Gerade Letzteres sei für das Allgäu „dringend notwendig“ gewesen, da hier viele Frauen für die Erziehung der Kinder daheim geblieben sind. 

Diese Einführung sei „eine Anerkennung der Lebensleistung“, ist der Entwicklungsminister überzeugt. Speziell fürs Allgäu sah er aber noch Handlungsbedarf in der Modernisierung der Bahnstrecken, im bezahlbaren Wohnraum und der Versorgung älterer Menschen. „Da gibt es einen enormen Problemstau in vielen Bereichen“, so Müller. Zudem forderte er: „Die Bahn muss umrüsten.“ Es könne nicht sein, dass die Bahnstrecken in Österreich elektrifiziert werden und ab der Grenze bei Pfronten soll das nicht mehr möglich sein, sagte Müller wofür er Zwischenapplaus vom Publikum erhielt. 

Beim Thema Sicherheit und den Klimawandel sah er den Schlüssel in den Entwicklungen der Schwellen- und Entwicklungsländern. „Wichtig aus deutscher Sicht ist, dass der Libyen-Konflikt gelöst wird“, appellierte Müller. Denn Tausende Flüchtlinge und Migranten in den Gefangenenlagern sähen ihre einzige Überlebenschance darin, nach Europa auszuwandern. 

Gleiches gelte für die „Klimaflüchtlinge“, die durch zunehmende Trockenheit und Hitze keine Lebensgrundlage in ihren Heimatländern mehr hätten. In manchen afrikanischen Ländern würden die Temperaturen neuerdings auf bis zu 50 Grad klettern, so Müller. 

Zudem habe es in manchen Gegenden Afrikas seit Jahren nicht mehr geregnet. „Da ist kein Leben mehr möglich. Der Klimawandel dort ist dramatisch.“ Den Menschen bleibe nur noch die Flucht. Mit der Folge, dass beispielsweise Äthiopien mittlerweile eine Million Flüchtlinge beherberge, viele aus Somalia und dem Sudan. 

"Klima gehört allen!"

Dabei hätten die Industrienationen größtenteils den Klimawandel ausgelöst. Während diese einen CO2-Ausstoß von zehn Tonnen pro Kopf verzeichnen, liege Äthiopien gerade einmal bei 0,2 Tonnen pro Kopf – dabei seien sie die Leidtragenden. Deshalb müssten die Industrienationen mit ihrem Wissen und Technologien dafür sorgen, dass Afrika zum grünen Kontinent werde. 

Denn „der Klimawandel entscheidet sich in den Entwicklungsländern“. Deutschland trage gerade einmal zwei Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei, während China bei 27 Prozent liege. Und 60 Prozent der Afrikaner seien derzeit noch gar nicht an das Stromnetz angeschlossen, eine Situation wie vor 120 Jahren in Pfronten. Gleichzeitig sitzen sie auf großen Kohle-, Öl- und Gasvorkommen. 

Wenn jeder Afrikaner eine Steckdose bekommt, müssten 1000 Kohlekraftwerke gebaut werden. „950 sind bereits in Bau und in Planung“, warnte Müller. Im Vergleich dazu sollen in Deutschland gerade einmal 20 Kraftwerke vom Netz genommen werden. „Das Klima gehört allen!“ Deshalb müsste das Problem international gelöst werden. 

„Die Globalisierung ist eine unglaubliche Chance.“ So könnte Afrika beispielsweise zur Energiegewinnung Biomasse verwenden. Der Rohstoff dafür sei durch Plantagen reichlich vorhanden. Dazu komme die Energie aus der Sonne-, Wind- und Wassernutzung. „Es ist wichtig, den 'New Green Deal' auf Afrika zu übertragen“, forderte Müller. 

Großes Potenzial

Große Sorge bereitet dem Allgäuer Politiker dagegen der derzeitige Hype um die E-Mobilität. Sollte sich der im großen Stil durchsetzen, müsste erst einmal der Strom für Millionen von Autos produziert werden. Die Lösung sah er dagegen im grünen Methanol. Denn bereits jetzt könnten Fahrzeuge mit bis zu 50 Prozent Methanol angetrieben werden. „Wir könnten unsere Autos weiterfahren und das CO2-neutral.“ 

Eine weitere Herausforderung der Zukunft sah der Entwicklungsminister in der Bevölkerungsexplosion Afrikas. In den vergangenen 40 Jahren habe sich beispielsweise die Bevölkerung des Kongos vervierfacht. Zum einen müsse man hier auf die Familienplanung setzen. Neben der Aufklärung von Mädchen und Jungen, der Zugang zu Verhütungsmitteln sei auch die Stärkung und Selbstbestimmung der Frauen entscheidend.

„Eine Welt ohne Hunger ist möglich, mit unseren Technologien. Jedes afrikanische Land hat das Potential sich selbst zu ernähren“, ist Müller überzeugt. Dafür müsse man aber die Produktivität in der Landwirtschaft anpassen. Und das sei durch verbessertes Saatgut oder Viehzüchtungen, Technik und Bildung der Jugend möglich. Denn viele afrikanische Länder wären in der Landwirtschaft auf dem technologischen Stand wie Deutschland in den dreißiger Jahren. „Es gibt immer eine Zukunft, aber wir müssen die Weichen dafür stellen.“ Und das jetzt sofort, denn sonst sei es zu spät.

kk

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