Diskussion über Afrika und die Globalisierung

Diskussion in Pfronten: China und die neue Form des Kolonialismus

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Alfred Geißler (links), Geschäftsführer von Deckel Maho Pfronten, begrüßt Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller, Pfrontens Bürgermeisterin Michaela Waldmann und Bundestagsabgeordneter Stephan Stracke (alle CSU) zur Diskussion in der Kantine seines Unternehmens.

Pfronten – Zur Diskussion mit Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller (CSU) zum Thema kommunales Engagement in der Entwicklungspolitik waren jetzt zahlreiche Pfrontener aber auch Engagierte aus der näheren Umgebung in die Deckel-Maho-Kantine gekommen.

Sie beschäftigte neben der Produktionssteigerung in der Landwirtschaft und der Bildung junger Menschen in der Dritten Welt, auch das Engagements Chinas in Afrika, neue Technologien, die Verpflichtung zum Fairen Handel und Probleme bei privaten Entwicklungsprojekten. 

Das Verfahren „Power-to-Gas“ fand Reiner Augsten „eine tolle Lösung.“ Er wollte deshalb wissen, warum es nicht bei den Offshore-Windparks an der Nordsee eingesetzt werde. Denn diese würden ihren Strom unter großen Leitungsverlusten in den Süden transportieren. „Ich kann sie beruhigen“, sagte Müller. Bei der Wasserstoffstrategie der vier Ministerien „haben wir genau Ihr Thema aufgegriffen. Bei den Offshore-Windparks, da sind wir dran.“ 

Ein anderes Thema beunruhigte dagegen Inge Herz, die sich im Senegal engagiert und nach eigenen Angaben dort bereits eine Schule, ein Waisenhaus und 17 Brunnen gebaut und viele Bäume gepflanzt habe. Müllers Appell zu mehr Technik in der afrikanischen Landwirtschaft mache ihr Angst, erklärte sie. Denn wenn Bauern genetisch verändertes Saatgut benutzen, müssten sie nach der Ernte erneut Saatgut kaufen. „Wir müssen schauen, dass wir die Ärmsten versorgen“, appellierte sie. 

Diese müssten so viel Getreide und Gemüse anbauen und ernten können, damit sie genug zu essen und noch etwas zu verkaufen hätten. „Das ist das Ziel. Wir bekommen keine stabilen Regierungen, wenn wir uns nicht um die Ärmsten kümmern“, appellierte sie. 

Toller Ansatz

„Ihr Ansatz ist toll“, erwiderte Minister Müller. „Das, was Sie machen, ist auch meine Philosophie.“ Um die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft zu steigern, seien aber keine gentechnisch veränderten Pflanzen nötig, sondern endemische Pflanzen, die den dreifachen Ertrag bringen würden. „Afrika und Indien haben alles an Pflanzen vor Ort.“ 

Und auch die Bildung der Jungend, vor allem die berufliche Ausbildung in der Landwirtschaft, sei entscheidend. Seinen weiteren Fokus setzte Müller auf die Weiterverarbeitung der Produkte. So hätten Indien und Nepal über 50 Prozent Ernte-Verluste, weil die weiteren Produktionsstufen in den Ländern nicht vorhanden seien. 

Hier setzt er auf Förderprogramme, die beispielsweise die Gründung von Genossenschaften ermöglichen, sagte das Allgäuer Kabinettsmitglied und ging damit auf Brigitte Reininger-Fadens Frage ein, die sich selbst bei „Nepal Medical-Careflight“ engagiert. 

So könnten gut ausgebildete Fachkräfte dazu animiert werden, im eigenen Land zu bleiben und dort einen eigenen Betrieb aufzubauen. Mit einem Sieben-Millionen-Euro-Kredit hätten heimische Unternehmer beispielsweise eine Mangofabrik in Kenia bauen können, die 300.000 Familien nun Mangos zu festen Preisen abnehmen. Gleiches sei für den Bau von Silos denkbar. „Das ist der Schlüssel, um aus dem Hunger herauszukommen. Es darf nicht sein, dass diese Länder nur die Rohprodukte herstellen“, so Müller. 

Sorge wegen China

Sorgen über das massive Engagement Chinas, das im großen Stil afrikanischen Boden aufkaufe und riesige Kredite gewähre, machten sich die Pfrontener Gemeinderäte Dr. Otto Randel („Pfrontner Liste“) und Peter John (SPD). „Die Chinesen betreiben eine neue Form des Kolonialismus“, bestätigte Müller. Diese würden sich Regierungen und Ressourcen in einer Form sichern, „die uns Sorgen macht.“ 

Durch die Digitalisierung würden die Asiaten zudem Zugang zu den Köpfen der Menschen erhalten. Doch Chinas Aktionismus sei nicht nur negativ. Bereits vor 40 Jahren habe sich das Land in Afrika engagiert und damit Millionen Menschen aus der absoluten Armut herausgeholt. 

Nun gelte es dieses Engagement in Zusammenarbeit mit China in nachhaltige Wege zu leiten, meinte Müller. Daneben müsse man aber auch die lokalen Regierungen in die Pflicht nehmen. Um Fördergelder zu erhalten, sollen sich diese zur Bekämpfung der Korruption und zur Einhaltung von Rechts- und Vertragstreue sowie von Menschenrechten bekennen. 

Dementsprechend werde Deutschland seine Partnerländer von 85 auf 50 reduzieren. Zum Thema Nachhaltigkeit und Fairness meinte Wolfgang Neumayer aus dem Vorstandsteam des Weltladens Pfronten: „Der Faire Handel hat Fortschritte gemacht. Aber der große Durchbruch ist noch nicht gelungen.“ Deshalb fragte er sich, ob man sich nicht von den Zeiten der Freiwilligkeit verabschieden sollte. 

Aus diesem Grund plant Müller ein Lieferkettengesetz. Würde die Jeans vor Ort bereits einen Dollar mehr kosten, könnten Existenz sichernde Löhne gezahlt werden, so der Entwicklungsminister. Diese könnte dann immer noch für 50 Euro in Pfronten verkauft werden. „Diese Spanne muss es uns wert sein.“

kk

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