Es gibt kein Patentrezept

Experten diskutieren in Schwangau das Thema "Overtourism" im Allgäu

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Augustin Kröll (v.l.), langjähriger Skiliftchef, Professor Dr. Alfred Bauer (3.v.l.), Tourismusexperte an der Hochschule Kempten, und Thomas Frey (rechts), Regionalreferent Schwaben des Bundes Naturschutz, diskutieren im Schlossbrauhaus Schwangau über das Phänomen „Overtourism”. Katja Auer (2.v.l., Teamleiterin der SZ-Bayernredaktion, modiert die Veranstaltung.

Schwangau – Wenn sich im Sommer in der touristischen Hauptsaison mal wieder der Verkehr von Füssen nach Schwangau staut, ist schnell von „Overtourism“ die Rede. Ein Wort, das immer wieder durch die Medien geistert, wenn Touristen massenhaft in bestimmte Regionen strömen und dort vermeintlich die Lebens- und Aufenthaltsqualität der Einheimischen und Gäste einschränken.

Im Allgäu war davon zuletzt beim geplanten Hotel am Festspielhaus oder aktuell bei der geplanten „Grünten Berg-Welt“ die Rede. Doch entspricht dieses Gefühl auch den Fakten? Dieser Frage gingen am Donnerstag Fachleute aus Tourismus, Wirtschaft und Umweltschutz bei einer Podiumsdiskussion im Schlossbrauhaus nach, zu der die Süddeutsche Zeitung eingeladen hatte. Wie sehr das Thema den Allgäuern unter den Nägeln brennt, zeigte die Resonanz: Rund 200 Zuhörer waren gekommen. 

Einen „Overtourism“ gibt es im Allgäu zwar nicht, an einigen „Hotspots“ wird es den Einheimischen allerdings zu viel. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, bei der Studenten der Hochschule Kempten über 1800 Allgäuer zwischen März und Mai befragt hatten. Dabei erklärten drei Viertel der Befragten, dass sie sich nicht durch den Tourismus gestört fühlen, berichtete der Kemptener Tourismus-Experte Prof. Dr. Alfred Bauer. Über 80 Prozent waren auch davon überzeugt, dass das Allgäu den Tourismus braucht, weil viele davon leben. 

48,7 Prozent waren allerdings der Meinung: Es ist gut so wie es ist – das Allgäu braucht nicht mehr und nicht weniger Tourismus. Im Ostallgäu waren das sogar 52,1 Prozent. Somit scheint also für viele eine Grenze erreicht zu sein. Und an manchen Orten wird sie sogar überschritten. So waren sich 59,7 Prozent sicher, dass der Tourismus die Allgäuer, vor allem an bestimmten Orten, belastet. Ganz oben mit 49,4 Prozent: Schloss Neuschwanstein. 

„Außer ein paar Hotspots haben wir keinen ,Overtourism‘ im Allgäu“, meinte auch Diskussionsteilnehmer Augustin Kröll, langjähriger Skiliftchef und Seilbahnunternehmensberater im Oberallgäu, der davor warnte diese Bezeichnung nach außen zu tragen. Derzeit gebe es im Tourismus eine gesunde Steigerungsrate von 2,8 bis drei Prozent bei den Übernachtungen. Dennoch liege die Auslastung der Unterkünfte nur bei 50 Prozent. „Es gibt viele Ferienwohnungen, die weit unter 40 Prozent sind“, erklärte Kröll. „Wir können nicht sagen: es reicht.“ Der ehemalige Skiliftchef fügte hinzu: „Für den Gast ist die Welt hier in Ordnung und aus meiner Sicht ist sie das auch.“ 

Vorbildlich unterwegs

Bereits vor 20 Jahren hätten sich Bergbahnbetreiber Gedanken gemacht, wie sie mit Blick auf das Klima ihre Unternehmen vernünftig aufstellen können. Sein Fazit: Egal ob Hoteliers, Bergbahnbetreiber oder Gastronomen auf dem Berg oder im Tal, – „viele sind vorbildlich unterwegs“, sowohl was die Regionalität als auch die Klimaneutralität angehe. Deshalb stimme auch die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis. 

Entscheidend sei aber, die Menschen in den derzeit genutzten Räumen zu bündeln. Strömen sie in den freien Raum, wäre das eine Katastrophe für Flora und Fauna. Werden diese aber gut gemanagt, „sehe ich überhaupt kein Problem. Die Räume, die jetzt frei sind, bleiben frei“, erklärte Kröll, wofür er Applaus vom Publikum bekam. 

„Das Allgäu wächst nicht mit vom Platz her“, wandte jedoch Diskussionsteilnehmer Thomas Frey, Alpenbeauftragter und Regionalreferent Schwaben des Bund Naturschutz, ein. „Die Touristen kommen vor allem wegen der Natur und der Landschaft. Wir müssen das bewahren, weshalb die Leute kommen“, appellierte er. „Die Natur und Landschaft darf nicht zur Kulisse verkommen.“ 

Denn die Region sei ein Juwel der naturnahen Landschaft, wie es sie in Deutschland nicht mehr gebe. Die Frage sei allerdings, was in Zeiten der Klimaerwärmung mit all den kleinen Skiliftbetrieben im Allgäu passiere. Sie in Funparks umzuwandeln, sei „sicher der falsche Weg“, so Frey. 

Zudem sei es in den vergangenen Jahren zu einer deutlichen Kapazitätssteigerung gekommen. Viele Investitionen seien darüber hinaus in die Hochlagen der Berge gewandert. „Hier ist das rechte Maß gefragt. Einige Investitionen haben das absolut überschritten“, sagte der Naturschützer, wofür er Applaus und Bravo-Rufe aus dem Publikum erhielt. 

Problem Verkehr

Beide Redner waren sich allerdings einig, dass man sich beim Thema Verkehr Gedanken machen müsse. „Das Problem ist die Masse an Autos und die katastrophale Leistung der Bahn“, ist Kröll überzeugt. Der Verkehr habe in den vergangenen 17 Jahren um 30 Prozent zugenommen, wobei ihn zum großen Teil auch die Allgäuer selbst verursachen. Gleichzeitig sei es für die Touristen fast nicht möglich, mit der Bahn aus Bayern und Baden-Württemberg anzureisen. „Die Bahn wäre eine große Chance“, ist Kröll überzeugt und führte als gelungenes Beispiel die Schweiz an. 

Um das zu ändern, sah Frey aber die Politik in der Pflicht. Der heutige Zustand sei das Ergebnis langjähriger politischer Entscheidungen. Statt die A7 bis zum Grenztunnel Füssen zu verlängern oder den Ausbau der B12 voranzubringen, hätte die Politik lieber in die Elektrifizierung der Außerfernbahn und der Allgäuer Zugstrecken investieren sollen. „Wir sind finanzpolitisch so dermaßen weit weg, dass mir das Mitleid fehlt. Das wäre relativ einfach zu lösen.“ 

Auch beim ÖPNV habe sich bisher nur wenig getan. Mit Blick auf Österreich sah Frey hier die Lösung in einem ÖPNV, der von einer kommunalen Gebietskörperschaft getragen wird. „Die Politik hat nicht vollends die Hand darauf“, meinte er zur aktuellen Situation. 

Alle sind gefordert 

Mobilität und Verkehr seien zwar ein wichtiges Thema, wandte Bauer ein. Das Problem darauf zu reduzieren, hielt der Tourismusprofessor aber für zu kurz gedacht. 

Schließlich hätte die Umfrage ergeben, dass sich viele Einheimischen auch beim Skifahren oder in den Bergen durch den Tourismus gestört fühlen. „Das hat nichts mit dem Verkehr zu tun“, so Bauer. „Nachhaltigkeit und Naturverträglichkeit werden das beherrschende Thema sein in den nächsten Jahren. Wir brauchen nicht überall Funparks.“ Zumal Touristen hauptsächlich wegen der Natur, Landschaft, Ruhe und Erholung ins Allgäu kommen. „Wenn sie das nicht finden, werden die Leute reagieren!“ 

So hätte in einer Umfrage jeder Vierte erklärt, sich Gedanken über ein anderes Urlaubsziel zu machen, sollte das ursprüngliche Ziel zu überlaufen sein. „25 Prozent geben schon zu denken“, meinte Bauer. Deshalb sollten sich alle Gedanken machen, wie man die Attraktivität des Allgäus erhalten kann. 

Dabei sei es nicht die Aufgabe der Touristiker eine Lösung auf den Tisch zu legen, widersprach er Krölls Forderung. Vielmehr sollten alle Nutzergruppen, auch die Einheimischen, in ein künftiges Konzept miteinbezogen werden. „Reds miteinander und ich glaube, dann kommt was Gutes dabei raus.“

kk

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