Landesamt für Umwelt: "Indizien lassen keine endgültige Bewertung zu"

Noch keine Beweise für einen Wolf am Grünten

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Ob die fünf Kölber am Grünten tatsächlich von einem Wolf gerissen wurden, ist derzeit noch völlig unklar.

Landkreis/Oberallgäu – Die Landwirte und Fachbeauftragten am Landratsamt Oberallgäu sind sich sicher: Ein oder mehrere Wölfe haben rund um den Grünten in den vergangenen Tagen fünf Kälber getötet. Die Politik sei nun gefordert, den Wolf zum Abschuss frei zu geben. Doch gehen die toten Kälber tatsächlich auf das Konto des unter Artenschutz stehenden Raubtieres? 

Die Experten des Landesamtes für Umwelt (LfU) warnen zumindest vor voreiligen Festlegungen: „Die bisher vorliegenden Indizien lassen noch keine endgültige Bewertung zu und deuten auch nicht zwingend auf einen Wolf hin“, teilte die Behörde am Donnerstag auf Anfrage des Kreisbote mit. 

Seit dem Auffinden von vier getöteten, angefressenen und verstümmelten Kälbern im Gebiet um den Grünten beherrscht der Wolf die Schlagzeilen (der Kreisbote berichtete am Mittwoch). Nachdem die Landwirte Anfang der Woche medienwirksam Alarm geschlagen und von der Politik schnelles Handeln gefordert haben, überboten sich in dieser Woche die heimischen Abgeordneten quer durch die Parteien mit Rufen nach einem Abschuss des Tieres. „In unserer Region kann der Wolf keinen Lebensraum finden“, ließ etwa der Landtagsabgeordneten der Freien Wähler, Dr. Leopold Herz, ausrichten. Schließlich ist Wahlkampf und die Landwirte im Allgäu sind zahlreich und potenzielle Wähler. 

Dass es bislang keine Beweise dafür gibt, dass die Kälber tatsächlich dem „großen Beutegreifer“ zum Opfer gefallen sind, spielte da kaum eine Rolle. 

Zweifel an einer Täterschaft des Wolfs äußerten am Donnerstag auf Anfrage des Kreisbote aber die Experten des LfU in Augsburg. Sie verwiesen darauf, dass die bislang vorliegenden Indizien keineswegs eindeutig seien. Insbesondere fehlen noch die Ergebnisse der genetischen Analytik, die in der Regel etwa 14 Tage in Anspruch nehme. „Das LfU bemüht sich, die Ergebnisse so schnell wie möglich zu erhalten“, teilte die Behörde mit. 

Die Augsburger Experten betonten, dass bislang lediglich feststehe: 

• Ein Kalb in Burgberg starb durch massive, stumpfe Gewalteinwirkung. Ein (mittel)großer Beutegreifer (Wolf oder Hund) als Verursacher sei daher nicht auszuschließen. 

• Ein Kalb in Wertach weise dagegen keine Verletzungen an Hals, Nacken oder Rücken auf, jedoch an den beiden Hinterbeinen eine massive, eher stumpfe Gewalteinwirkung und Quetschungen von außen. Auch hier sei als Verursacher ein großer Beutegreifer wie Wolf oder Hund möglich. 

• Im Fall eines weiteren toten Kalbes, das bei Wertach gefunden wurde, liege das Untersuchungsergebnis der Zweituntersuchung noch nicht vor. Daher sei derzeit noch keine vorläufige Bewertung möglich. 

• Die Auffindesituation und Merkmale an den Körpern der beiden toten Kälber in Kranzegg könnten nach einer ersten Sichtung durch Experten auf eine Totgeburt und anschließenden Befraß, zum Beispiel durch einen Fuchs, hinweisen. Auch hier wurde jedoch eine genetische Untersuchung eingeleitet.

 Aufgrund der Häufung der Fälle will das LfU nun nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Landwirtschaftsverwaltung und dem zuständigen Landratsamt in Sonthofen einen „Runden Tisch“ organisieren. Dort sollen die bisherigen Erkenntnisse dargestellt und die notwendigen Konsequenzen und möglichen Vorsorgemaßnahmen mit den Viehhaltern erörtert werden. „Vorsorgemaßnahmen sind in jedem Fall sinnvoll – unabhängig davon, ob es sich um einen wildernden Hund oder tatsächlich um einen Wolf handelt“, so das LfU. 

Generell sei das Vorgehen in derartigen Verdachtsfällen wie folgt: Bei toten Nutztieren übernimmt ein vom LfU geschultes Mitglied des Netzwerks „Große Beutegreifer“ eine erste Untersuchung vor Ort und legt dazu eine Dokumentation an. Dabei werden nicht nur die Verletzungen mit Fotos dokumentiert, sondern auch die Gesamtsituation. 

Weiterhin werden Proben zur genetischen Untersuchung genommen. So kann mit modernster Technik (DNA-Analyse) geklärt werden, ob es sich tatsächlich um einen Wolf als Verursacher handelt. In einem zweiten Schritt erfolge eine Untersuchung des Kadavers in der Tierkörperbeseitigungsanlage durch einen Amtsveterinär. Das LfU führe schließlich beide Dokumentationen zusammen und bewertet das Ereignis, gegebenenfalls unter Berücksichtigung der Genetik.

 Die Genproben werden demnach im Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik untersucht. Dieses Labor wurde auf Beschluss der Länderarbeitsgemeinschaft Naturschutz als Referenzlabor für alle Genanalysen in Deutschland zu Ereignissen mit Wölfen ausgewählt. Liegt ein Wolfsriss vor, erhält der Nutztierhalter eine umfängliche Entschädigung durch den „Ausgleichsfonds Große Beutegreifer“. 

Derzeit werde außerdem der „Bayerische Aktionsplan Wolf“ erarbeitet. Dieser stelle klar, dass beim Umgang mit dem Wolf im Freistaat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität hat. Gleichzeitig bekennt sich die Staatsregierung zur Weidetierhaltung. 

Die Weidetierhaltung muss demnach auch bei Wolfsanwesenheit ohne unzumutbare Mehraufwendungen flächendeckend und dauerhaft erhalten bleiben. 

Noch kein Wolf-Abschuss

Wie berichtet, hatte Oberallgäus Landrat Anton Klotz, angesichts der aktuellen Häufung der Fälle, eine umgehende Abschussfreigabe für den Wolf im Allgäu gefordert. Bayerns Umweltminister Marcel Huber schob dem laut Medienberichten jetzt einen Riegel vor. Demnach werde es ohne einen eindeutigen DNA-Nachweis, dass ein Wolf für das reißen und Ausweiden mehrerer Kälber im Oberallgäu verantwortlich war, keine Abschuss-Sondergenehmigung geben. 

Sollte der DNA-Nachweis den Wolf bestätigen sei ein Abschuss im Grundsatz aber denkbar. Jedoch ist solch eine Ausnahmegenehmigung an diverse gesetzliche Hürden geknüpft. Denn der Wolf ist laut der europäischen Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie der EU im Bundesnaturschutzgesetz besonders und streng geschützt. Ausnahmen von bestehenden Schutzbestimmungen sind laut dem Wildtiermanagementplan in Bayern nur im Einzelfall und unter bestimmten Voraussetzungen möglich, zum Beispiel zur Abwehr erheblicher wirtschaftlicher Schäden. 

Eine Ausnahme darf jedoch nur zugelassen werden, wenn zumutbare Alternativen nicht gegeben sind und sich der Erhaltungszustand der Population einer Art durch den Abschuss nicht verschlechtert. Darüber hinaus wäre ein Abschuss zulässig, wenn sich ein Wolf für den Menschen gefährlich verhielte und eine konkrete Gefahr für Leib oder Leben bestünde.

Kai Lorenz/Matthias Matz

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