Fachleute diskutieren über die bauliche Entwicklung in Hopfen

"Alle Beteiligten haben versagt"

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Die Bebauung der nördlichen Uferstraße in Hopfen sorgt seit Jahren für kontroverse Diskussionen. Fachleute gehen mit der Entwicklung hart ins Gericht.

Füssen – Hopfen am See wird gerne als die „Riviera des Ostallgäus“ gepriesen. Tatsächlich ist die Uferstraße mit der Seepromenade und ihrem Ausblick auf die Alpen einer der schönsten Flecken im ganzen Landkreis. Ganz anders stellt sich die Situation auf der nördlichen Straßenseite dar. 

Dort setzte in den vergangenen Jahrzehnten ein regelrechter Bauboom ein – mit bösen Folgen für das Erscheinungsbild des Ortes, wie nicht wenige Kritiker meinen. Und manche Anwohner sehen angesichts der Auswüchse mittlerweile als letzten Ausweg nur noch den Gang vor Gericht. Wie konnte es soweit kommen?

Der drohende Rechtsstreit um die geplante Erweiterung der Residenz Hopfensee wirft ein Schlaglicht auf eine Situation, die für viele Kritiker sinnbildlich für das steht, was passiert, wenn die Politik nicht handelt. Die Ursprünge reichen dabei mehrere Jahrzehnte zurück. Bis zur Gebietsreform in den 1970er Jahren war Hopfen eine eigenständige Gemeinde. Einen gültigen Bebauungsplan für den Ort gab es genau wie heute nicht. 

„Früher wurde dort in gegenseitiger Rücksichtnahme gebaut“, erinnert sich der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson. „Deshalb ist es in dieser Zeit noch relativ gut gegangen“, sagt er. „Dann kreierte man die ‚Riviera des Ostallgäus‘ – und damit ist es dann völlig entgleist.“ Denn mit den in der Folgezeit stetig steigenden Gästezahlen gingen auch Zahl und Größe der Hotels und Herbergen nach oben. 

Dazu lockte der prosperierende Stadtteil auch immer mehr Gutverdiener an, die sich am Hopfensees niederließen. Und da es nach wie vor keinen Bebauungsplan gab, konnte im Großen und Ganzen nach Gutdünken der Bauherren gebaut werden. „Die Stadt hat gar nichts getan“, so Peresson im Rückblick. 

Nach einer Rüge durch das Bayerische Verwaltungsgericht im Jahr 2002 wurde es vier Jahre später aber dann sogar dem Landratsamt Ostallgäu in Marktoberdorf zu bunt. Die Aufsichtsbehörde forderte die Füssener Stadtverwaltung auf, endlich einen Bebauungsplan für Hopfen aufzustellen, um den Wildwuchs einzudämmen. Dieser wurde dann zwar auch tatsächlich irgendwann in Auftrag gegeben – aber lange nicht ernsthaft verfolgt. „Das hat einfach geruht“, erinnert sich Peresson. 

Eine angeordnete Veränderungssperre konnte dagegen irgendwann nicht weiter verlängert werden. Bauausschuss und Stadtrat hatten so kaum noch rechtliche Handhaben, Bauvorhaben zu verhindern oder zu ihren Gunsten zu beeinflussen. 

Warten auf Rechtskraft 

Selbst nach mittlerweile über zehn Jahren nach der Anordnung der Kreisbehörde hat der Bebauungsplan noch immer keine Rechtskraft – auch wenn ihn Bauausschuss und Stadtrat in den vergangenen zwei, drei Jahren mit für Füssener Verhältnisse verschärfter Gangart angegangen sind. „Die Rechtskraft ist ja noch gar nicht absehbar“, so Peresson, der den Plan zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kahle ausgearbeitet hat. Das hat bisher vor allem zur Folge, dass Bauwerber Anfragen und Anträge für Anbauten und Erweiterungen einreichen, solange es noch geht. 

Die städtischen Gremien sind dagegen weitgehend machtlos. „Die Leute, wegen denen man diesen Bebauungsplan gemacht hat, nutzen diese Lücke ohne Gefühl für das Ortsbild aus“, kritisiert Architekt Peresson, der von einem „verkorksten Ortsbild“ spricht. „Hopfen hätte das Musterbeispiel für eine alpine Hangbebauung werden können“, ist er überzeugt. 

Diese Problematik ist auch Bürgermeister Paul Iacob (SPD) durchaus bewusst. „Es versuchen viele, noch alles unter zu bringen“, erklärt er. „Aber da lassen wir uns nicht irritieren!“ Seiner Ansicht nach zeige der Bebauungsplan bereits Wirkung. 

Dass die Situation in Hopfen durch einen rechtskräftigen Bebauungsplan nachhaltig verbessert werden kann, glaubt der Münchner Fachanwalt Dr. Bernd Tremml nicht. Er vertritt Nachbarn der Residenz Hopfensee juristisch gegen deren geplante Erweiterung (der Kreisbote berichtete am Mittwoch). Hopfen ist für ihn ein Beispiel dafür, wie schlechte Ortsplanung und Architektur die heimische Kulturlandschaft zerstören können. „Zum einen sind durch die planlose Bebauung der letzten Jahrzehnte viele irreversible Bausünden zementiert worden. Zum anderen führt der jetzt vorliegende Entwurf nicht zu einer Eindämmung der Fehlentwicklung“, so sein Urteil. Im Gegenteil: „Durch die zulässige, planlose Nachverdichtung des Plangebiets durch die Ausweisung von weiteren Baurechten wird der architektonische Wildwuchs weiter zunehmen.“ 

Wer ist verantwortlich? 

Die Verantwortung für die Fehlentwicklung sehen sowohl Peresson als auch Tremml vor allem bei Politik und Stadtverwaltung. „Eine schwache Politik und gewitzte Bauherren“ haben nach Ansicht von Peresson die Situation im Laufe der Jahre herbei geführt. „Die Verwaltung müsste auch mal hart sein“, wünscht er sich. Doch diese lasse den Bauwerbern zu oft zu viel durchgehen. „Alle Beteiligten haben versagt!“ 

Fachanwalt Tremml wirft der Stadt dagegen vor, überhaupt nicht gewillt zu sein, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Es fehle am Problembewusstsein, kritisiert er. Das zeige schon die Begründung für den Bebauungsplan. 

Bürgermeister Iacob ist ebenfalls nicht ganz zufrieden mit der Situation am Hopfensee. „Da hat sich seit den 50er, 60er Jahren einiges verändert“, sagte er im Gespräch mit dem Kreisbote. „Ob das alles architektonisch glücklich ist, ist fraglich.“ Hinsichtlich der Vorwürfe an die Politik fühlt er sich jedoch nicht angesprochen. „In meiner Zeit habe ich das Mögliche getan!“, betont er. Allerdings sei in der Vergangenheit womöglich tatsächlich verpasst worden, mit Nachdruck einen Bebauungsplan aufzustellen. „Das hätte man vielleicht machen können.“ 

An eine kurzfristige Lösung der Probleme in Hopfen glauben die Fachleute nicht. „Das lässt sich nicht so schnell heilen“, befürchtet Architekt Peresson. Eine radikale Lösung schlägt dagegen Anwalt Tremml vor: die Ausweisung eines neues Baugebietes. Doch das dürfte aufgrund der Topographie schwer werden. Gut möglich, dass der Ferienort „die unrühmliche Spitzenstellung als markantes Beispiel für die Zerstörung der Allgäuer Kulturlandschaft“, wie es Anwalt Tremml formuliert, behalten wird.

Matthias Matz

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