„Ein Patentrezept gibt es nicht“

Fachstelle für pflegende Angehörige feiert 20-jähriges Bestehen

Annett Filser leitet die BRK-Fachstelle.
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Annett Filser leitet die BRK-Fachstelle.

Füssen/Marktoberdorf – Über 70 Prozent der älteren pflegebedürftigen Personen werden zu Hause versorgt. Die Kinder, oder in vielen Fällen auch der (Ehe-)Partner, schultern die Hauptlast dabei, die Lebensqualität in den eigenen vier Wänden zu gewährleisten. Wer achtsam pflegt, ist nicht auf sich allein gestellt. Seit nunmehr 20 Jahren dient die Fachstelle für pflegende Angehörige in Marktoberdorf als beratende Anlaufstelle, die ihr Veranstaltungsprogramm längst auch in Buchloe, Füssen und Kaufbeuren anbietet. Der Kreisbote nahm das Jubiläum „20 Jahre BRK-Fachstelle“ zum Anlass, um deren Leiterin Annett Filser und ihre Kollegin Corinna Praetorius zu interviewen.

Frau Filser, wer einen Angehörigen daheim pflegt, läuft Gefahr auszubrennen. Kann die von Ihnen geleitete Fachstelle mit einem Patentrezept darauf präventiv reagieren?

Filser: „Ein Patentrezept gibt es nicht, da jede Pflegesituation anders ist. Den pflegenden Angehörigen, die mit uns Kontakt aufnehmen, sagen wir immer, dass sie für ihren Selbstschutz unbedingt Sorge tragen müssen. Die Pflegenden sollten nicht an die Grenzen ihrer eigenen Kraft gehen, denn ansonsten werden sie selbst krank und können die Pflege nicht fortsetzen.“

Ist das oft der Fall?

Filser: „Leider ja. Viele der Pflegenden berichten von eigenen gesundheitlichen Problemen und Anzeichen einer Überlastung. Über Jahre andauernde private Pflegetätigkeit kann körperlich und seelisch erschöpfen. Das geht bis hin zur akuten Gefährdung von Gesundheit. Die Treffen, zu denen wir regelmäßig einladen,dienen dem Austausch der Teilnehmer untereinander, der helfen kann, um die typischen Fehler nicht zu machen, mit denen sich die pflegenden Angehörigen noch viel stärker belasten.“

Was ist ein solcher typischer Fehler?

Filser: „Durch die hohe zeitliche Belastung droht dem pflegenden Angehörigen oftmals die Gefahr einer sozialen Isolation. Darüber sprechen wir offen und geben einen Rat, der umgesetzt werden kann. Pflegende bemerken oft sehr spät, dass die Pflege sie überfordert. Ein sehr großer Teil der Angehörigen pflegt aus Liebe und Fürsorge, dies hindert sie manchmal Hilfe von außen anzunehmen. Leichter wird es, wenn Hilfsangebote wie Angehörigengruppen, Nachbarschaftshilfe, Tagespflege, Betreuungsgruppen, Häusliche Schulungen für pflegende Angehörige oder Kurzzeitpflege genutzt werden.“

Praetorius: „Ich darf ein Beispiel aus meiner Berufspraxis ergänzen. Seit 2020 kann ich Häusliche Schulungen anbieten. Ich besuche für zirka zwei Stunden die pflegebedürftigen Personen und ihre Angehörigen daheim und kann vor Ort ganz individuell auf die vielfältigsten Pflegesituationen eingehen, Fragen beantworten, ganz praktische Hilfen geben, gemeinsam üben und so weiter. Die Pflegenden fühlen sich oft bestätigt und nehmen Tipps gut an. Die Kosten werden von der Pflegekasse übernommen.“

Wenn Sie beide als BRK-Mitarbeiterinnen betroffene Personen nach einer Terminvereinbarung fachlich beraten – was kostet denn solche Beratung?

Filser: „Als wir 2001 vom BRK die Fachstelle für pflegende Angehörige geschaffen haben, war eine wichtige Information an die Öffentlichkeit, dass unsere Beratung kostenlos sein wird. Daran hat sich nichts geändert. Wer unsere Beratung in Anspruch nimmt, zahlt dafür keinen Cent. Spenden ans BRK sind selbstverständlich immer willkommen. Dass wir für die Betroffenen tatsächlich zum Nulltarif helfen können, ermöglichen seit der Fachstellen-Gründung die eingesetzten Fördermittel.“

Woher kommt das Geld?

Filser: „Gefördert werden die Fachstellen vom Land Bayern über das Bayerische Netzwerk Pflege. Mittlerweile zählt Bayern 110 Fachstellen für pflegende Angehörige.“

Wie kann man heute sehen, dass mit der Gründung der Fachstellen eine Erfolgsgeschichte begann?

Filser: „Im Gründungsjahr haben wir mit 107 Beratungen begonnen. Heute führen wir beim BRK allein jährlich über 1340 Gespräche. Ich bin froh, dass eine zweite Stelle eingerichtet wurde. Mit Corinna Praetorius teile ich mir die Aufgaben.“

Frau Praetorius, Sie sind seit 2019 dabei. Übernehmen Sie in Absprache mit Fachstellenleiterin Filser ein besonderes Aufgabengebiet?

Prätorius: Ich bin Pflegefachkraft und Diplom-Pflegewirtin (FH). Ich habe zuvor in der stationären Pflege gearbeitet, deshalb war es mir wichtig, meine Erfahrungen in die Häusliche Pflege zu übertragen. Als besonderes Aufgabengebiet habe ich deshalb die vorhin beschriebenen Häuslichen Schulungen übernommen. Außerdem habe ich die Angehörigengruppe in Kaufbeuren gegründet, um auch dort ein solches Angebot für Pflegende zu schaffen, da unsere Angehörigengruppen in Füssen, Marktoberdorf und Buchloe sehr gut angenommen werden. Unser gemeinsames Ziel ist es, Angehörigen und Pflegebedürftigen aufzuzeigen, wie sie mit der herausfordernden Alltagssituation, den Schuldgefühlen oder der Veränderung der Rollenverhältnisse besser umgehen könnten und geben Orientierungshilfen.“

Wird der 20. Geburtstag der Fachstelle mit dem BRK-Team auch jetzt entsprechend gefeiert?

Filser: „Große Feierlichkeiten wird es zum Jubiläum nicht geben. Auch bei den Fachstellen erzwingt die Pandemie aktuelle Anpassungen. Wir freuen uns, auf die persönlichen Treffen, die hoffentlich bald wieder möglich werden. Derzeit finden Beratungen telefonisch und in dringenden Fällen unter Einhaltung der Hygieneregeln vor Ort statt.“

Geht das Programm 2021 denn weiter, mit dem zu den offenen Treffen an unterschiedlichen Orten eingeladen wird?

Filser: „Momentan bieten wir Gruppen-, Vortrags- und Schulungsangebote online an. Wir freuen uns: es funktioniert. Die Teilnehmer melden sich per E-Mail an. Gern helfen wir auch schon im Vorfeld bei technischen Fragen. Nach der Anmeldung vergeben wir den Link zur Teilnahme.“

Chris Friedrich

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