Bei den Schmerztagen geht es um Placebos, Nocebos und Glaube

Das magische Dreieck

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Haben zur Diskussion über Placeob, Nocebo und Spiritualität eingeladen: Dr. Klaus Klimczyk (v.r.), Gastreferent Professor Dr. Nico Kohls, Dr. Astrid Werner, Diplom-Psychologe Dr. Oliver Kuhnt und Ralf Schesser aus dem Team der Physiotherapie am Interdisziplinären Schmerzzentrum auf dem Enzensberg.

Hopfen am See – 150 Teilnehmer haben sich bei den „8. Enzensberger Schmerztagen“ im „Haus Hopfensee“ sehr gründlich darüber informieren können, ob Placebo, Nocebo und Spiritualität ein „magisches Dreieck“ bilden – wie ein Team der Fachklinik Enzensberg die Veranstaltung angekündigt hatte.

Typisch für die „Schmerztage“ ist das breite Angebot aus Fachvorträgen und Workshops. Humorvoll führte Chefarzt Dr. Klaus Klimczyk, Leiter des Schmerzzentrums an der Hopfener Fachklinik Enzensberg, in die zweitägige Tagung ein, die beispielsweise der Füssener Pastoralreferent Christian Schulte besuchte, um sich – wie er auf Anfrage des Kreisboten erklärte – „gezielt fortzubilden“. 

Für Franziskanerpater Michael Hubatsch war es ebenfalls „hochinteressant“, was Fachärzte, Professoren und Psychologen hier zum Thema „Spiritualität“ zur Diskussion stellten. Unter den namhaften Referenten, die von Dr. Astrid Werner, Chefärztin der Psychosomatik auf dem Enzensberg, jeweils vorgestellt wurden, war kein einziger Theologe. „Spiritualität“ werde als Container-Begriff für spätmoderne Religiosität verstanden, erklärte Klimczyk bei der Eröffnung der Tagung. 

Was in diesen Container komme, das entscheide der Glaubende selbst. Jeder Kranke sei „auch ein Glaubender“, sagte der Chefarzt. Er führte weiter aus, dass „gute Medizin“ aber nur dann funktioniere, wenn der ganze Mensch gesehen werde. „Glauben wirkt immer“, lautete seine zentrale Aussage. Der Glaube könne Berge versetzen. Placebo-Effekte sind laut Klimczyk sämtliche „seelischen und körperlichen Reaktionen, die auf den psychosozialen Kontext der Therapie zurückzuführen sind, nicht auf die spezifische Wirksamkeit einer Behandlung“. 

Viel Kontext 

Im Gegensatz hierzu seien die Nocebo-Effekte „alle negativen körperlichen Reaktionen, die nicht auf die Wirkungen oder Nebenwirkung der Behandlung zurückzuführen sind, sondern auf deren psychosozialen Kontext“. Professor Dr. Nico Kohls von der Hochschule Coburg, der auch den erkrankten Referenten Thomas Weiß aus Jena vertrat, ging der Frage nach, warum Spiritualität ein Placebo für die einen, aber auch ein Nocebo für die anderen sein könne. 

Wie er mit Blick auf Ergebnisse von Studien an Beispielen erläuterte, sei ein Mensch durch das Gefühl „Aufgehobensein“ in der Lage – anders als der ewige Zweifler – seine Schmerzen als weniger stark belastend zu empfinden. Felsenfester Glaube könne allerdings auch in Hadern umschlagen, wenn man erkranke und als Grund dafür eine Strafe Gottes vermutet werde. 

Kritische Fragen 

Kohls lehrt an seiner Hochschule „Integrative Gesundheitsförderung“, die, wie er erläuterte, „im Zeichen des demographischen Wandels“ notwendig sei. „Wir fragen kritisch, was hält Menschen gesund?“, so der Gastreferent vor dem Plenum in Hopfen. Dazu trage offenbar auch der Blick himmelwärts bei, wie an den beiden Veranstaltungstagen häufig zu hören war. 

Hans Achatz, kaufmännischer Direktor der Fachklinik, gab den teilweise weit angereisten Gästen zuvor bei seiner Begrüßung eine anschauliche Skizze, wie aus dem geplanten „Sporthotel“ über die verwirklichte „Kurklinik“ die Fachklinik mit Abteilungen wie dem von Chefarzt Dr. Klaus Klimczyk geleiteten Schmerzzentrum hervor ging. „Hier wird interdisziplinär gearbeitet“ betonte Achatz. Insgesamt hat die Fachklinik, die damit im Trend moderner Medizin liegt, aktuell 420 Betten.

Chris Friedrich

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