Einstimmung auf das Festival "vielsaitig"

Alpenfilmtheater Füssen zeigt Doku über die Spannungsfelder eines Streichquartetts

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Das Streichquartett Quatuor Ebène im Dokumentarfilm „4”.

Füssen – Mit dem Dokumentarfilm „4” über ein herausragendes Streichquartett aus Frankreich – das Quatuor Ebène – hat das Alpenfilmtheater Füssen am Dienstag auf das Kammermusikfestival „vielsaitig” eingestimmt. Der Zuschauer bekam darin einen Blick auf die intensive Arbeit eines Streichquartetts. 

Unter der Regie von Daniel Kutschinski zeigen vier französische Musiker ein ehrliches, unverblümtes, verbal fast brutales und in Momentaufnahmen unschuldig wirkendes Bild von sich. Vier Männer, vier Musiker, vier Persönlichkeiten. Ein Film voller widersprüchlicher Sehnsüchte und Gefühle, voller Streit und dennoch spürbarer Verbundenheit.

Konzerte selbst stehen bei diesem Film nicht im Vordergrund. Auch nicht die Berühmtheit und vielfachen Auszeichnungen der Streichergruppe mit Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure an der Geige, Mathieu Herzog an der Bratsche und Raphaël Merlin am Cello. Die unglaubliche Anzahl an Konzerten (120), die sie in nur einem Jahr ableisteten, sind nur nebenbei erwähnt. Kutschinski und sein Team begleiten das Quartett auf der Italien-Tournee, nach Salzburg und Berlin. Der Film zeigt nicht berühmte Profimusiker mit Starallüren. Es gibt keinen glamourösen Empfang bei den Konzerthallen. Stattdessen begleitet der Zuschauer vier Männer, vier Musiker und vier verschiedene Charaktere bei ihrer harten Arbeit hinter der Bühne. 

Das erste Bild ist ein alter, kleiner Röhrenfernseher, der das Quatuor Ebène auf der Bühne spielend zeigt. Applaus ist zu hören, dann schwenkt die Kamera auf eine Holztür durch die die vier Musiker in den Raum treten. Und wieder gehen, sich nochmals verbeugen. Szenenwechsel. Die Instrumente werden gestimmt, während der Zuschauer Nahaufnahmen der Streichinstrumente sieht. Das Holz mit seiner Maserung, die gespannten Seiten und ein Bogen, der darüber streicht. So geht der Film über in eine Probe des Quartetts, direkt eine Diskussion und einen ersten Eindruck hochkonzentrierter Arbeit mit und an der Musik. 

In einem Interview sagt jeder etwas über ihr Quartett. Raphaël vergleicht sie mit einem Planet. Jeder der Musiker sei ein Kontinent und zwischen ihnen herrschen Spannungen. Manchmal sind die Berührungen schön, manchmal sehr rau und hart. 

"Psychologisches Zeug" 

Mathieu erscheint überzeugt: sie könnten niemals Freunde sein. Pierre betont wie unglaublich gut man sich kennenlerne, wenn gemeinsam intensiv musiziert wird. Dass beim Musizieren nichts verborgen werden kann und sie alles übereinander wüssten. Es sei am Ende alles „psychologisches Zeug“ sagt Gabriel, da sie über alle Emotionen sprechen. Im weiteren Verlauf des Films scheint es, als existiere die Kamera nicht. Und das Handeln der Vier entspricht und widerspricht diesen Aussagen. Der Zuschauer begleitet das Quartett am Flughafen, am Gepäckband und im Auto dem Navigationssystem folgend. Einer schläft, einer fährt und gemeinsam erörtern sie ein Stück von Mozart singend. 

Streiten und Proben 

Der Film lebt von schnellen szenischen Sprüngen und wechselnder Geräuschkulisse. Schnell dominiert jedoch ein scheinbar ständiges, sich auch wortwörtlich wiederholendes Streiten um das eigene und das gemeinsame Musizieren. Immer wieder Szenen der Proben. Jeder der Vier sucht sich selbst in der Musik, in der Gruppe und sehnt sich nach Sicherheit im musikalischen Ausdruck und Zusammenspiel. Die Musiker streiten immer wieder über das Tempo und finden im Spiel nicht zusammen. Während Mathieu keinen Vibrator in C-Moll möchte, empfindet Pierre alles zu schnell. Raphael will energischer spielen und Gabriel scheint in der Diskussion nahezu unterzugehen. 

Einige Proben finden auch bei dem Musikpädagogen und Professor Eberhard Feltz statt. In diesen (Lehr-)Stunden zu Werken des Komponisten Béla Bartók zeigt sich das Quatuor Ebène auch als eine Gruppe von Schülern, die ihrem Lehrer lauschen. Und zwischendurch Szenen in einem Restaurant, gelöste Gespräche bei einem Glas Wein. Es wird über Fußball gesprochen, Politik und Umweltverschmutzung. Kutschinski belässt es auch dann bei Gesprächsfetzen, die eine weitere und ganz andere Perspektive auf die Männer ermöglicht. Vor den Konzerten sind Nervosität und hohe Anspannung bei den Musikern zu sehen. Danach auch tiefe Erschöpfung oder Zweifel. Es sind viele Facetten der vier Männer, die Kutschinski mit der Kamera einfangen konnte. 

Der Film ist mit Untertiteln versehen und der Zuschauer ist als Leser gefragt. Sie sprechen sehr schnell und sind emotional. 

Klebrig süß 

Schon mit den kurzen Interview-Szenen wird deutlich, dass die Künstler sich sehr stark in sprachlichen Bildern, Metaphern und Allegorien ausdrücken. Einer empfindet das Spiel klebrig süß wie Bonbons, der andere wie Balsamico-Essig. Auch ihr Mentor Feltz spricht bildhaft. So baut das Cello „eine Säule“ auf von der, mit dem Geigenspiel, „einer fällt“. Nach einer Probe sagt Mathieu: „Ich spiele wie eine furzende Kuh“. 

Mehrere Auftritte später, die sie mit Selbstvorwürfen und sich selbst beleidigender Kritik beenden – das Wort Scheiße fällt oft – , endet der Film mit einem Konzert. Ein Stück, das vorher noch heftig diskutiert wurde, ist zu hören. Der Zuschauer kann zum ersten Mal im Film mehreren Takten am Stück lauschen. Ein einziges Mal ist ein zufriedenes Quartett hinter der Bühne zu sehen. Ein Gefühl entsteht, dass die Vier sich als Musiker, als hart arbeitende und streitende Kontrahenten, als Menschen und als Freunde schätzen und achten. 

Am Mittwoch, 11. September, zeigt das Alpenfilmtheater „4” nochmals bei drei Vorführungen (15 Uhr, 17.30 Uhr und 20Uhr). Infos sind im Internet unterwww.festival-vielsaitig.de zu finden. Karten für die Filmvorstellungen gibt es im Alpenfilmtheater.

Selma Höfer

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