Folter im Atelier

Regisseur Olaf Sabelus (rechts) liest mit, während „Hochinquisitor“ Jürgen Bauer (links) vorträgt.

Mark erschütternde Schreie einer Frau dringen aus den kalten Gemäuern am Fluss, ein paar Leute genießen draußen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres, bleiben ungerührt. Im Inneren ist ein Mädel mit blutigem Leinengewand an eine Leiter gefesselt. Zwei Herren, einer in schwarzer Kleriker-Robe, der andere in Jeans schauen mit kühlem Blick aus ihren Thronsesseln herüber. Neben ihnen eine Streckbank, hinter ihnen ein abgeschalteter Heizpilz, in einer Ecke zetert ein Wellensittich in seinem Käfig. Mitten zwischen Gemälden und den Musikinstrumenten einer vergangenen Jamsession probten am vergangenen Samstag in den Kunsthallen am Lech Schauspieler ein mittelalterliches Theaterstück. Keine Laien, sondern Profis – Zuschauer waren willkommen.

„Jetzt komm ich, aber mit welchem Text?“, tirolert Schauspieler Bernhard James Lang. Im nächsten Moment, das richtige Stichwort ist ihm wieder eingefallen, fällt er mit dickem italienischem Akzent wieder in seine Rolle als Samuel Andrea Alciati zurück, die er in dem Stück „Im Namen der Hexe“ von Olaf Sabelus verkörpert. Seine Schauspielerkollegen, teils kostümiert, teils noch nicht, lassen das Textbuch als Requisite in ihren Auftritt mit einfließen, Autor und Regisseur Sabelus gibt gelegentlich Anweisungen. „Jetzt käme eine lange Pause – machen wir nicht. Umbau und weiter“, sagt er an. Die Mimen packen an und räumen das Bühnenbild um. In Füssen wird nur geprobt „In dem Stück geht es um Macht, Machtmissbrauch und Gier“, erzählt Uwe Tischendorf. Der Füssener ist der kaufmännische Macher hinter der Inszenierung, die – leider – in der Lechstadt gar nicht aufgeführt wird. Sondern in Dresden auf Burg Königstein, wo es ab Juli 18 Mal auf die Bühne kommen soll. Durch seine Verbindung zu Füssen und dem Atelier von Peter Jente in den Kunsthallen kam es zu dem ungewöhnlichen Probeort in dem ehemaligen Industriebau. Schon zum zweiten Mal bringt Tischendorf mit seinem Projekt „Commedia Horribile“ ein Stück auf die Bühne von Schloss Königstein. Viele Mitwirkende aus der Inszenierung aus dem vergangenen Jahr, „Des Teufels Buhlschaft“, sind wieder mit an Bord. Erneut offene Probe Die Schauspieler sind allesamt Profis, kommen aus München, Dresden, Innsbruck und Stuttgart. „Seit einer Woche proben wir acht bis zehn Stunden täglich“, sagt er. Tischendorf, der hauptberuflich in der Industrie arbeitet, ist seit Jahren in der Mittelalterszene aktiv. Stolz ist er vor allem darauf, dass Jürgen Bauer, ein Münchner Schauspieler mit 40 Jahren Bühnenerfahrung, den Hochinquisitor Conrad von Marburg spielt. Dieser greise Hexenjäger, der selbst so manche Leiche im Keller hat, der zumindest halbwegs gerecht regierende Landgraf Johann-Georg (Martin Strele) und die beiden armen Bauernschwestern Katharina (Sophie Berger) und Magdalena (Lilith Zikofsky) sind die Hauptfiguren in dem Stück, das Machtspiele und auch die Schrecken von Hexenverfolgung und Inquisition thematisiert. Folter- und Kampfszenen bietet das Stück ebenso wie Musik und Tanz. Noch einmal, am kommenden Samstag, 9. April, finden sich die Darsteller von „Im Namen der Hexe“ in den Kunsthallen am Lech zu einer offenen Probe ein.

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