"Irgendwann muss es gut sein"

Mit dem Nesselwanger Franz Erhart verabschiedet sich ein kommunalpolitisches Urgestein in den Ruhestand

+
Hoch hinaus: Mit Pfarrer Werner Haas (links) freut sich Nesselwangs ehemaliger Franz Erhart im vergangenen Oktober über die gelungene Sanierung der Pfarrkirche St. Andeas.

Nesselwang – Er gilt nach Aussage seines Amtskollegen Helmut Angl aus Lechbruck als einer der drei besten Bürgermeister des Landkreises: Nesselwangs ehemaliger Erster Rathauschef Franz Erhart, der nach 12 Jahren Amtszeit am 30. April altersbedingt aus dem Amt schied.

Das kommunalpolitische Urgestein des Marktes war 1990 zum ersten Mal für die CSU in den Gemeinderat gewählt worden. Nach sechs Jahren wurde er Stellvertreter von Josef Köberle und trat nach 12 Jahren 2008 dessen Nachfolge an. Mit viel Wehmut blickte Erhart jetzt auf seine vielen Jahren für den Markt in einem sehr persönlichen Rückblick zurück. 

„Mein erstes großes Projekt war der Umbau der Hauptstraße nach der Fertigstellung der A7“, so Erhart während seiner letzten Woche im Dienstzimmer im Dachgeschoss des Rathauses. Unbürokratisch, mit viel Eigeninitiative und Eigenleistung meisterten er und seine Mitstreiter das Projekt. 

Ein weiteres großes Vorhaben war der Umbau und die Erweiterung des Alpspitz-Bade-Centers. „Eigentlich stand das ABC kurz vor der Schließung und fuhr ständig ein Defizit ein“, erinnert sich Erhart während seines Rückblicks. Für 19 Millionen Euro und nach mehr als einem Jahr Generalsanierung und Erweiterung wurde das Erlebnisbad aber wieder eröffnet. „Und heute ist es eines unserer Aushängeschilder und Stützpfeiler des Tourismus im Ort. Weil wir‘s einfach angegangen sind.“ 

Das gleiche gelte für die Alpspitzbahn. „2003 war sie so gut wie pleite.“ So war auch die Bahn ein Sanierungsfall und entsprach nicht mehr den Standards mit Einer-Sessel und langen Fahrtzeit. Während seiner Zeit als Zweiter Bürgermeister war Erhart Geschäftsführer der Bergbahn und verantwortlich für die Erneuerung der ersten Sektion im Jahr 2006 und den Ausbau des Skigebiets mit einer Beschneiungsanlage und dem Bau der Sommerrodelbahn. 

Heute bringt eine moderne Kombibahn, die erste Deutschlands, im Sommer wie im Winter die Gäste auf den beliebten Nesselwanger Hausberg und in das Familienskigebiet. Die obere Sektion wurde 2010 erneuert. 

Umstrittener Kauf

In den vergangenen zwölf Jahren war Erhart auch Beiratsvorsitzender der Bergbahn. „Auch wenn nicht alle damit einverstanden waren, aber es gehört einfach zu unserer Bergbahn“, sagt Erhart mit Blick auf den Kauf des Sportheim Böck durch die Alpspitzbahn. „Es ist ein Stück Nesselwanger Geschichte!“ Bei dem 1933 durch Ludwig Böck erbauten Sportheim stand Nesselwangs erster Skilift, dessen Fundamente heute noch zu sehen sind. 

Unter die Amtszeit Erharts fällt auch die Umgestaltung der Heilig-Geist-Stiftung zu einem modernen und rentablen Pflegezentrum. Verantwortlich war er hier als ehrenamtlicher Vorsitzender des Stiftungsrats. Mehr als 200 große und kleine Projekte ging Erhart in den vergangenen 12 Jahren an und setzte sie um: Hotel- und Gewerbean- und -umsiedlungen oder die Schaffung von zwei Wohnbaugebieten realisierten Politik und Verwaltung unter anderem während seiner Amtszeit. 

Die Erweiterung der Kinderbetreuung mit dem Neubau am Badeseeweg, die Neugestaltung des Schulvorplatzes und des Kirchenvorplatzes, der damit einhergehende Kauf und der anschließende Abriss des ehemaligen Hotels „Krone“, zahlreiche Straßensanierungen, der Ausbau und die Sicherstellung der Wasserversorgung mit dem Neubau eines Hochbehälters, die Ertüchtigung und Erweiterung der Kläranlage, der Ausbau der Zufahrt zur Zillhalde ab der Abzweigung zum Bahnhof und viele weitere Projekte gehören ebenso dazu. „Es waren viele interessante dabei“, so Erhart im Rückblick auf seine Zeit als Rathauschef.

Keine Südumfahrung

Gegangen wäre das alles aber nicht ohne das eingespielte Team in der Verwaltung der Marktgemeinde oder die guten Zusammenarbeit im Rat, betont er. Einige Projekte konnte der scheidende Rathauschef jedoch nicht umsetzen. So etwa die Südumfahrung von Nesselwang oder die Umfahrung von Attlesee. „Wenn‘s nicht geht, geht‘s nicht“, so die Lehren, die Franz Erhart daraus gezogen hat. „Man darf sich dann nicht darin verbeißen, sondern muss es auch mal gut sein lassen, wenn Fakten dagegen sprechen.“ 

Besonders in Erinnerung bleiben werden dem gelernten Zimmerer, der 54 Jahre im Arbeitsleben stand, die vielen Fahrten nach Vorarlberg zu den Banken, denen das marode Hotel „Krone“ gehörte. „Ich weiß nicht mehr, wie oft wir dahin gefahren sind. Aber letztendlich haben wir‘s geschafft“, erinnert er sich heute noch. „Mir haben alle Projekte gefallen in den zwölf Jahren“, so das Fazit seiner Amtszeit. „Und ich kann mit Stolz sagen, ich habe nicht nur die Pflichtaufgaben erfüllt, sondern auch die Kür“. 

Jetzt freut er sich darauf, dass sein Tagesablauf nicht mehr terminiert ist. Auch wenn zahlreiche Vereine sich auf seine Mitarbeit freuen würden und schon angefragt haben. „Morgens einfach aufstehen, mit meiner Frau frühstücken, bei einem Kaffee die Zeitung lesen und dann zum Radeln oder Skifahren gehen oder am oder ums Haus was machen“, lauten seine Planungen. „Ich denke, ich habe meinen Beitrag schon geleistet.“ 

Vorfreude auf Freizeit

Erhart war neben dem Amt des Bürgermeisters elf Jahre Vorstand der „Harmoniemusik“, in zahlreichen Ausschüssen vertreten, sechs Jahre in der Kirchenverwaltung und mit Rat und Tat bei der Sanierung und beim Ausbau des Nesselwanger Heimathauses dabei. Jetzt freut er sich darauf, das er seine vor einem halben Jahr geborene Enkelin, nach den Ausgangsbeschränkungen sehen kann. „Keine repräsentativen Pflichten mehr, es nicht mehr jedem Recht machen müssen – darauf freut‘s mich. Auch wenn mir die Arbeit im Rathaus viel Spaß und Freude gemacht hat – irgendwann muss es gut sein“, sagt er.

„Bei vielen Entscheidungen hat mir der gesunde Menschenverstand geholfen. Es war solide handwerkliche Arbeit. Meine 30 Jahre als Zimmerermeister, der verantwortlich war für Bauprojekte von der Planung bis zur Umsetzung, die fünf Jahre als Geschäftsführer der Alpspitzbahn – das war ein reicher Erfahrungsschatz, der mir hier geholfen hat.“ 

Seinem Nachfolger Pirmin Joas (CSU), der am 1. Mai die Amtsgeschäfte übernahm, rät er: „Finde Deine eigenen Entscheidungen. Zwischen heißem und kaltem Wasser gibt‘s auch lauwarm!“ Joas dürfe nicht in die Fußstapfen seines Vorgängers treten, sondern müsse seinen eigenen Weg finden. „Politische und finanzielle Vorgaben ändern sich. Vor allem aktuell. Das wirkt sich für die Zukunft aus. Was kommt kann keiner sagen“, so der Hinweis von Erhart. „Ich bin mit 56 Jahren Bürgermeister geworden, Pirmin ist 30 – auch das sind ganz andere Voraussetzungen.

Herbert Hoellisch

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

+++ Corona-Ticker +++ 832 Fälle - derzeit 69 Personen infiziert
+++ Corona-Ticker +++ 832 Fälle - derzeit 69 Personen infiziert
Oy-Mittelberg baut neuen Radweg
Oy-Mittelberg baut neuen Radweg
Verkehrsausschuss beschließt Fahrverbot für Autos in der Ritterstraße – Radler dürfen passieren
Verkehrsausschuss beschließt Fahrverbot für Autos in der Ritterstraße – Radler dürfen passieren
Neuer Zirbenholz-Stadl von Christine Assfalg in Pfronten eröffnet
Neuer Zirbenholz-Stadl von Christine Assfalg in Pfronten eröffnet

Kommentare