Bärbel Sieber, Sprecherin der Regionalgruppe Allgäu im Bundesverband Poliomyelitis, im Interview

Corona-Impfung: „Man kann nur an die Vernunft der Menschen appellieren.“

Bärbel Sieber von der  Interessengemeinschaft von Personen mit Kinderlähmungsfolgen
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„Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Erfahrungen weiter zu geben“, so Bärbel Sieber, die als Kreisbote-Gesprächspartnerin dafür plädiert, sich impfen zu lassen.

Füssen - Bärbel Sieber aus Füssen gehört zu den Personen, die durch die Krankheit Polio gesundheitlich geschädigt wurden. Mit Blick auf die derzeitige Corona-Pandemie sieht sie Parallelen zum damaligen und heutigen Impfverfahren. Im Kreisbote-Interview erklärt Sieber: „Es zählt die Vernunft. Es ist ein Gebot der Vernunft, sich impfen zu lassen. Einen anderen Ausweg aus der Pandemie wird es nicht geben.“

Zur Person

Bärbel Sieber aus Füssen engagiert sich in der Interessengemeinschaft von Personen mit Kinderlähmungsfolgen. Sieber ist Sprecherin der Regionalgruppe Allgäu im Bundesverband Poliomyelitis – kurz Polio. Der eingetragene Verein wurde 1991 in Augsburg gegründet. Sieber gehört - anders als ihr Ehemann Manfred, der sich im Polioverein als Schriftführer engagiert – selbst zu den gesundheitlich geschädigten Personen durch Polio.

Lassen Sie sich impfen? Ihr Mann auch?

Bärbel Sieber: „Ja, auf jeden Fall. Wir meinen, das ist sehr vernünftig. Wir haben uns beraten lassen. Der Verband, den ich auf regionaler Ebene vertrete, hat einen medizinischen Beirat. Diesem Beirat gehört auch Dr. med. Peter Brauer an. Bei einer Videokonferenz sprach sich Brauer dafür aus, dass Polio-betroffene-Personen sich unbedingt impfen lassen sollen. Der Landesverband Bayer stellte einen Antrag auf Einstufung der Polio-Betroffenen zur höchsten Priorität. Ich hoffe, dass wir einen vorgezogenen Impftermin bekommen. Wir warten auf die Entscheidung des Bundesministeriums.“

Folglich zeigt sich der Polioverband sehr engagiert. Deckt sich Ihre Haltung mit der des Polio-Vereins in Gänze?

Sieber: „Ja.“

Welches sind aus Ihrer und Verbandssicht die Hauptargumente dafür, sich impfen zu lassen?

Sieber: „Aus unserer Erfahrung zeigt sich: es ist wichtig, dass es einen Impfschutz gibt. Zu der Zeit, als es die Kinderlähmung gab, wurde durch die Impfung – das war die Schluckimpfung – erfolgreich gegen das Polio-Virus vorgegangen. Sich impfen zu lassen, war damals Pflicht. Dadurch wurde die Erkrankung eingedämmt. Ähnlich stellt sich die Aufgabe im Gesundheitsschutz jetzt. Nur durch Impfen kann das neue Virus bekämpft werden. Man kann nur an die Vernunft der Mitmenschen appellieren, sich impfen zu lassen. Das muss nicht wie früher zur Pflicht werden.“

Wer sich impfen lässt, schützt sich selber und andere damit auch.

Bärbel Sieber

Verstehen Sie, dass nicht jeder dazu bereit ist, sich picksen zu lassen, zumal es sich hier um neue Impfstoffe handelt?

Sieber: „Durchaus. Aber wer sich seriöse Informationen holt, wird zum Schluss kommen: Impfen dient zum Schutz. Das ist unsere Meinung. Wir haben uns gründlich informiert. Unser Verband hat Fachleute, die ohne Wenn und Aber dazu raten, sich impfen zu lassen. Man muss doch sehen: Wer sich impfen lässt, schützt sich selber und andere damit auch.“

„Schluckimpfung ist süß. Kinderlähmung ist grausam“. Dieser Slogan war breit wirksam. Haben es die für unsere Gesundheit verantwortlichen Forscher und Politiker versäumt, ähnlich griffig für den Schutz gegen das neue Virus und seine Mutanten zu werben?

Sieber: „Nein, das Virus-Aufkommen ist zu neu. Wir stehen erst am Anfang einer Aufklärungskampagne.“

Hintergrund: Erfolgreiches Impfen schon in den 1960er Jahren

1961 starben in Deutschland noch 360 Menschen an der Kinderlähmung. „Dank der Anfang der 1960er Jahre einsetzenden Massenimpfungen gehören solche Nachrichten hierzulande der Vergangenheit an“, so der Polio-Bundesverband in einem Flyer. Für die 60.000 noch lebenden Poliobetroffenen in Deutschland ist das Thema allerdings noch sehr aktuell. Denn noch nach Jahrzehnten kann ein Problem auftreten: das Post-Polio-Syndrom (PPS). In Marktoberdorf gründeten davon betroffene Personen – darunter auf Gehhilfen angewiesene Personen mit Handicap – im Jahr 2000 eine regionale Polioselbsthilfegruppe. Die Gründer kamen aus dem Ost- und Oberallgäu. Mittlerweile wird das gesamte Allgäu betreut. Um die vor 20 Jahren erfolgte Gründung zu feiern, lud die Regionalgruppe unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ im Juni 2020 zu einer Feier ins Füssener Festspielhaus ein, musste aber coronabedingt die geplante Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von Landrätin Rita Maria Zinnecker (CSU) absagen.

cf

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